Eishockey: Schweizer sind so gut wie die Weltmeister

Gegen den Weltmeister Schweden 3:4 verloren – na und? Inzwischen sind die Schweizer so gut, dass dieses dramatische und hochstehende WM-Spektakel auch anders hätte ausgehen können.

Klaus Zaugg, Bratislava
Drucken
Teilen
Die Schweizer Tristan Scherwey (links) und Gaetan Haas (Mitte, im roten Dress) kämpfen gegen die Schweden vor deren Tor. (Bild: Andy Müller/Freshfocus, Bratislava, 18. Mai 2019)

Die Schweizer Tristan Scherwey (links) und Gaetan Haas (Mitte, im roten Dress) kämpfen gegen die Schweden vor deren Tor. (Bild: Andy Müller/Freshfocus, Bratislava, 18. Mai 2019)

«Hätte», «könnte», «eigentlich» oder «sollte» sind im Sport Fachausdrücke für Verlierer. Wer sie bemüht, versucht eine Niederlage schönzureden. Und doch gibt es auch Ausnahmen. Eine solche haben wir gestern Abend erlebt. Die Schweizer hätten gegen Schweden eigentlich gewinnen sollen und könnten durchaus Tabellenführer der Gruppe B sein.

Warum haben sie nicht gewonnen? Es war eine dieser Partien, die jeden Ausgang nehmen können. Wie es für ein unberechenbares Spiel auf glatter Unterlage eben so ist. Der Puck prallt von Verteidiger Romain Loeffel ab und ermöglicht dem Weltmeister ohne zwingende Möglichkeit den Ausgleich. Der Puck prallt im Powerplay vom Pfosten zurück, und Philipp Kuraschew kann sich nicht zum 3:3 feiern lassen. Es gibt noch einige solcher Szenen. Für und gegen die Schweiz. Für und gegen die Schweden. Die Art und Weise, wie Roman Josi die Scheibe seinem Gegenspieler durch die Schlittschuhe zaubert und Joël Genazzi das 2:2 ermöglicht, hatte auch den Segen der Hockeygötter. Und es passt, dass beim 3:4 der Puck vom Pfosten ins Netz abgelenkt worden ist.

Was sagt uns das? Dass die Schweizer inzwischen in jeder Beziehung auf Augenhöhe mit dem Weltmeister spielen. Hakan Södergren, der ehemalige Internationale, der seit Jahren die WM-Turniere fürs schwedische Fernsehen beobachtet, sagt es sogar so: «Die Schweizer sind inzwischen schneller und sie spielen schwedischer als wir Schweden.» Er meint damit das dynamische, kreative Offensivspiel, in das sich auch die Verteidiger blitzschnell einschalten.

So spielen die Schweizer erst seit der letzten WM. Das ist der grosse Unterschied: früher machte es nur ein Ausnahmezustand möglich, gegen die Titanen des Welteishockeys mithalten zu können. Unser Torhüter, der «auf dem Kopf» stand, der Favorit, der gegen uns Überheblich und nicht ganz bei der Sache war, heroischer Kampfgeist und der Beistand der Götter. So wie beim bisher letzten Sieg gegen Schweden an einer WM 2013 im Eröffnungsspiel in Stockholm (3:2). Aber mit gewöhnlichem Spiel war nichts zu machen.

Schweden – Schweiz 4:3 (1:1, 2:1, 1:1)

Bratislava. – 9085 Zuschauer. – SR Gouin/Nikolic (CAN/AUT), Jensen/Ondracek (DEN/CZE). Tore: 5. Andrighetto (Haas) 0:1. 19. Wennberg (Klingberg/Ausschluss Simon Moser) 1:1. 26. Nylander (Hörnqvist, Larsson) 2:1. 28. (27:58) Genazzi (Josi/Ausschlüsse Larsson; Praplan) 2:2. 29. (28:28) Gustafsson (Nylander/Ausschlüsse Larsson; Praplan) 3:2. 51. (50:27) Haas (Scherwey, Bertschy) 3:3. 52. (51:47) Ekman-Larsson (Nylander, Wennberg) 4:3. – Strafen: 6-mal 2 Minuten gegen Schweden, 3-mal 2 Minuten gegen die Schweiz.

Schweden: Lundqvist; Larsson, Ekman-Larsson; Klingberg, Ekholm; Gustafsson, Marcus Pettersson; Elias Pettersson, Lindholm, Landeskog; Hörnqvist, Wennberg, Nylander; Kempe, Lander, Eriksson; Lindblom, Krüger, Rasmussen; Bratt.

Schweiz: Berra; Fora, Frick; Weber, Josi; Diaz, Genazzi; Loeffel; Ambühl, Bertschy, Simon Moser; Fiala, Hischier, Praplan; Andrighetto, Haas, Scherwey; Martschini, Kuraschew, Hofmann; Rod.

Bemerkungen: Schweiz ohne Janis Moser (verletzt), Genoni (Ersatztorhüter) und Mayer (überzähliger Goalie). – Pfostenschüsse: 3. Ekman-Larsson, 33. Kuraschew. – Schweiz ab 57:56 ohne Goalie.

Schweizer spielen auf Weltklasseniveau

Gestern war es nun ein «gewöhnliches» Spiel. Will heissen: die Schweizer spielten so, wie sie inzwischen auf internationalem Niveau zu spielen pflegen. Nicht weit über ihrer durchschnittlichen Leistungsfähigkeit. Es gibt eine Szene, die uns so treffend zeigt, mit welcher Selbstverständlichkeit wir inzwischen Weltklassehockey spielen. Berns Gaëtan Haas (er wird später noch das 3:3 erzielen) stürmt unbeeindruckt von der Prominenz auf der Gegenseite nach vorne, spielt den Puck wunderbar weich hinüber zu Sven Andrighetto, und der schiebt ihn frech Henrik Lindqvist, einem der besten Goalies der Welt, wie einem Junior durch die Schoner zum 1:0 ins Netz. Und Lino Martschini wieselte so durch die gegnerische Zone, wo immer wieder mächtige Verteidiger mit über 190 Zentimeter lauerten, wie er das auch gegen Ambri oder die ZSC Lions zu tun pflegt. Wir spielen gegen den Weltmeister? Na und?

Die Schweizer waren gestern bei weitem gut genug, um den Weltmeister in die Enge zu treiben und so nahe an den Sieg zu kommen, dass wir, um die Differenz zu erklären, nicht mehr von einer spielerischen, läuferischen, taktischen Differenz, nicht mehr von Kraft, Postur und Tempo reden. Sondern lediglich von «hätte», «könnte», «eigentlich» oder «sollte». Wir waren so gut wie der Weltmeister. Was natürlich noch nicht heisst, dass wir so gut wie Weltmeister sind. Übertreiben wollen wir denn doch nicht.