Langlauf-WM
Der Weg zur historischen Langlauf-Silbermedaille: Eine Zweiflerin findet die Lösung

Das Duo Laurien van der Graaff und Nadine Fähndrich gewinnt die zweite Schweizer Frauenmedaille in der Geschichte der Langlauf-Weltmeisterschaft. Das Gelingen stand bis zuletzt auf der Kippe.

Rainer Sommerhalder
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Laurien van der Graaff (oben) beglückwünscht ihre Teamkollegin Nadine Fähndrich nach deren unwiderstehlichen Schlussrunde im Sprintfinal.

Laurien van der Graaff (oben) beglückwünscht ihre Teamkollegin Nadine Fähndrich nach deren unwiderstehlichen Schlussrunde im Sprintfinal.

Bild: Matthias Schrader / AP

Es bleibt bis ganz zuletzt ein Kampf mit unsicherem Ausgang. Wie weckt man die Überzeugung und Zuversicht bei einer Sportlerin, die zweifelt? Denn allen im Schweizer Langlaufteam ist bewusst: nur eine entfesselte Nadine Fähndrich auf der letzten Runde im Final des Teamsprints kann den Traum von Edelmetall wahr werden lassen.

Letztlich gerät das Unterfangen, im WM-Wettkampf mit der grössten Schweizer Medaillenchance auch zu reüssieren, zum triumphalen Erfolg. Laurien van der Graaf und Nadine Fähndrich gewinnen hinter den favorisierten Schwedinnen Silber. 34 Jahre nach der Bronzemedaille von Evi Kratzer am gleichen Ort ist es erst der zweite Podestplatz der Frauen an Titelkämpfen im Nordischen Skisport.

72 Stunden zwischen Drama und Gala

Die Kurzbeschreibung der Gefühlswelt nach dem historischen Erfolg widerspiegelt die unterschiedliche Situation der beiden Protagonistinnen. Van der Graaff spricht von einer «riesigen Freude», Fähndrich von einer «Riesenerleichterung». Rückblende. Am Donnerstag nach dem überraschenden Scheitern in der Sprintqualifikation steht die 25-jährige Fähndrich komplett neben den Schuhen. Die grösste Enttäuschung in ihrer Karriere verunsichert die Luzernerin tiefgreifend. Rückblickend spricht sie von einem «Systemkollaps».

Die Mission lautet: Nadine Fähndrich in vier Tagen wieder zurück auf die Spur zu bringen. Es ist ein Zusammenspiel von positiven Einflüssen. Eine Teamleistung, deren Erfolg erst im Verlauf des Finals ersichtlich wird. Noch im Halbfinal gelingt es der Innerschweizerin nicht, die Zweifel abzuschütteln. In den beiden Aufstiegen verliert sie jeweils Terrain, «dabei muss das doch die Stelle sein, wo ich die Differenz schaffen kann», sagt sich Fähndrich.

Überzeugungsarbeit von Familie und Trainern

Die Betreuerin klopft ihr nach dem Halbfinal aufmunternd auf den Rücken, Laurien van der Graaff richtet sie nach einem Telefonat mit dem eigenen Trainer ein letztes Mal auf: «Du bist in Form. Das sagt auch Andreas».

Dass sie bereit für den grossen Coup sei, hört Nadine Fähndrich in den 72 Stunden zwischen Sprint und Teamsprint unzählige Male. In mehreren Telefonaten von ihrem Freund, ihren Eltern, ihrem Bruder. Der Schweizer Nordisch-Chef Hippolyt Kempf meint mit gewohnter Zuversicht, Nadine lerne als Sportlerin, in dem sie Situationen erlebe und daraus die richtigen Konsequenzen ziehe. «Und dies sehr schnell.»

Cheftrainer Christian Flury sagt, «es war keine breite Autobahn zum Erfolg, sondern ein kleines Bergweglein, wo man nie wusste, was uns hinter der nächsten Kurve erwartet». Auch er spürt im Halbfinal die grosse Anspannung seines Schützlings.

Eine letzter Zuruf und dann nur noch rennen

Teamkollegin Laurien van der Graaff erzählt, dass man drei Tage lang viele Spiele gespielt und oft gelacht habe. «Das war wichtig, das hilft.» Da spricht die Erfahrung aus vielen eigenen Enttäuschungen mit. Doch auch sie spürt im Halbfinal, «dass Nadine noch Zweifel hat». Und dann kommt auf den letzten Drücker die Sicherheit zurück und diese so ersehnte, unwiderstehliche letzte Runde. «Du kannst das», ruft van der Graaff der acht Jahre jüngeren Fähndrich bei der letzten Übergabe hinterher.

Und wie sie es kann. Zuerst überholt die auf Position fünf gestartete Fähndrich die Läuferinnen aus den USA und Norwegen. Mit ihrem kraftvollen Stil schliesst zum führenden Duo Schweden und Russland auf. Im letzten Anstieg attackiert Fähndrich auch noch Sprintweltmeisterin Jonna Sundling.

Oben am Hügel sind die zwei auf gleicher Höhe, doch Sundling hat den Vorteil der Innenbahn. Aber Silber fühlt sich für die Schweiz wie Gold an. Und für Fähndrich wie die ultimative Erleichterung, «denn der Druck war gross».

Ganz stark auch, wie Laurien van der Graaff mit der Situation umgeht. Für die Bündnerin ist es wohl die letzte Chance, an einem Grossanlass Edelmetall zu gewinnen. Die 33-Jährige ist dabei nicht nur in der Loipe die Zuverlässigkeit in Person, sondern brilliert auch als Seelentrösterin für die Teamkollegin. «An diese Medaille werden wir immer denken», sagt sie. «Ich bin stolz, dass ich den Glauben daran nie verloren habe.»

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