Eine Reise ins Unbekannte

KREUZLINGEN. Mit dem Projekt «Lut und dütlich» macht der Bildungsklub Thurgau zu seinem 25-Jahr-Jubiläum auf sich aufmerksam. Acht Menschen mit einer geistigen Behinderung bringen das choreographische Stück «Wo ist Klara?» auf die Bühne.

Severin Schwendener
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Wo ist Klara? Acht Menschen erzählen auf der Bühne ihre eigene Geschichte und überwinden Grenzen ihrer geistigen Behinderung. (Bild: Stefan Beusch)

Wo ist Klara? Acht Menschen erzählen auf der Bühne ihre eigene Geschichte und überwinden Grenzen ihrer geistigen Behinderung. (Bild: Stefan Beusch)

«Klara, ich möchte, dass du schreist. Ganz laut und lange. Jetzt!» Ein Schrei gellt durch den Singsaal des Sekundarschulhauses Pestalozzi. Klara Keller, die ihn so kraftvoll ausgestossen hat, muss gleich ein bisschen über sich selbst lachen. Doch Micha Stuhlmann ist begeistert, und zwei der Teilnehmer des Projekts «Lut und dütlich» applaudieren und lachen. Es ist Mittwochabend, die Premiere des Stücks «Wo ist Klara?» rückt näher. Kostüme werden anprobiert, Szenendetails herausgearbeitet. Ein Jahr der Proben neigt sich dem Ende entgegen.

«Es war eine intensive Zeit», sagt Micha Stuhlmann, die künstlerische Gesamtleiterin. Vor über einem Jahr hat sie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für «Lut und dütlich» bei einem Casting kennengelernt, seit September wird geprobt. Entstanden ist dabei «Wo ist Klara?», ein choreographisches Stück, das von Träumen, Herausforderungen und Ängsten erzählt. Es sind die Geschichten der fünf Männer und drei Frauen, alle mit einer geistigen Behinderung. Die Geschichten, die sie erzählen, sind ihre eigenen. «Es ist alles ihres», sagt Stuhlmann, «nur durch meine Mühlen gegangen. Die Bewegungssprache, die ist von mir.»

Wie Profis Kamera ausgeblendet

Die Entwicklung des Projekts hält Raphael Zürcher fest; Ziel ist es, einen Dokumentarfilm in den Thurgauer Kinos zu zeigen. «Am Anfang war es eine Herausforderung, sich an die Kamera zu gewöhnen», sagt Stuhlmann, «auch für mich, doch mittlerweile ist Raphael zu einem Teil des Ensembles geworden.» Dieser Eindruck bestätigt sich an der Probe. Die Schauspieler sind so fokussiert auf ihr Stück, ihre Rolle, dass sie den filmenden Mann und das Mikrophon vollkommen ausblenden – wie Profis.

«Das ist ein Beispiel dafür, dass auch Erwachsene mit einer geistigen Behinderung etwas lernen, sich an neue Situationen anpassen können», sagt Elfi Schläpfer Schmücker, Leiterin des Bildungsklubs Thurgau, der seit 25 Jahren für Erwachsene mit einer geistigen Behinderung Kurse anbietet. «Es geht darum, die Lebensbedingungen für Menschen mit einer geistigen Behinderung zu normalisieren. Genau wie andere Erwachsene sollen sie sich weiterbilden können: am Computer, im Kochen, in Tanz oder einer Sprache.» Die Kurse wollen etwas vermitteln, was den Menschen in ihrem Alltag weiterhelfen könne. «Aber auch die soziale Integration, das Kennenlernen neuer Menschen und das Verlassen der gewohnten Umgebung sind wichtig. Immer wieder rufen Bezugspersonen an, die wissen wollen, was wir machen, weil sie feststellen, wie sich der oder die Betreffende verändert.» Das Feedback sei fast immer positiv. Elfi Schläpfer Schmöcker lacht: «Manchmal werden die Kursteilnehmer bei uns selbstbewusster und sind dann nicht mehr so pflegeleicht.»

Eine Reise ins Ungewisse

Seit 1987 bietet der Bildungsklub Thurgau Kurse an, inzwischen sind es zweiundzwanzig. Und am monatlichen «Treff-Di» trifft man Freunde, isst, spielt oder tanzt. Die Angebote kommen an, trotzdem werden in Zukunft die finanziellen Mittel knapper. «Wir müssen uns mehr um Sponsoren kümmern – und der Bevölkerung zeigen, wer wir sind und was wir tun», sagt Schläpfer Schmücker. «Lut und dütlich» ist der erste Schritt dazu – eine Reise ins Ungewisse, die Astrid Scherer, Boris Ackermann, Cornelia Kunz, Dagobert Jakob, Johannes Dummelin, Johannes Widmer, Klara Keller und Primo Mazzola gewagt haben. Und an der sie Interessierte gerne teilhaben lassen.

Sa, 6.10.: Theaterhaus Weinfelden Sa, 3.11.: Eisenwerk Frauenfeld Fr, 9.11.: Aula PMS Kreuzlingen Sa, 24.11.: Aula Rebsamen Romanshorn Sa, 1.12.: Trotte Pfyn Sa, 15.12.: Theater Konstanz Beginn 19.30 Uhr Infos: www.tab-thurgau.ch