Einer erforscht Sehgewohnheiten

In Pose werfen sich Ray Hegelbachs Kuchen- und Säulendiagramme in Öl und Holz. Der mit dem Adolf-Dietrich-Förderpreis ausgezeichnete Künstler Ray Hegelbach zeigt sie im Kunstraum Kreuzlingen.

Christina Genova
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Ray Hegelbach setzt sich mit unserem Bildervorrat auseinander und hinterfragt in seinen Diagrammen aus Öl und Holz, was uns real und selbstverständlich scheint. (Bild: Dieter Langhart)

Ray Hegelbach setzt sich mit unserem Bildervorrat auseinander und hinterfragt in seinen Diagrammen aus Öl und Holz, was uns real und selbstverständlich scheint. (Bild: Dieter Langhart)

KREUZLINGEN. «Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast», geht das Wort. Ray Hegelbach, diesjähriger Preisträger des Adolf-Dietrich-Förderpreises, hat es sich zu Herzen genommen. Er erforscht und hinterfragt in der mit dem Preis verbundenen Ausstellung «Yes No Maybe I don't know» im Kunstraum Kreuzlingen unsere Wahrnehmung von Diagrammen, gemäss Definition grafischen Darstellungen von statistischen Daten, Sachverhalten oder Informationen.

Dem geflügelten Wort zum Trotz neigen wir dazu, Diagrammen und Statistiken bedenkenlos zu vertrauen, denn was sich so klar und scheinbar eindeutig präsentiert, muss doch einfach den Tatsachen entsprechen.

Posierende Diagramme

Sich mit Diagrammen zu beschäftigen, gehört kaum zu den lustvollen Tätigkeiten. Ray Hegelbach aber versteht es, aus dieser trocken erscheinenden Versuchsanordnung ein verspieltes Experiment zu machen. Stolz und ihrer Bedeutung bewusst werfen sich bei ihm die Kuchen- und Säulendiagramme in Pose. Hegelbach gesteht ihnen ein Eigenleben zu und porträtiert sie vornehm in Öl. Als Vorbilder dienten ihm oft Gemälde des spanischen Malers Diego Velázquez aus dem 17. Jahrhundert. Hinweise darauf liefern die Bildtitel, die Hegelbach ebenso verfremdet wie dessen Werke; bei «Lady with a fan schwefelarm» war es das Bildnis «Die Dame mit dem Fächer» oder bei «Prince Balthasar Carlos (Beispiel)» ein Porträt des spanischen Thronfolgers. Und tatsächlich erkennt, wer einen Hegelbach neben einen Velázquez legt, gewisse Ähnlichkeiten in der Bildkomposition.

Verfremdete Ikonen

Damit führt Hegelbach eine Idee fort, die er bereits letztes Jahr in Berlin entwickelt hat, wo er dank eines Förderbeitrags des Kantons Thurgau vier Monate gearbeitet hat. Er ging in die Museen, kopierte berühmte Gemälde und veränderte sie mit Comic-Elementen. Mit erfrischender Unbekümmertheit wagt sich der Künstler an die Ikonen der Kunstgeschichte, um sie zu analysieren und mit einem Augenzwinkern von ihrem hohen Sockel zu heben.

Er setzt sich mit unserem überkommenen Bildervorrat auseinander und hinterfragt, was uns allzu selbstverständlich erscheint. Warum zeichnen wir abstrakte Kuchen, um bestimmte Eigenschaften von Menschen und Dingen abzubilden? Wird das wahre Leben in seiner Komplexität nicht allzu sehr reduziert, um es in ein Säulen- oder Kreisdiagramm zu zwängen? Darauf spielt auch der Titel der Ausstellung an, denn die bei Umfragen häufig zur Wahl stehenden Antworten «Ja», «Nein», «Vielleicht» und «Ich weiss nicht» sind letztlich nichts anderes als hilflose Versuche, unserer komplizierten Welt in Form von scheinbar berechenbaren Statistiken und Diagrammen Herr zu werden.

Erstmals hat der Künstler auch Skulpturen geschaffen, denn er verspürte das Bedürfnis, die Diagramme zu materialisieren und in den dreidimensionalen Raum überzuführen.

«Malerei ist sehr plastisch»

Säulen und Scheiben in leuchtenden Neonfarben sind es, bisweilen auch nur monochrom bemalt, die er aus Holz grob zusammen gezimmert hat. Für Ray Hegelbach sind die Grenzen zwischen den Dimensionen besonders spannend und auch fliessend: «Malerei ist für mich nichts Zweidimensionales, sondern etwas sehr Plastisches.» Der Künstler, der sich erst noch überlegen muss, wofür er die Preissumme verwenden will, hat seine Studien als Erforscher der Zwischenräume unseres überkommenen Bilderinventars noch längst nicht abgeschlossen.

Fr 15–20, Sa/So 13–17 Uhr; Bodanstrasse 7a; bis 18.12. Publikation in limitierter Auflage.