Verzichtsplanung für Olympische Spiele –eine echte Nagelprobe für das IOC

Die Olympischen Sommerspiele im Juli 2021 in Tokio werden zeigen, ob die grosse olympische Familie auch kleiner denken kann. Wegen Corona soll weniger mehr sein. Bisher nicht gerade der Leitfaden im Orden der fünf Ringe.

Rainer Sommerhalder
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Immer weniger Japaner sind überzeugt davon, dass die Olympischen Sommerspiele 2021 in Tokio stattfinden sollen.

Immer weniger Japaner sind überzeugt davon, dass die Olympischen Sommerspiele 2021 in Tokio stattfinden sollen.

Bild: Keystone

Aber bitte mit Sahne! Olympische Spiele trieben es bis heute punkto Glanz und Glamour fortlaufend auf die Spitze. Als müsste der grösste Sportanlass der Welt seine Grösse unter Beweis stellen. Doch der Gigantismus unter den fünf Ringen biss sich je länger desto mehr in den eigenen Schwanz. Heute sind Abstimmungen zur Durchführung von Sommer- oder Winterspielen in demokratisch legitimierten Ländern kaum mehr zu gewinnen.

Die Agenda 2020 des Internationalen Olympischen Komitees gibt auf dem Papier Gegensteuer. Der Beweis, dass es auch in der Praxis massiv günstiger und deutlich kleiner geht, ist hingegen noch nicht erbracht. Doch ausgerechnet Corona könnte in dieser Hinsicht helfen.

Die Verzichtsplanung als zentrales Element

Nicht unbedingt bei den Kosten, denn die Verschiebung der Spiele 2020 in Tokio um ein Jahr hat ihren Preis. Mehrkosten von bis zu 6 Milliarden Dollar werden kolportiert. Genaue Zahlen wird kein seriöser Buchhalter neun Monate vor der umgebuchten Durchführung liefern wollen.

Aber die Tatsache, dass die Viren auch am 23. Juli 2021, wenn in der japanischen Hauptstadt das Olympische Feuer entzündet werden soll, nicht von dieser Welt verschwunden sein werden, zwingt zu einer Verzichtsplanung. Kleinere Delegationen, weniger bis keine (ausländischen) Zuschauer, ein minimales Rahmenprogramm und selbst eine virtuelle Eröffnungsfeier stehen zur Diskussion. Eine Expertengruppe aus Kreisen der japanischen Regierung und der Organisatoren hat sich letzten Freitag an der ersten von sechs geplanten Sitzungen bis Ende November Gedanken dazu gemacht, wie die von IOC-Präsident Thomas Bach zur Maxime erhobene Vorgabe umgesetzt werden kann. «Olympische Spiele in einem sicheren Umfeld für alle Teilnehmer».

Ein Corona-Schnelltest, der eine Erkrankung sofort anzeigt gilt ebenso als Hoffnung wie eine App, welche die Bewegungen aller akkreditierten Personen nachverfolgt. Zurzeit gilt in Japan übrigens noch ein Einreiseverbot für Bürger aus 159 Ländern, darunter ganz Europa. Und die Nagelprobe für das IOC folgt bei einer andere Frage: Auf was konkret wird verzichtet? Das jüngste Interview von OK-Chef Toshiro Muto mit der BBC zeigt das Dilemma der Sportfunktionäre im Olymp. Muto sagte zur Frage, ob Tokio ohne Publikum denkbar sei, dies sei nicht nach dem Willen von IOC-Präsident Thomas Bach. Gestern schloss der Deutsche an einer Telefonkonferenz kein Szenario aus.

Erst 50 Prozent der Quotenplätze sind vergeben

Der Schweizer Delegationsleiter Ralph Stöckli zeigt sich beeindruckt von der Geschwindigkeit, mit welcher die japanischen Organisatoren die Herkulesaufgabe der Verschiebung abarbeiten. Dass alle 43 Sportstätten, das Wettkampfprogramm und das olympische Dorf in unveränderter Form bestehen bleiben, sei auch für die Schweizer Planungen «eine sehr positive Information».

Vom nächsten virtuellen Austausch Mitte Oktober erhofft sich Stöckli Antworten auf die Frage, wie man sich als Athlet für Tokio qualifizieren könne. Aktuell sind erst 50 Prozent der Quotenplätze vergeben. Viele vorgesehenen Qualifikationswettkämpfe wurden abgesagt oder sind in Frage gestellt.

Auch der Schweizer Olympiachef ist gespannt, wie die Ankündigung, die Komplexität des Megaevents reduzieren zu wollen, in der Praxis umgesetzt werde. Er sieht beim Vorhaben, zur Einfachheit zurückzukehren, auch Chancen. «Bisher war das vor allem eine Floskel, die man während der Spiele nicht wirklich gespürt hat. Nun ist unter dem Eindruck von Covid-19 der Zeitpunkt gekommen, alles dafür zu tun.» Vor allem die vielen politischen Besuche bei Eröffnungs- und Schlussfeiern hätten in der Vergangenheit unglaublich viele Ressourcen benötigt.

Eine grosse Aufgabe für die Organisatoren bleibt, das Olympische Feuer in der Bevölkerung neu aufflammen zu lassen. Zuletzt sprachen sich sowohl das japanische Volk wie auch die japanische Wirtschaft klar gegen die Durchführung von Olympischen Spielen im Juli 2021 aus, falls die Coronakrise dannzumal nicht wirklich überwunden ist.

In einer Umfrage unter 12 857 japanischen Firmen wollten 53,6 Prozent kein Olympia im kommenden Sommer. Bei der Bevölkerung sagten sogar nur 23,9 Prozent uneingeschränkt Ja zu Tokio 2021. Ralph Stöckli bedauert diese Entwicklung, denn bei seinen Besuchen in der Olympiastadt hat er eine enorme Begeisterung gespürt. «Ich habe noch nie so eine grosse Vorfreude für Olympische Spiele miterlebt», sagt Stöckli.