Eine Rückkehr mit grossen Ambitionen

Simone Niggli-Luder misst sich heute in Wil im Rahmen der Schweizer Nachtmeisterschaften der Orientierungsläufer unter anderem mit einer Weltmeisterin. Die 34jährige Bernerin freut sich auf die besondere Herausforderung und die anstehende Heim-WM in Lausanne.

Jörg Greb
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Simone Niggli-Luder (Bild: ky/Alexandra Wey)

Simone Niggli-Luder (Bild: ky/Alexandra Wey)

ORIENTIERUNGSLAUF. Auf den ersten Blick erstaunt die Aussage. «Mit dem OL in der Nacht bin ich weniger vertraut.» Dagegen spricht die Statistik: Fünf Meistertitel hat Simone Niggli in dieser Disziplin seit 2000 gewonnen, ebenso viele wie über die Lang- oder Mitteldistanz. Praktisch immer siegte sie, wenn sie am Start war. Doch die Ausnahmekönnerin und 17fache Weltmeisterin beruft sich nicht darauf, sondern erklärt: «OL in der Nacht ist anders, der Lichtkegel schränkt die Wahrnehmung und die Weitsicht ein. Und es fehlt mir an der Übung in dieser Sparte. Etwa im Gegensatz zu den Männern, die in den prestigeträchtigen Staffelwettbewerben, etwa Jukola oder Tomila, Nachteinsätze übernehmen.» Keine Entschuldigung soll das sein. Vielmehr ist es selbstverständlich, dass Niggli auch in diesem Jahr den Meistertitel ansteuern wird.

Heim-WM im Visier

Als Titelverteidigerin tritt sie an. Doch der Gegensatz zum Vorjahr ist beträchtlich. Damals befand sie sich bereits in ihrem fünften Schwangerschaftsmonat. Jetzt, ein gutes halbes Jahr nach der Geburt der Zwillinge Lars und Anja, ist sie wieder am «Aufbauen». Sie denkt über das bevorstehende Meisterschaftsrennen hinaus. Ein präzis formuliertes Ziel hat sie vor Augen: die Heim-WM von Mitte Juli in Lausanne. Um die Medaillen will sie dann mitlaufen, «Gold wäre schön», fügt die 34jährige Bernerin aus Münsingen an.

Niggli läuft bereits auf einem erstaunlichen Level. Vergangenen Sonntag nahm sie am regionalen Lauf im bernischen Hettiswil der Zweitplazierten Helena Jansson 1:17-Minuten ab, bei einer Siegerzeit von unter 45 Minuten. Und die Schwedin ist nicht irgendwer, sondern die aktuelle Langdistanz-Weltmeisterin, die erfolgreichste Läuferin an der WM 2011 in Aix-les-Bains. Medaillen gewann sie in sämtlichen vier Rennen. Dass sie nun zu solchen Vergleichen mit Jansson kommt, schätzt Niggli. Sie sind auf die WM in der Schweiz zurückzuführen. Etliche Topläufer sind vorübergehend hierhin gezogen, um sich mit dem Gelände vertraut zu machen. «So dienen auch an und für sich weniger bedeutende Rennen als Gradmesser, als Eins-zu-eins-Vergleich», sagt Niggli, «und hinterher weisst du, wo du stehst.» Also fragt sich: Ist sie schon ganz oben angelangt? Sie lacht. «Der Aufbau stimmt», sagt sie, «aber in den vier Monaten bis zum Saisonhöhepunkt wird noch einiges mehr gehen.»

Von Respekt begleitet

Zugute gekommen ist ihr auf dem bisherigen Weg zurück die Erfahrung der ersten Schwangerschaft und der Geburt im Jahr 2008. «Damals wollte ich zu früh zu viel», sagt sie rückblickend. Die Folge war ein Ermüdungsbruch am Schambein, eine Verletzung, die sie nochmals beträchtlich zurückgeworfen hatte. Mit Physiotherapie, einem gezielten Kraftaufbau und Osteopathie versuchte sie einer Wiederholung entgegenzuwirken. Bis jetzt mit Erfolg. Doch im Hinterkopf gespeichert sind die Empfindungen von damals. Zumindest Respekt begleitet sie daher. Doch dominant ist nicht dieses Gefühl, sondern vielmehr die Freude aufs Bevorstehende. «Eine Heim-WM ist etwas vom Grössten, was du erleben kannst», sagt Niggli und erinnert sich an die Titelkämpfe vor neun Jahren in Rapperswil. Dabei hegt sie die Hoffnung, dass sich das Interesse nicht schier ausschliesslich auf sie konzentriert, dass vor allem auch die Schweizer Männer brillieren werden.