Eine, zwei oder gar drei?

Sprung-Europameisterin Giulia Steingruber tritt heute an der EM in Montpellier zur Qualifikation an. Für die 21jährige Gossauerin liegen drei Medaillen in Griffnähe. Doch der Druck ist gross.

Raya Badraun
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Giulia Steingruber will ihren Parade-Sprung, den Jurtschenko mit Doppelschraube, bereits heute in der Qualifikation zeigen. (Bild: epa/Rungroj Yongrit)

Giulia Steingruber will ihren Parade-Sprung, den Jurtschenko mit Doppelschraube, bereits heute in der Qualifikation zeigen. (Bild: epa/Rungroj Yongrit)

TURNEN. Wenn Giulia Steingruber auf dem Podest steht, würden wohl viele Turnerinnen gerne in ihrer Haut stecken. Dann könnten sie die grosse Freude spüren, wenn ihr die Medaille umgehängt wird und die Hühnerhaut auf den Armen, wenn die Nationalhymne gespielt wird. Dort oben, an der Spitze zu stehen, ist der grosse Traum von vielen. Doch kurz vor der Einzel-EM in Montpellier will wohl niemand mit der 21jährigen St. Gallerin tauschen. Denn der Druck, der auf ihren schmalen Schultern lastet, ist gross.

Wie in den vergangenen Jahren steht Steingruber in Frankreich wieder im Fokus der Aufmerksamkeit. Nach den Siegen an der EM 2013 und 2014 wird auch dieses Mal mindestens eine Medaille im Sprung erwartet. «Wenn sie nicht gewinnt, wäre ich enttäuscht», sagt ihr Trainer Zoltan Jordanov gar. Noch grösser als der Druck von aussen sei jedoch derjenige, den sie sich selbst mache, sagt Steingruber. Und von Jahr zu Jahr werde dieser grösser.

«Sie ist mental stark»

Jordanov ist jedoch davon überzeugt, dass Steingruber an den Titelkämpfen mit den hohen Erwartungen umgehen kann. «Sie ist mental stark und hat das nötige Selbstvertrauen», sagt der Trainer. Dafür gibt es gute Gründe. Einerseits hat Steingruber aus ihren Erfahrungen gelernt. Nachdem sie an der WM in Nanning Mühe hatte, mit dem grossen Druck umzugehen, arbeitete sie mit einem Mentaltrainer an einer Lösung. Andererseits hängt das Selbstvertrauen auch mit der erfolgreichen Vorbereitung zusammen. Ohne Zwischenfälle, Verletzungen oder Krankheiten konnte Steingruber in den vergangenen Monaten ungestört trainieren.

Dadurch hatte sie auch mehr Zeit, ihren zweiten Sprung, den Jurtschenko mit Doppelschraube, einzuüben. Diesen hatte sie im vergangenen Jahr an der EM und WM jeweils nur mit einer Schraube gezeigt. In Montpellier wird sie den Sprung nun mit einer Doppelschraube vorführen. Dass sie ihn gut beherrscht, zeigt sich schon an der Taktik. Statt die Auftritte der Konkurrenz abzuwarten und zu taktieren, will Steingruber den schwereren Sprung bereits in der heutigen Qualifikation zeigen. «Klar, an manchen Tagen geht es besser als an anderen», sagt die Gossauerin. «Doch bis jetzt bin ich immer auf meinen Füssen gelandet. Deshalb habe ich ein gutes Gefühl.»

Auch im Mehrkampf Chancen

Auch am Boden, wo sie im vergangenen Jahr EM-Bronze holte, und im Mehrkampf hat Steingruber Chancen auf einen Spitzenplatz. Die Hoffnung auf eine Medaille wird durch die Abwesenheit starker Turnerinnen gar weiter geschürt. So verzichtet etwa die Rumänin Larisa Iordache aufgrund einer Fussverletzung auf einen Einsatz an den Titelkämpfen. Im vergangenen Jahr wurde sie am Boden noch Europameisterin, an der WM holte sie Mehrkampf-Silber. Zudem fehlt die russische EM-Titelverteidigerin im Mehrkampf, Alja Mustafina.

«Wenn ich ohne Sturz durchkomme, ist eine Medaille im Mehrkampf realistisch», sagt Steingruber. Ihren Fokus legt sie jedoch nicht darauf. Dadurch versucht sie den Druck etwas zu verkleinern. «Ich will frei und mit Freude turnen können», sagt Steingruber. «Dann klappt alles so, wie es soll.»

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