«Eine Frage des Charakters»

Es läuft die vierte Minute des Serie-A-Spiels zwischen Napoli und Lazio Rom. Miroslav Klose, deutscher Stürmer in Diensten der Römer, erzielt das 1:0 für die Gäste. Ihm ist der Ball dabei aber an die Hand gesprungen. Klose sagt dies dem Schiedsrichter, und dieser annulliert das Tor.

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Lazio's Miroslav Klose during a Serie A soccer match between Lazio and Genoa at Rome's Olympic stadium, Sunday, Sept. 23, 2012. (AP Photo/Gregorio Borgia) (Bild: Gregorio Borgia (AP))

Lazio's Miroslav Klose during a Serie A soccer match between Lazio and Genoa at Rome's Olympic stadium, Sunday, Sept. 23, 2012. (AP Photo/Gregorio Borgia) (Bild: Gregorio Borgia (AP))

Es läuft die vierte Minute des Serie-A-Spiels zwischen Napoli und Lazio Rom. Miroslav Klose, deutscher Stürmer in Diensten der Römer, erzielt das 1:0 für die Gäste. Ihm ist der Ball dabei aber an die Hand gesprungen. Klose sagt dies dem Schiedsrichter, und dieser annulliert das Tor. Die Römer verlieren die Partie schliesslich mit 0:3. Trotzdem ist Klose der Gewinner des Abends – die «Gazzetta dello Sport» schreibt: «Er ist in diesem kranken Fussball eine Anomalie.»

Das Lob von Saibene

«Das war eine phantastische Geste von Klose», sagt Jeff Saibene, der Trainer des FC St. Gallen. Der 44jährige Luxemburger hat auch gleich ein Beispiel dafür parat, wie es in einer vergleichbaren Situation oftmals läuft: Im entscheidenden Spiel der Qualifikation zur WM 2010 nahm der Franzose Thierry Henry gegen Irland kurz vor Schluss die Hand zu Hilfe, bevor er den entscheidenden Pass spielte – und schwieg.

Kloses Fairness – einzigartig also im Millionen-Business Profifussball mit dem Erfolgsdruck, der auf den Teams lastet? Mitnichten, wie ein Blick in die Fussball-Geschichtsbücher zeigt. 1997 trat Liverpool-Stürmer Robbie Fowler in der Partie gegen Arsenal einen umstrittenen Elfmeter absichtlich schwach. Eine andere Methode, um der Gerechtigkeit Nachachtung zu verschaffen, wandten die Spieler von Leicester City 2007 im Ligapokal gegen Nottingham Forest an. Wegen des Herzinfarkts eines Spielers hatte die Partie abgebrochen werden müssen. Zum Auftakt der Wiederholungspartie liessen die Leicester-Spieler einen Gegner unbehelligt durch ihre Abwehr spazieren. So war das Zwischenresultat von 0:1 wieder hergestellt, das zum Zeitpunkt des Abbruchs Gültigkeit gehabt hatte. Auch in unteren Ligen finden sich Beispiele von mustergültigem Verhalten von Fussballern. So forderte der Trainer von Barcelonas B-Auswahl seine Spieler auf, dem Gegner ein Tor zu schenken – sie hatten zuvor die Führung erzielt, als der gegnerische Goalie verletzt am Boden lag.

Zum zweitenmal Klose

Stephan Häuselmann, der Präsident des Ostschweizer Fussballverbandes, hat keine Kenntnis von vergleichbar spektakulären Aktionen in unteren Ostschweizer Ligen. «Das schliesst aber nicht aus, dass es schon zu solchen gekommen ist.» Dass ein Spieler wie Klose im Spitzenfussball Fairplay in dieser Art vorlebt, ist für Häuselmann mustergültig. Insbesondere auch deshalb, weil es nicht das erste Mal ist, dass Klose auf diese Art Schlagzeilen macht: Als er noch in der Bundesliga für Werder Bremen spielte, machte er den Schiedsrichter einmal auf einen zu seinen Gunsten ausgefallenen, aber falschen Penaltypfiff aufmerksam – der Referee nahm seinen Entscheid und die gelbe Karte für Kloses Gegenspieler zurück.

Für St. Gallen-Trainer Saibene, der im Ernstfall solches Verhalten auch in seiner eigenen Mannschaft begrüssen würde, steht fest: «Das Ganze hängt nicht mit der sportlichen Reputation zusammen, die sich ein Spieler bereits erworben hat, sondern ist eine Frage des Charakters.» Das Beispiel Klose zeige, dass man gleichzeitig ein begnadeter Fussballer und eine grosse Persönlichkeit sein könne, so Saibene. Daniel Walt