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Interview

Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer: «Mit Selbstmitleid verliere ich keine Zeit»

Das Schweizer Eishockey-Nationalteam startet am Samstag (12.15 Uhr) gegen Italien in die WM. Nationaltrainer Patrick Fischer spricht über Vertrauen, Emotionen und ein Schlüsselerlebnis.
Marcel Kuchta und Etienne Wuillemin
Patrick Fischer: «Es geht hier nicht um Leben und Tod.» (Bild: Pascal Müller/Freshfocus (Genf, 24. April 2019))

Patrick Fischer: «Es geht hier nicht um Leben und Tod.» (Bild: Pascal Müller/Freshfocus (Genf, 24. April 2019))

Wie oft ist Ihnen das verlorene Penaltyschiessen im WM-Final gegen Schweden noch durch den Kopf gegangen?

Patrick Fischer: Natürlich war ich in dem Moment, als die Niederlage Tatsache wurde, extrem enttäuscht. Auch noch am Tag danach. Als wir dann aber in der Schweiz von den vielen Fans so herzlich empfangen wurden, da wurde mir bewusst, dass wir ja trotzdem etwas Grosses erreicht haben, obwohl wir nur haarscharf am ganz grossen Triumph vorbeigeschrammt sind. Mir hat eher Kevin Fiala sehr leidgetan. Er haderte noch lange mit der grossen Chance, die er in der Verlängerung vergeben hatte.

Also hatten Sie im Sommer keine unangenehmen Backflashs?

Es sind vor allem die Reaktionen der Leute auf der Strasse, die einen immer wieder an die WM erinnerten. Aber es waren durchwegs positive Rückmeldungen. Am meisten freute mich, wenn ich von den Menschen hörte, dass sie die Auftritte der Mannschaft, die Art und Weise, wie wir spielten und uns präsentierten, sehr beeindruckt hätten. Und es ist so: Auch wenn wir verloren haben, war Kopenhagen von den Emotionen her genial.

Damit konnte man nach dem Olympia-Debakel von Pyeongchang ja wirklich nicht rechnen.

Wir gingen angeschlagen nach Kopenhagen. Wir wussten, dass wir dort liefern müssen. Gleichzeitig schafften wir es aber, trotz des Erwartungsdrucks die nötige Lockerheit zu bewahren.

Können Sie etwas zum Aufarbeitungsprozess zwischen Olympia und WM 2018 erzählen?

Für mich war nach der Enttäuschung von Pyeongchang wichtig, mit den Spielern zu reden. Haben sie noch das Vertrauen ins Coaching-Team? Glauben sie an den Prozess? Wenn die Spieler nicht mehr an das Projekt glauben, dann wird es schwierig. Dann muss man aufhören. Aber ich spürte, dass das Vertrauen da war. Auch von meinen Vorgesetzten im Verband. Sie blieben ruhig und liessen uns Zeit. Und ich wusste, dass wir uns revanchieren werden.

Von aussen wurde Ihnen nur noch wenig Kredit gegeben.

Was die Leute rundherum sagen, kann ich sowieso nicht kontrollieren. Wir können nicht mehr, als uns so gut wie möglich zu präsentieren. Aber ja: Nach Pyeongchang war es relativ unruhig im Schweizer Eishockey-Universum gegenüber mir und der Mannschaft.

Hatten Sie nie Zweifel an Ihrer Arbeit?

Nein. Natürlich spürte ich diese Zweifel im Umfeld. Aber das ist der Sport. Mit dem muss man umgehen können. Ich bin keiner, der sich in so einem Moment lange den Kopf zerbricht. Tat es weh? Ja. War ich enttäuscht? Ja. Aber ich habe mein Bestes gegeben. Ich sagte mir: «Heute schmerzt es. Morgen ist ein neuer Tag. Helm richten und auf gehts.» So bin ich. Mit Selbstmitleid verliere ich sowieso keine Zeit. Es braucht auch solche Rückschläge, um wachsen zu können.

Der Erfolg einer Schweizer Nationalmannschaft steht und fällt mittlerweile auch mit der Beteiligung der NHL-Spieler. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Man merkt gerade bei den Spielern mit den 90er-Jahrgängen, dass die Ausbildung in der Schweiz viel besser geworden ist. Diese Spieler sind schon mit sehr guten Voraussetzungen nach Nordamerika gewechselt. Und diese Jungs wie Roman Josi, Timo Meier, Nino Niederreiter, Kevin Fiala oder Nico Hischier sind einfach gut. Man merkt auch, dass die Schweizer Spieler in der NHL ernst genommen werden, dass sie einen grossen Einfluss auf ihre Mannschaften haben können.

Macht es Sie eigentlich besonders stolz, dass die NHL-Spieler, wenn es Ihre Gesundheit und Ihre vertragliche Situation zulässt, so gerne in die Nationalmannschaft kommen?

Ich glaube, dass das weniger mit mir zu tun hat. Das ist eine Frage des Charakters. Josi oder Niederreiter kamen auch schon unter Sean Simpson an die WM. Die sagen: «Wenn es die Situation erlaubt und ich gesund bin, dann komme ich. Du musst mich gar nicht fragen.» Die wollen für die Schweiz spielen. Wenn Spieler dieses Kalibers solchen bedingungslosen Einsatz zeigen, was wollen dann die anderen sagen? Man braucht solche Vorbilder. Letztes Jahr flog Josi mit Nashville im siebten Spiel gegen Winnipeg aus den Playoffs. Einen Tag später sass er im Flieger nach Kopenhagen. Der Captain der Nashville Predators. Solche Aktionen helfen natürlich dem ganzen Programm. Und sie motivieren mich auch.

Sie wirken gegen aussen immer sehr ruhig und gelassen. Was hilft Ihnen, Ihre emotionale Mitte zu finden?

Als Spieler war ich auf emotionaler Ebene ständig auf einer Berg-und-Tal-Fahrt. Mir fehlte oft der Abstand. Ich liess mich durch gute Spiele blenden, dafür von schlechten runterziehen. Ich hatte zwar eine gute Karriere, aber ich hätte wohl noch mehr erreichen können.

Und als Trainer?

Grundsätzlich gilt: Es ist für mich ein Traum und eine Ehre, in meinem Lieblingssport mein Lieblingsland vertreten zu dürfen. So den Leuten etwas zurückzugeben, ihnen Freude zu bereiten. Gleichzeitig ist mir aber auch bewusst: Es geht hier nicht um Leben und Tod. Als Spieler fehlte mir dieser Blickwinkel. Mir ist einfach wichtig, dass ich und mein Coaching Staff immer unser Bestes geben und so versuchen, das Beste aus der Mannschaft herauszuholen.

Sie haben sich nach dem Rücktritt als Spieler ausgeklinkt aus dem Eishockey. Würden Sie das wieder so machen?

Für mich gab es 30 Jahre lang nur Eishockey. Ich musste mir mit 33 die Frage stellen: Was mache ich nachher? Ich musste herausfinden, was ich noch anderes kann als Pucks rumschiessen. Letztlich geht es im Leben doch um die innere Befriedigung. Ich merkte, dass ich gerne mit Menschen arbeite, dass ich die Leute gerne inspiriere und motiviere. Deshalb bin ich automatisch wieder ins Eishockey zurückgekommen.

Gab es dabei ein Schlüsselerlebnis?

Ich weiss noch, dass ich schon als Junior meinen Teamkollegen Tipps geben konnte, die diese dann erfolgreich auf dem Eis umsetzten. Ich merkte, dass mich so ein Erfolgserlebnis fast mehr berührt, als wenn ich selber ein Tor erziele.

Da gäbe es ja durchaus noch Berufsfelder ausserhalb des Eishockeys.

Ja, zum Beispiel Life-Coaching. Ich merke, dass viele Menschen Mühe haben, mit gewissen Situationen umzugehen. Wenn ich gefragt werde, was meine grosse Stärke als Spieler war, sage ich immer: «Ich war nicht der Schnellste, der Grösste und der Härteste. Ich war auch weder der allerbeste Schütze noch der Supertechniker. Aber ich konnte im entscheidenden Moment meine beste Leistung abrufen.» Das versuche ich auch jetzt als Trainer: Meine Jungs so weit zu bringen, dass sie bereit sind, wenn es zählt.

Wie vermittelt man dieses Gefühl?

Ich denke, entscheidend ist, dass man in die eigenen Fähigkeiten vertraut. Und in Drucksituationen trotzdem mit einer gewissen Lockerheit ans Werk geht. Wenn Sie bei uns vor dem WM-Final in die Garderobe gekommen wären, hätten Sie nicht für möglich gehalten, dass jetzt so ein wichtiges Spiel auf dem Programm steht. Es war ein Mix zwischen gesunder Selbstsicherheit und dem unbedingten Drang, endlich auf dem Eis loslegen zu können. Mein Ziel ist es, dass sich jeder Spieler wohl fühlt und so in der Lage ist, seine beste Leistung abzuliefern.

Zur Person

Patrick Fischer nimmt seine vierte WM als Headcoach der Schweizer Nationalmannschaft in Angriff. Der 43-jährige Zuger feierte im vergangenen in Kopenhagen zusammen mit seinen Spielern eine ungeahnte Renaissance. Nach dem Debakel an den Olympischen Spielen in Pyeongchang (Achtelfinal-Out gegen Deutschland) holten die Schweizer an der WM sensationell die Silbermedaille.

Das Kader der Schweizer Nationalmannschaft an der WM in der Slowakei

Tor: Reto Berra (Fribourg-Gottéron)Tor:
Reto Berra (Fribourg-Gottéron)
Leonardo Genoni (Bern)Leonardo Genoni (Bern)
Robert Mayer (Genève-Servette).Robert Mayer (Genève-Servette).
Verteidigung: Raphael Diaz (Zug)Verteidigung:
Raphael Diaz (Zug)
Michael Fora (Ambri-Piotta)Michael Fora (Ambri-Piotta)
Lukas Frick (Lausanne)Lukas Frick (Lausanne)
Joël Genazzi (Lausanne)Joël Genazzi (Lausanne)
Roman Josi (Nashville Predators/NHL)Roman Josi (Nashville Predators/NHL)
Romain Loeffel (Lugano)Romain Loeffel (Lugano)
Janis Moser (Biel)Janis Moser (Biel)
Yannick Weber (Nashville Predators/NHL).Yannick Weber (Nashville Predators/NHL).
Sturm: Andres Ambühl (Davos)Sturm:
Andres Ambühl (Davos)
Alessio Bertaggia (Lugano)Alessio Bertaggia (Lugano)
Christoph Bertschy (Lausanne)Christoph Bertschy (Lausanne)
Kevin Fiala (Minnesota Wild/NHL)Kevin Fiala (Minnesota Wild/NHL)
Gaëtan Haas (Bern),Gaëtan Haas (Bern),
Nico Hischier (New Jersey Devils/NHL)Nico Hischier (New Jersey Devils/NHL)
Grégory Hofmann (Lugano),Grégory Hofmann (Lugano),
Philipp Kuraschew (Québec Remparts/QMJHL)Philipp Kuraschew (Québec Remparts/QMJHL)
Lino Martschini (Zug)Lino Martschini (Zug)
Simon Moser (Bern)Simon Moser (Bern)
Vincent Praplan (Springfield Thunderbirds/AHL)Vincent Praplan (Springfield Thunderbirds/AHL)
Damien Riat (Biel)Damien Riat (Biel)
Noah Rod (Genève-Servette)Noah Rod (Genève-Servette)
Tristan Scherwey (Bern).Tristan Scherwey (Bern).
Coach:Patrick FischerCoach:
Patrick Fischer
Assistenten: Tommy Albelin (rechts) und Christian Wohlwend.Assistenten:
Tommy Albelin (rechts) und Christian Wohlwend.
27 Bilder

Das Kader der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft an der Weltmeisterschaft in der Slowakei

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