Biathlon

Eine nie gesehene Dominanz: An Martin Fourcade ist im Biathlon kein Vorbeikommen

Der Franzose Martin Fourcade beherrscht seine Disziplin wie kein anderer Wintersportler. An der WM in dieser Woche tritt er gleich viermal als Titelverteidiger an.

Rainer Sommerhalder
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Ein bekanntes Bild: Martin Fourcade in Jubelpose.

Ein bekanntes Bild: Martin Fourcade in Jubelpose.

Keystone

Allein schon seine Bilanz lässt die Gegnerschaft erlahmen. Martin Fourcade bestritt in seiner zehnjährigen Weltcup-Karriere 203 Rennen und beendete deren 103 auf dem Podest. In der aktuellen Saison ist die Dominanz des 28-Jährigen noch dramatischer. Von 15 Rennen gewann Fourcade deren 10. An der Weltmeisterschaft muss er seinen Allzeit-Rekord aus dem Vorjahr verteidigen: Als erster Biathlet stand er fünfmal auf dem WM-Podest, davon viermal zuoberst. Es gibt im Wintersport derzeit niemanden, der bei solchen Statistiken mithalten kann.

Einer auf eine Million

Doch wieso stammen mit dem bald sechsfachen Serien-Gesamtweltcupsieger Fourcade und mit dem olympischen Medaillen-Rekordjäger Ole Einar Bjørndalen zwei der dominierendsten Athleten der Geschichte ausgerechnet aus dem Biathlon? Zufall oder mehr? Matthias Simmen, 2006 im WM-Ort Hochfilzen als erster Schweizer überhaupt auf dem Weltcup-Podest, sagt: «Athleten wie Bjørndalen oder Fourcade findet man nur einen auf eine Million. Aber wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass sie aus Nationen stammen, die eine grosse Tradition im Biathlon haben und unglaublich viele Mittel und Energie in die Sportart stecken.»

Zurück zu Martin Fourcade. Wer derart überragend auftritt, findet schnell Neider. Dem aus den Pyrenäen stammenden Franzosen wird wahlweise Arroganz, Respektlosigkeit oder Selbstherrlichkeit vorgeworfen. Er zelebriert die Siege wie auch Petter Northug im Langlauf mit frühzeitigen Jubelposen oder spektakulären Zielankünften. Für manche Gegner pure Provokation oder Machtdemonstrationen, für enge Freunde hingegen Ausdruck eines ausgeprägten Spieltriebs und nicht mehr als pure Freude. «Martin hat als Mensch keine Spur von Überheblichkeit», sagt auch Simmen, der seit seinem Rücktritt vor vier Jahren für das Schweizer Fernsehen als Experte im Einsatz steht.

Fourcade muss und will sich dafür nicht rechtfertigen. Er steht zu seinen Worten und Taten. Auch abseits der Loipe. Und er scheut keinen Konflikt. Als im Dezember die Tragweite der McLaren-Enthüllungen über russisches Staatsdoping auch für den Biathlon-Sport greifbar wurde, drohte er als Rädelsführer mit einem Rennboykott der Athleten, sollten die Russen nicht konsequent zur Rechenschaft gezogen werden. «Ich werde Athleten, welche die Regeln brechen, niemals akzeptieren. Man muss konsequent mit dem Finger auf Betrüger zeigen», sagt Fourcade zu diesem Thema. Am liebsten wären ihm lebenslange Sperren für alle Doper.
Das forsche Auftreten bescherte Fourcade einerseits Todesdrohungen von russischen Fans, zwang aber letztlich den Biathlon-Verband zu Zugeständnissen und der Einbindung der Athleten ins weitere Vorgehen.

Resistent gegen Druck

Martin Fourcades Überlegenheit basiert auf einer einzigartig ausbalancierten Stärke am Schiessstand und in der Loipe. Klappt es für einmal beim Schiessen nicht wie gewünscht, dann zapft er ganz einfach seine läuferischen Reserven an. Halten seine Gegner beim Langlauf mit, dann schafft er die Differenz mit dem Gewehr, vorzugsweise beim allerletzten Stehendschiessen. Legendär ist seine Stressresistenz. Je grösser der Druck, der scheinbar auf ihm lastet, desto mehr trumpft er auf. «Druck motiviert mich», lautet seine banale Antwort. Als wäre das alles so einfach.

Die einzigartige Ausgeglichenheit ermöglicht es Martin Fourcade auch, während der Rennen virtuos auf der Tastatur der taktischen Möglichkeiten zu spielen – gerade im Kampf Mann gegen Mann. Er findet für jede Situation im Wettkampf eine Lösung. Bei der Wahl, wo genau er die Differenz zum Rest des Feldes legen will, scheut der Franzose kein Risiko. Und mit jedem Sieg steigt seine Selbstsicherheit. «Sein engster Betreuer staunt selbst immer wieder ab Martin. Er macht einfach immer wieder intuitiv das Richtige», sagt Matthias Simmen.