Ein Wunder und ein Kollektiv

HANDBALL. An der EM in Polen hatte niemand Kroatien und Norwegen auf der Rechnung. Nun stehen die Teams im Halbfinal. Kroatien gelingt der Sprung unter die besten vier dank eines Sieges gegen die Gastgeber. Norwegen schaltet in der Zwischenrunde Titelverteidiger Frankreich aus.

Alexandra Pavlovic/Christof Krapf
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Kroatiens Regisseur Domagoj Duvnjak (links) im Zweikampf will sich heute ebenso beweisen wie Norwegens Sander Sagosen. (Bild: pd)

Kroatiens Regisseur Domagoj Duvnjak (links) im Zweikampf will sich heute ebenso beweisen wie Norwegens Sander Sagosen. (Bild: pd)

Im Fussball gibt es das Wunder von Bern, im Handball gibt es seit Mittwochabend nun auch das Wunder von Krakau. Die Spieler der kroatischen Nationalmannschaft haben Handballgeschichte geschrieben: Das Team von Trainer Zeljko Babic hat sich trotz geringer Erfolgsaussichten für die EM-Halbfinals qualifiziert. Im letzten Hauptrundenspiel zerlegten die Kroaten in der ausverkauften Tauron-Arena vor 15 000 Zuschauern EM-Gastgeber Polen mit 37:23.

Eine unmögliche Aufgabe
Kaum einer glaubte, dass die Cowboys – so werden die Spieler der kroatischen Nationalmannschaft genannt – um eine Medaille kämpfen würden. Denn: Ihre Chance, die Halbfinals zu erreichen, war gleich null. Das Team um Regisseur Domagoj Duvnjak musste gegen Spitzenmannschaften wie Polen, Mazedonien oder Titelverteidiger Frankreich bestehen.

Favorit der Gruppe waren die Franzosen. Dass «les experts» ausscheiden würden, dachte niemand. Doch drei Tage nach dem brillanten Sieg gegen Kroatien verlor der Welt- und Europameister sowie Olympiasieger gegen Norwegen 24:29. Um sicher weiterzukommen, mussten die Kroaten Gastgeber Polen mit elf Toren Differenz besiegen. Eine Aufgabe, die für die Cowboys schier unmöglich schien.
Wie so oft, kann es im Sport schnell gehen und das Unmögliche wird möglich. Mit unglaublichen 14 Toren Vorsprung ebnen sich die Kroaten schliesslich doch den Weg zu einer Medaille. Frankreich indes musste seine Erwartungen auf einen Podestplatz endgültig begraben.

Kein Platz für Patzer
Heute um 21 Uhr treffen die Kroaten im Halbfinal auf Spanien. Die Weltmeister von 2013 gelten dank treffsicherer Rückraumspieler wie Valero Rivera als Anwärter auf den EM-Titel.
Mit Arpad Sterbik steht zudem einer der weltbesten Torhüter bei den Iberern zwischen den Pfosten. Rund 40 Prozent aller Würfe wehrt der Zwei-Meter-Hüne ab. Die Cowboys dürfen sich bei ihren Schüssen somit keine Patzer leisten, sonst müssen sie am Schluss auf ein zweites Wunder hoffen.

Norwegens Männer emanzipieren sich. Im Handball hatten in den vergangenen Jahren nämlich die Frauen die Nase vorn: Die Norwegerinnen holten 2008 sowie 2012 Olympiagold und gewannen seit 1998 sechsmal die Europameisterschaften – die Männer gehörten nicht zur europäischen Spitze. Rang sieben an der Heim-EM vor acht Jahren war ihr bestes Resultat. In Skandinavien hinkte Norwegen hinter Dänemark und Schweden her, war also nicht einmal regional die Nummer eins.

An der EM in Polen tritt das norwegische Männerteam erstmals aus dem Schatten der Frauen und der skandinavischen Konkurrenz. Überraschend qualifizierte es sich für den Halbfinal. Heute um 18.30 Uhr spielt Norwegen gegen Deutschland um den Finaleinzug.

Puzzleteile passen zusammen
Über einen Star verfügen die Skandinavier in ihrem Kader zwar nicht. Ihre Schlüsselspieler haben wie Kreisläufer Bjarte Myrhol den Zenit ihrer Karriere schon überschritten, sind wie der 20jährige Sander Sagosen wenig routiniert oder spielen wie der überraschend treffsichere Rückraumspieler Espen Lie Hansen in einer kleinen Liga. Hansen ist bei Bregenz in der mit der NLA vergleichbaren österreichischen Bundesliga unter Vertrag.

Dass sie ohne einen Weltklassespieler antreten, tut dem Lauf der Norweger – sie haben einzig das Startspiel gegen Island verloren – keinen Abbruch. Die Skandinavier gehören statistisch zwar weder im Tor noch in der Verteidigung oder im Angriff zu den Spitzenteams der EM. In der Summe passten die Puzzleteile der gesamten Mannschaft bisher aber am besten zusammen.

Technische Finessen
Ein Team, das taktisch perfekt harmoniert – das ist die grosse Stärke des skandinavischen Handballs. Anders als beispielsweise Deutschland oder Frankreich sind Teams aus Nordeuropa traditionsgemäss nicht mit roher Kraft und wurfgewaltigen Einzelspielern, sondern mit taktischen sowie technischen Finessen erfolgreich. Welches Mittel erfolgreicher ist, wird der Vergleich mit Deutschland im Halbfinal zeigen.

Es lohnt sich also die Handball-EM zu schauen. Nicht nur wegen den heute stattfindenden Halbfinals, sondern besonders auch wegen:

Toren wie jenes von Luc Abalo. Der Franzose traf gegen Gastgeber Polen mit einem spektakulären Schlenzer.

Geschichten wie jene von Andreas Wolff. Vor der EM wurde der deutsche Trainer Dagur Sigurdsson heftig kritisiert, weil er den routinierten Kultgoalie Silvio Heinevetter nicht nominierte und stattdessen auf den jungen Wolff setzt. Der Torhüter vom Bundesligaclub Wetzlar dankt es seinem Coach aber mit starken Paraden.

Toren wie diesen. Einen einfachen Flieger zu spielen ist schon genug schwer. Der mazedonische Superstar Kiril Lazarov setzte allerdings noch einen drauf und traf nach einem Doppelflieger.

Übrigens schaffte die Mannschaft des norwegischen Clubs Drammen einst nach einem fünffachen (!) Flieger.

Torhütertoren. Thierry Omeyer reagierte schneller als die ganze kroatische Mannschaft, die ihren Goalie durch einen zusätzlichen Feldspieler ersetzt hatte – der Franzose traf aus grosser Distanz.

Was Basketballer können, können Handballer schon lange. Manche Spieler verstehen sich blind, wie dieser Backhand-Pass des deutschen Rückraumspielers Steffen Fäth auf seinen Kreisläufer Jannik Kohlbacker zeigt.



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