Killian Peiers Aufgabe war eine unlösbare

Skispringer Killian Peier bleibt in der WM-Wetterlotterie chancenlos und wird Zehnter. Womöglich steht der vierfache Olympiasieger Simon Ammann vor dem Rücktritt.

Rainer Sommerhalder,
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Killian Peier ist ratlos nach seinem zweiten Sprung. Bild: Peter Schneider/Keystone (Seefeld, 1. März 2019)

Killian Peier ist ratlos nach seinem zweiten Sprung. Bild: Peter Schneider/Keystone (Seefeld, 1. März 2019)

Der Schweizer Skisprungchef Berni Schödler sprach Klartext: «Killian Peier hat auch diesmal seinen Job gemacht. Aber ich frage mich, ob es notwendig war, die Besten des ersten Durchgangs so zu opfern.» Schwierige Wetterbedingungen mit wechselnden Winden und unterschiedlich starkem Schneefall wirbelten das Klassement im Finale des WM-Springens auf der Normalschanze derart durcheinander wie nie an einem Grossanlass der letzten 20 Jahre. Am Schluss standen mit den Polen Dawid Kubacki und Kamil Stoch sowie dem Österreicher Stefan Kraft zwar drei Grosse des Skispringens auf dem Podest. Nach dem ersten Durchgang allerdings lagen sie lediglich auf den Rängen 27 (Kubacki), 18 (Stoch) und 10 (Kraft).

Umgekehrt blieben die besten acht nach dem ersten Sprung im zweiten Durchgang bei immer stärkerem Nassschnee in der Anlaufspur chancenlos. Peier belegte bei Halbzeit Platz 4 mit ausgezeichneten Aussichten auf eine erneute Medaille, musste jedoch bei seinem zweiten Versuch mit 2,1 km/h Geschwindigkeit weniger als Sieger Kubacki über den Bakken und fiel so auf Platz 10 zurück. Noch schlimmer erwischte es Leader Ryoyu Kobayashi. Der japanische Saison-Dominator verlor in der Spur 2,7 km/h auf die Schnellsten und fiel auf den 14. Rang zurück.

Peier zwischen Frust und Glück

Der Jury ist vorzuwerfen, dass sie im Finaldurchgang den Anlauf im Gegensatz zum ersten Sprung trotz stärker werdendem Schneefall nicht verlängerte und damit die Führenden im Zwischenklassement zu Statisten degradierte. Killian Peier nahm das Verdikt sportlich. Der 23-jährige Waadtländer sagte zwar, es sei «schwierig, diese Situation zu akzeptieren». Gleichzeitig wies er aber darauf hin, dass ein Outdoor-Sport «nicht immer für alle fair» sein kann.

Der Romand war auf der kleinen Schanze nicht nur wegen des Wetters mental gefordert. Den Probedurchgang liess er unplanmässig aus, weil sein Servicemann den Bindungsstab am Ski falsch montierte. Peier nahm die Schuld dafür auf sich und sagte, er sei nur sehr kurz frustriert gewesen, habe sich aber schnell wieder fokussieren können. Dass ihm von den Topspringern des ersten Durchgangs im Finale der beste Sprung gelang, zeige ihm, «dass das Selbstvertrauen weiterhin da ist». Mit einer WM-Medaille nach Hause zu reisen, sei schliesslich mehr, als dass er erwarten durfte.

Hat Ammann bereits entschieden?

Einmal mehr mit seinem Auftritt hadern musste hingegen Simon Ammann. Er ärgerte sich, dass er als 22. nach dem ersten Durchgang anders als Kubacki und Stoch die Gunst der Stunde nicht nutzen und sich in die Nähe der Medaillen katapultieren konnte. Letztlich blieb der 12. Rang, was immerhin Ammanns bestes WM-Resultat auf der Normalschanze seit 2011 im Val di Fiemme (4. Rang) bedeutete. Zufriedenstellen konnte diese Tatsache den 37-Jährigen nicht: «Bereits nach dem ersten Versuch war ich extrem enttäuscht.» Er habe während der ganzen Woche vergeblich auf einen Sprung gewartet, «der eine Befreiung für mich gewesen wäre. Ein Sprung, der mir Energie und Ruhe gibt. So blieb ich ein Suchender.»

Das WM-Fazit 2019 von Simon Ammann ähnelt den Bilanzen der letzten Grossveranstaltungen. Deshalb stellt sich einmal mehr die Frage, ob ein Rücktritt vor der Tür steht. Ammanns gestrige Reaktion unterschied sich von jenen der Vorjahre, als er entweder noch im Auslauf bekannt gab, dass er auch im nächsten Jahr dabei sein werde (WM 2017) oder seinen Entscheid weit in den Frühling hinausschob (2016 und 2018). Diesmal gab der vierfache Olympiasieger nach längerem Zögern zur Antwort: «Was soll ich jetzt auch sagen, das mich ermutigt.» Die Zeichen stehen wohl auf Abschied, selbst wenn Ammanns Hang zu rätselhaften Aussagen bekannt ist. Aber offensichtlich nagt die Feststellung an ihm, wonach das sich seit drei Jahren wiederholende Szenario, bis Ende Saison einigermassen den Anschluss an die erweiterte Spitze gefunden zu haben, «keine Garantie bietet, dass ich im Sommer nicht wieder von vorne anfangen muss». Der Traum vom perfekten Sprung könnte für «Simi» also ein solcher bleiben.

Seefeld (AUT). Skispringen. Normalschanze: 1. Kubacki (POL) 218,3 (93 m/104,5 m). 2. Stoch (POL) 215,5 (91,5/101,5). 3. Kraft (AUT) 214,8 (93,5/101). 4. Aschenwald (AUT) 214,5 (91/103,5). 5. Freitag (GER) 211,3 (93,5/103,5). 6. Leyhe (GER) 210,6 (96,5/99). 7. Eisenbichler (GER) 210,5 (91/102,5) und Sato (JPN) 210,5 (92/99). 9. Hayböck (AUT) 208,5 (93,5/100). 10. Killian Peier (SUI) 207,4 (98,5/98). Ferner: 12. Simon Ammann (SUI) 205,8 (93/100). 14. Ryoyu Kobayashi (JPN) 203,4 (101/92,5). 18. Geiger (GER) 199,0 (100/92,5). – Nicht im Finaldurchgang: 36. Luca Egloff (SUI) 80,5 (86). 41. Andreas Schuler (SUI) 78,7 (86,5). – Stand nach dem 1. Durchgang: 1. Kobayashi 104,5. 2. Geiger 102,4. 3. Ziga Jelar (SLO) 99,6. 4. Peier 97,1. Ferner: 10. Kraft 92,6. 18. Stoch 89,4. 22. Ammann 88,4. 27. Kubacki 85,3.