Premiere: Asiaten spielen Eishockey gegen St.Gallen – und werden dabei von der Ikone Jakob Kölliker gecoacht

Am Sonntag um 14 Uhr treffen die Eisbären St.Gallen im Lerchenfeld auf eine chinesische U23-Auswahl. Die Schweizer Hockey-Legende Jakob Kölliker will dabei die Asiaten reif für Olympia machen. Ein fast unmögliches Unterfangen.

Pascal Koster
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Die Kommunikation mit den chinesischen Spielern ist für den Bieler Eishockey-Fachmann Jakob Kölliker schwierig. (Bild: Urs Flüeler/KEY)

Die Kommunikation mit den chinesischen Spielern ist für den Bieler Eishockey-Fachmann Jakob Kölliker schwierig. (Bild: Urs Flüeler/KEY)

Im Februar dieses Jahres fanden im südkoreanischen Pyeongchang die olympischen Winterspiele statt. Das Gastgeberland stellte traditionell eine Eishockeymannschaft. Trotz intensiver Bemühungen, ein schlagkräftiges Team zusammenzustellen, schieden die Südkoreaner punktelos (Torverhältnis 1:13) aus. Selbiges soll China nicht widerfahren. 2022 werden in Peking und Umgebung die nächsten Spiele ausgetragen; wenn möglich mit einem chinesischen Team, das mithalten kann.

Ob dies der Fall sein wird, hängt auch von Jakob Kölliker ab. Der Bieler war Chefcoach von Deutschland und unter Ralph Krueger Assistenztrainer der Schweizer Nationalmannschaft. Seit Ende September betreut er eine chinesische U23-Landesauswahl. Die knapp 50-köpfige Delegation weilt für ein halbes Jahr im Nationalen Sportzentrum Magglingen (NSM) und trainiert im solothurnischen Zuchwil. Die Projektidee entstammt der Kooperation der Universität Peking mit der Eidgenössischen Hochschule für Sport (EHSM), die ebenfalls in Magglingen beheimatet ist.

Den Korkball mit dem Puck ausgetauscht

«Technisch und läuferisch sind sie auf Augenhöhe mit den hiesigen 1.-Liga-Teams», sagt Kölliker über die chinesischen Jungspieler. «Aber das taktische Gespür fehlt.» Der 65-Jährige, bis 2007 Schweizer Rekordinternationaler, hat mit dem Team China seit Projektbeginn etliche Testspiele bestritten. Gegen Equipen aus der 2. Liga verloren die Chinesen anfangs hoch. Vergangenen Dienstag setzten sie mit dem Sieg über Rot-Blau Bern aber ein Ausrufezeichen. Das Team macht Fortschritte. Für Kölliker sind die vielen Tests der Schlüssel: «Jedes Spiel ist wertvoll für das taktische Verständnis.»

Kölliker leitet pro Woche bis zu zehn Trainingseinheiten. Dabei steht ihm stets eine Dolmetscherin zur Seite. Trotzdem führen die Anweisungen des Bielers oft zu Verwirrung. «Die Kommunikation wird zwar immer besser, ohne Vorzeigen klappt’s meistens aber nicht», sagt Kölliker. In den Trainings arbeitet er mit zwei separaten Teams. Im Team A sind diejenigen Spieler, die sich Hoffnungen machen, 2022 im Olympia-Kader Chinas zu stehen. Allerdings redet Kölliker Klartext:

«Derzeit sehe ich höchstens ein bis zwei Spieler, die das Zeug für die Olympischen Winterspiele haben.»

Das Team B besteht aus Quereinsteigern, die bis vor kurzem nichts mit Eishockey am Hut hatten. Sie kommen aus Sportarten wie Rollhockey, Landhockey oder Inlinehockey und sollen einst in ihren Heimatprovinzen die Leute animieren, Eishockey zu spielen; ein Projekt, das über Olympia 2022 hinausgeht.

Im Nachwuchs sind die Chinesen schlecht

«Das ist eine gute Sache», sagt Kölliker. «Den grössten Aufholbedarf hat nicht das A-Nationalteam, sondern der Nachwuchs.» In der Schweiz werde schon bei den Kleinsten mit einem gewissen taktischen Konzept gespielt. «Deshalb haben wir in diesem Bereich einen solch grossen Vorsprung.»

Für das Spiel am Sonntag gegen den Hockeyclub Eisbären St. Gallen will Kölliker, der als Spieler mit Biel dreimal Schweizer Meister wurde, keinen Tipp abgeben. «Das Resultat ist Nebensache.» Roger Herzig, Präsident der St. Galler, rechnet indes mit einem Unentschieden oder knappen Sieg für den Drittligisten. Die Gäste aus China sind schwer einzuschätzen. Herzig ist dennoch überzeugt, dass die körperliche Komponente des Eishockeys dem Heimteam entgegenkommt.

«Die Chinesen sind von Natur aus filigraner gebaut. Wir St.Galler sind härter im Austeilen.»

Auch bezweifelt er, dass die Chinesen in taktischen Belangen mit dem 3.-Liga-Team mithalten können. «Eishockey ist ein schneller Sport. Es braucht viel Zeit, um einem unerfahrenen Team das Gefühl fürs Spiel einzuimpfen.» Dass das Team China den Weg nach St. Gallen überhaupt antritt, ist unter anderem Gordon Walter zu verdanken. Der Trainer der Eisbären St. Gallen kennt Kölliker aus alten Tagen.