EISHOCKEY: «An unserem System ändern wir nichts»

Der 67-jährige René Fasel ist seit 1994 Präsident des Internationalen Eishockey-Verbandes (IIHF). Der Fribourger sagt, warum es jedes Jahr eine Weltmeisterschaft braucht.

Klaus Zaugg
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56. Minute: Jonas Hiller hat das 4:4 kassiert. (Bild: Peter Schneider/Key (Paris, 6. Mai 2017))

56. Minute: Jonas Hiller hat das 4:4 kassiert. (Bild: Peter Schneider/Key (Paris, 6. Mai 2017))

Interview: Klaus Zaugg

René Fasel, wir haben eine Frage, die Sie sicher mindestens schon hundert Mal beantworten mussten. Warum haben wir jedes Jahr eine Weltmeisterschaft?

Warum findet Wimbledon jedes Jahr statt? Warum die Tour de France? Bringen Sie mir eine bessere Lösung.

Die WM findet nur noch alle drei oder vier Jahre statt.

Die WM ist das Highlight jeder Saison. 16 Nationalmannschaften zelebrieren Hockey auf höchstem Niveau.

Dagegen gibt es nichts einzuwenden. Aber muss es jedes Jahr sein? Die Klubgeneräle klagen über Terminnot.

Wie viele Partien trägt heute ein Klub pro Saison aus?

Zwischen 70 und 80.

Ja, mit Vorbereitungspartien eher noch etwas mehr. Warum tragen die Klubgeneräle so viele Spiele aus?

Um mehr Geld einzunehmen.

Richtig. Und warum müssen die Klubgeneräle immer mehr Geld einnehmen?

Weil sie immer mehr Geld ausgeben.

Auch richtig. Damit sind wir beim Kern des Problems. Wir haben Studien gemacht. 100 Spiele pro Saison verkraften nur noch aussergewöhnlich gute Spieler. Zusammen mit Länderspielen und der Weltmeisterschaft kommt heute ein Spitzenspieler auf rund 100 Partien. Bei so vielen Partien ist die Verletzungsgefahr durch Übermüdung bereits gross. Und weil bei so vielen Spielen die Verletzungsgefahr gross ist, sind auch die Versicherungen teuer.

Also machen wir nicht mehr jedes Jahr die WM, und das Problem ist gelöst. Es geht am Ende des Tages um die Anteile an diesen rund 100 Spielen. Die Klubs wollen immer mehr, der internationale Verband will wegen der WM auch seinen Anteil.

Wenn die Klubgeneräle alle 100 Spiele austragen könnten, würde sich nichts ändern. Sie würden einfach mehr Geld ausgeben. Am Ende einer Saison fehlen fast allen 20 Prozent Einnahmen.

Aber warum jedes Jahr eine WM? Wir können aus Klubsicht sogar ketzerisch fragen: Warum überhaupt eine WM?

Wer so fragt, hat den Sport nicht verstanden. Wir wissen aus anderen Sportarten, wie wichtig eine Nationalmannschaft ist. Nur sie vereint alle Fans eines Landes, und dadurch bekommt ein Sport auch eine höhere politische Bedeutung. Jeder Sport braucht eine nationale Identität, und diese Identität bekommt der Sport nur durch eine Nationalmannschaft und letztlich durch eine WM. Sie bringt als Einzige alle Fans eines Landes zusammen.

Einverstanden. Und doch können wir die Frage stellen, ob es denn jedes Jahr eine WM braucht.

Durch die WM grenzen wir die Spiele in den nationalen Meisterschaften ein. 80 Spiele sind wirklich genug.

Das sind alles gute Gründe. Aber in Tat und Wahrheit braucht es aus finanziellen Gründen für den internationalen Verband jedes Jahr eine WM.

Die Weltmeisterschaft ist tatsächlich für uns auch finanziell notwendig. Unsere Einnahmequellen sind die Olympischen Spiele, die Weltmeisterschaft und die U20-WM. Diese drei Turniere bringen uns in vier Jahren rund 160 Millionen Franken ein. Dieses Geld investieren wir zu 90 Prozent wieder in den Sport. Wir führen jedes Jahr 35 WM- oder Kontinental-Turniere durch, auch für Junioren und Frauen.

Braucht es diese Turniere?

Ja. Nur so können wir das Eishockey weltweit entwickeln. Wir haben die Anzahl der teilnehmenden Nationen bei den Asien-Spielen von 5 oder 6 auf 19 erhöht. Sie können nun einwenden, ob es denn etwas bringe, Eishockey in Malaysia oder Singapur zu fördern. Meine Antwort ist: Asien ist der einzige Kontinent, auf dem der Sportmarkt noch nicht aufgeteilt ist und Eishockey grösser werden kann. China ist eine riesige Chance.

Also bleibt es dabei: jedes Jahr eine WM?

Ja. Die positiven Aspekte sind viel grösser als die negativen. An unserem System ändern wir nichts. Sonst rütteln wir an den Grundfesten unseres Sports.