Einer der unangenehmsten Gegner in der NLB: Wie aus dem HC Thurgau ein Spitzenteam geworden ist

Rang drei nach deutlich mehr als der Hälfte der Qualifikation: Der HC Thurgau hat sich unter Trainer Stephan Mair schrittweise zu einer festen Grösse in der zweithöchsten Schweizer Eishockeyliga entwickelt. Wie ist das gelungen?

Tim Frei
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Der 52-jährige Italiener Stephan Mair steht in seiner vierten Saison mit Thurgau.

Der 52-jährige Italiener Stephan Mair steht in seiner vierten Saison mit Thurgau.

Bild: Mario Gaccioli

Der Hockeyclub Thurgau – ein NLB-Spitzenteam? Vor ein paar Jahren undenkbar. 2015 zogen die Thurgauer erst im letzten Qualifikationsspiel ins Playoff ein – dank eines Treffers 20 Sekunden vor Schluss. Mittlerweile ist die Teilnahme am Playoff eine Selbstverständlichkeit und das Team hat sich in eine Mannschaft verwandelt, die um Rang eins in der NLB mitspielt. Und das mit überraschender Konstanz.

Seit der vierten Runde gehört Thurgau zu den sechs besten Teams der Liga, sein Rückstand auf den Leader betrug nie mehr als sechs Punkte. Nach ­28 Partien, und damit deutlich mehr als der Hälfte der 44 Spiele umfassenden Qualifikation, liegen die Ostschweizer fünf Punkte hinter Spitzenreiter Kloten auf Rang drei, aber nur zwei hinter dem Zweiten Olten.

Thurgaus Topskorer liegt auf Rang 32

Diese Saison feiern die Thurgauer ihr 30-Jahr-Jubiläum. Da kommt der Höhenflug passend. Er ist bemerkenswert. Thurgaus Leistungsdaten – zumindest einige – sind nicht spitzenwürdig: am drittwenigsten Tore erzielt, knapp durchschnittliche Unter- und Überzahlspiele und mit Kellen Jones einen kanadischen Topskorer, der mit 20 Punkten ligaweit auf Rang 32 liegt.

Die kanadischen Zwillinge Connor (links) und Kellen Jones sind mannschaftsdienliche Spieler.

Die kanadischen Zwillinge Connor (links) und Kellen Jones sind mannschaftsdienliche Spieler.

Reto Martin

In der NLB dominieren in der Regel Ausländer die Skorerliste. Zum Vergleich: Ajoies Kanada-Duo Philip-Michael Devos und Jonathan Hazen kommt zusammen auf 125 Punkte. Wie haben es die Thurgauer trotzdem unter die besten Teams geschafft?

Harte Arbeit statt individueller Klasse

Ein zentraler Erfolgsbaustein ­ist der Teamgedanke. Was im Mannschaftssport eine Selbstverständlichkeit sein sollte, wird im Verein aus Weinfelden auf allen Ebenen kompromisslos vorgelebt. Für Aussenstehende manifestiert sich dieses Bekenntnis am stärksten bei der Mannschaft: Die neuen Ausländer, die kanadischen Zwillinge Kellen und Connor Jones, sind mannschaftsdienliche Spieler. Coach Mair sagt:

«Sie passen auch menschlich ins Team»

Anders als in der vergangenen Saison gibt es im Kader der Thurgauer keine überragenden Spieler, sondern eine Menge «Arbeitsbienen». Mair sagt: «Die mannschaftliche Geschlossenheit ist wohl unsere grosse Stärke.»

Die Torhüter gehören zu den Besten

Einzig Janick Schwendener und Nicola Aeberhard, die beiden Torhüter, gehören statistisch zu den Besten der Liga. Die Verpflichtung des erst 21-jährigen Tim Bertsche als Goalietrainer hat sich auch für die Feldspieler ausbezahlt.

Janick Schwendener.

Janick Schwendener.

Mario Gaccioli
Nicola Aeberhard.

Nicola Aeberhard.

Mario Gaccioli

Bertsche, in jedem Training dabei, scoutet auch die gegnerischen Torhüter und gibt den Stürmern und Verteidigern vor den Spielen wertvolle Tipps. Captain Patrick Parati sagt: «Die Erweiterung des Coachingstaffs spielt auch eine Rolle für die bisher starke Saison.»

Systemtreue und Defensivmacht

Thurgau gehört ligaweit zu den unangenehmsten Gegnern. Das Team spielt diszipliniert, kriegt am wenigsten Strafminuten. Vor allem aber hat Mair die Mannschaft so auf Kompaktheit in ­allen Zonen getrimmt, dass sie praktisch in jedem Spiel eine Siegchance hat. Die Thurgauer haben eines der kleinsten Budgets der NLB und folglich nicht das beste Kader. Das fehlende Talent kompensieren sie mit kompromissloser Systemtreue.

Daraus resultiert eine extrem sattelfeste Defensive. Mit 60 erhaltenen Treffern ist sie die zweitbeste der Liga – nur Leader Kloten ist besser. Deutliche Niederlagen mit fünf und mehr Gegentoren gab es dreimal. Durchschnittlich kassiert Thurgau 2,14 Tore.

Erstmals im Halbfinal seit 21 Jahren

In der vergangenen Saison zog Thurgau mit dem 4:3-Sieg im Viertelfinal gegen Ajoie erstmals seit 21 Jahren wieder in den NLB-Halbfinal ein. Ein grosser Erfolg, der bis heute nachwirkt. «Früher ging es für uns darum, hohe Niederlagen zu vermeiden», sagt Parati. Doch nun sei das anders:

«Seit dem Playoffsieg gegen Ajoie gehen wir mit dem Vertrauen ins Spiel, dass wir jede Partie gewinnen können – wenn wir die Vorgaben umsetzen.»
Patrick Parati steht in seiner vierten Saison als Captain des HC Thurgau.

Patrick Parati steht in seiner vierten Saison als Captain des HC Thurgau. 

Marc Schumacher/Freshfocus

Der Trainer profitiert von ruhigem Umfeld

Der Höhenflug ist eng mit dem Namen von Stephan Mair verknüpft. Seit seinem Amtsantritt im Sommer 2016 hat sich das Team kontinuierlich weiterentwickelt. Das zeigen etwa die ­Resultate der vergangenen drei Viertelfinal-Serien: 0:4, 2:4, 4:3.

Nebst Systemtreue fordert Mair auch Arbeitsethos. Wer diese Prinzipien nicht verinnerlicht, läuft Gefahr, aus der Aufstellung zu fallen. Spieler, die mitziehen, können unter Mair einen grossen Schritt vorwärts machen. Wichtig für seinen ­Erfolg ist das ruhige Umfeld, in dem er das Team aufbauen konnte. Gleiches gilt für die ­wenigen Wechsel im Sommer: ein Kern von 15 Spieler blieb.

Bescheidenheit trotz Höhenflug

Als im Herbst reihenweise Spieler ausfielen, dachten Beobachter, jetzt komme der Einbruch. Doch Fehlanzeige: Die Thurgauer liessen sich auch davon nicht beirren. Trotz der überaus erfolgreichen Saison bleiben sie gewohnt bescheiden. «Wenn unsere Playoff-Qualifikation fix ist, möchten wir das Heimrecht anvisieren», sagt Mair. In Sachen Halbfinalteilnahme wird er deutlich:

«Der Ist-Zustand reicht nicht. Wir haben einige Defizite, zum Beispiel in der Produktivität.»

Kehren alle verletzten Spieler zurück, wird das Schwung ­geben. Es dürfte für die Gegner unangenehm bleiben, gegen Thurgau zu spielen.

 Thurgau spielt am Samstag, 17.30 Uhr, zu Hause gegen Sierre.

Kämpferische Thurgauer gewinnen erstmals gegen Visp

Nach 20 Minuten führt der HC Thurgau in Visp mit 2:0, am Ende resultiert ein hart erkämpfter, aber nicht unverdienter 2:1-Erfolg. Eine umgestellte Sturmreihe und zwei Rückkehrer machen in diesem knappen Duell den Unterschied zugunsten der Ostschweiz aus. Niki Altorfer glänzt mit einem Tor und einem Assist.
Thomas Ammann aus Visp