Eine Rückkehr in Schwermut

Zum Auftakt der Champions League gastiert Mönchengladbach mit Lucien Favre heute beim FC Sevilla. Die Vorfreude hält sich in Grenzen. In der Bundesliga befindet sich das Team nach vier Spielen ohne Punkt auf dem letzten Platz.

Daniel Theweleit
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FUSSBALL. Fast alle Anhänger dieses Clubs tragen die schwarz-weiss Bilder von den denkwürdigen Europacup-Spielen der grossen Mönchengladbach-Ära mit sich herum. Ihnen sollen nun neue Legenden und Abenteuer hinzugefügt werden. In den 1970er-Jahren war die Borussia auf dem Kontinent gefürchtet, nun haben die Leute am Niederrhein den ganzen Sommer lang von neuen grossen Erlebnissen geträumt.

Doch nach dem missratenen Saisonstart ist die Gladbacher Rückkehr in die Phalanx der grössten Clubs Europas umwölkt von einer grossen Schwermut. «Jetzt haben wir Champions League und können uns gar nicht darauf freuen. Fussball ist gnadenlos», sagt Sportdirektor Max Eberl. Die seit Jahren überfällige Ankunft des feinsinnigen Fussball-Liebhabers Lucien Favre in der Champions League findet unter speziellen Umständen statt.

Platz drei wäre ein Erfolg

Der Schweizer würde das zwar niemals so deutlich sagen, aber in Wahrheit stört Favres erste Saison in der Königsklasse, die er überraschend offen als «gefährlich» bezeichnet. Die Situation in der Bundesliga ist kompliziert, sie erfordert eigentlich alle Aufmerksamkeit und viele Trainingseinheiten, die es wegen der Champions League aber nicht geben wird. Favre ist berühmt für seine Arbeit an den Details, für die es in diesem Herbst keine Termine im prall gefüllten Kalender gibt. «Mit der Zeit und mit der Arbeit», werde er das Team zurück in die Bahn bringen, glaubt Favre dennoch, und Eberl versichert, dass der 57-Jährige diese Zeit bekommen werde. «Lucien ist unrauswerfbar, er macht bei uns einen phantastischen Job», sagt der Sportdirektor. Aber mit vielen Siegen in der Champions League rechnet kaum jemand. Tatsächlich wäre es schon ein Erfolg, wenn Gladbach in der mit Manchester City, Juventus Turin und Sevilla hochklassig besetzten Gruppe Dritter würde. Dann dürfte es zumindest im kleineren der beiden Europacups weiterspielen.

In Gladbach wird derzeit immer wieder nach Parallelen mit Dortmund gesucht, wo Jürgen Klopp während der vorigen Saison lange vergeblich versuchte, seine abstürzende Mannschaft mit neuen Impulsen in die Spur zurück zu bringen. Aber der Vergleich funktioniert so nicht. Denn Klopp arbeitete lange mit dem selben Spielerstamm, das Zusammenleben hatte nach sieben Jahren die Fruchtbarkeit verloren. Diese Gefahr wird in Mönchengladbach abgemildert, weil die Fluktuation grösser ist. Ausserdem ist Favres sachlicher Führungsstil einer weniger intensiven Abnutzung ausgesetzt als Klopps emotionalisierende Herangehensweise.

Der Vergleich mit Hertha Berlin

Interessant ist vielmehr ein Blick auf Favres Zeit bei Hertha Berlin, wo der Romand 2009 bis in die Endphase der Saison um die Meisterschaft mitspielte und vor der achten Runde des anschliessenden Spieljahres als Tabellenletzter entlassen wurde. Damals traf er seltsame Entscheide, beging Fehler im zwischenmenschlichen Bereich und brachte die Mannschaft gegen sich auf. In Mönchengladbach hat er jetzt auch einige falsche Entscheidungen getroffen, zum Beispiel beim 0:4 in Dortmund am ersten Spieltag. Da stellte er mit Andreas Christensen und Marvin Schulz zwei Talente ohne jede Bundesligaerfahrung in die Innenverteidigung, der zuverlässige Routinier Roel Browers sass auf der Bank. Das ging schief und war der Beginn der Krise.

Ausserdem wurden mit Lars Stindl und dem Schweizer Internationalen Josip Drmic zwei Profis als Nachfolger für die abgewanderten Leistungsträger Max Kruse und Christoph Kramer verpflichtet, die andere Spielertypen sind. Bisher sind alle Versuche, die beiden zu integrieren, missglückt.