Kolumne

Eine nächtliche Entführung in die Wüste

In einem fremden Land in ein fremdes Auto einsteigen? Nie! Oder vielleicht doch? Unser Autor hat es gemacht, zuerst bereut, aber letztlich doch wieder nicht.

Rainer Sommerhalder
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Welches sind die schlechteren Autofahrer – die Aargauer oder die Zürcher? Solche Vorurteile gibt es auch in Katar. An einem Tag erklärte mir der pakistanische Taxichauffeur, dass niemand so schlimm fahre wie die Inder. Am nächsten Tag zog der indische Taxifahrer über die Pakistani her. Deren Fahrstil sei haarsträubend. Weltpolitik im Taschenformat.

Noch haarsträubender allerdings ist, mitten in der Nacht bei einem Fremden ins Auto zu steigen. Als ich am Taxistand vergeblich auf eine Heimfahrgelegenheit wartete, hielt ein weisses Auto und fragte „Taxi?“. Bevor ich realisierte, dass das ja gar kein Taxi war, sass ich auch schon auf dem Beifahrersitz. Am Steuer ein Inder. Er fluchte nicht über den Nachbarstaat, dafür zweigte er kurz vor der Stadt ohne Vorankündigung rechts ab. Die Naturstrasse führte ins Leere der katarischen Wüste. Was nun?

Als er meine Anspannung bemerkte, erklärte er mir, dass er unbedingt tanken müsse. Der Blick auf die Anzeige zeigte einen knapp halbvollen Tank. Als einzige Beruhigung blieb der Gedanke an die katarische Kriminalitätsrate – eine der tiefsten weltweit. Nach unendlich scheinender Holperfahrt hinaus ins Niemandsland tauchten tatsächlich Lichter am Horizont auf. Eine Tankstelle, die ihrem Namen gerecht wurde, bestehend aus vier riesigen oberirdischen Tanks mit je vier Zapfsäulen direkt am runden Behälter befestigt.

Die drohende Entführung war abgewendet, mein Wissenshorizont dank des nächtlichen Ausflugs erweitert. Bis vor den Anschlägen auf die saudische Erdölraffinerie kostete der Liter Benzin hier 30 Rappen, jetzt das doppelte. Der durchschnittliche Einheimische besitzt irgendwo zwischen drei und vier Autos. Und Greta Thunberg kennen sie hier nicht.