Ein Weltmann in der Provinz

Tapeten, Möbel, Innenräume, ganze Schiffsausstattungen und grosse Gebäude hat der Belgier Henry van de Velde (1863–1957) entworfen. Zwei Jahre, von 1918 bis 1920, hat der Weltmann und Alleskönner in Uttwil gelebt.

Urs Oskar Keller
Merken
Drucken
Teilen
Das Schlössli in Uttwil, das Henry van den Velde 1918 erwarb. (Bilder: Urs Oskar Keller)

Das Schlössli in Uttwil, das Henry van den Velde 1918 erwarb. (Bilder: Urs Oskar Keller)

UTTWIL. «Ich entdeckte das Dorf Uttwil und ein dort stehendes, altes, unbewohntes Patrizierhaus in einem herrlich verwilderten Garten, dessen hohe, mächtige Mauer unmittelbar an den See grenzte. Das Ganze war ein Traum, wie geschaffen für einen poetisch empfindenden Künstler, der für seine Familie mit fünf Kindern ein Obdach sucht!»

Dies schrieb der Architekt, Gestalter und Theoretiker Henry van de Velde, der im Sommer 1918 das ehemalige Hotel Schloss bei der Schiffsanlegestelle kaufte. Hier zog er mit seiner Familie und fünf Kindern ein und führte ein gastliches Haus. Während die Jugendstil-Koryphäe viel reiste, führte seine Frau Maria Sèthe ein ruhiges Leben. Der frühere Möbelfabrikant Nicolaus Schubert (1906–2001) erinnert sich in seinem Buch «Uttwil – das Dorf der Dichter und Maler» daran: «In Uttwil war die Familie beliebt und fühlte sich schnell wohl.»

Für die einfachen Arbeiter, Bauern und Fischer umgab die Künstlerkinder ein gewisser Nimbus, dem sie ihren Tribut zollten. «Erst recht waren die Künstlerkinder im <demütigen> Dozwil etwas Besonderes», schreibt der frühere Dozwiler Sekundarlehrer Bruno Oetterli-Hohlenbaum in «Kleine Welt und grosse Welt um ein Thurgauer Dorfschulhaus: Ein Lesebuch zu 100 Jahre Schulhaus Dozwil» (2006). «Die van de Veldes brachten gleich eine ganze Stube voller Kinder mit.»

Gut integrierte Familie

Von Maria van de Velde heisst es, sie habe eine freie Erziehungsmethode bevorzugt und es ihren Kindern gegönnt, sich in der freien Natur auszutoben. Oetterli: «Anders als die Sternheims, die für ihre Kinder einen Privatlehrer engagierten, schickten die van de Veldes ihre Zwillinge in die öffentliche Sekundarschule nach Dozwil. Dabei mögen finanzielle Gründe mitgespielt haben, denn van de Veldes Vermögen blieb in Weimar blockiert.»

Noch war die «Künstlerklasse» aber nicht komplett: 1919 war auch Rainer Wolfgang Schickele, Sohn des Schriftstellers René Schickele, in der Schule eingeschrieben, bevor er zur Weiterausbildung nach Berlin zurückgeschickt wurde.

Zu den Freunden und Gästen van de Veldes gehörte auch der elsässische Schriftsteller René Schickele, der sich von van de Veldes Enthusiasmus für Uttwil derart anstecken liess, dass er ebenfalls mit den Seinen am See wohnen wollte. 1918 konnte er das Haus Margrit gegenüber dem «Schlössli» erwerben. Doch dies sollte erst der Anfang sein. Van de Velde plante nämlich nichts weniger, als «am schweizerischen Ufer des Bodensees eine Kolonie unabhängiger Künstler ins Leben zu rufen und ein Institut zu gründen, das ein Zentrum künstlerischer Kultur sein sollte.»

Das «Weimar des Thurgaus»

1919 ist das Jahr, dem Uttwil letztlich den Ruf verdankt, das «Weimar des Thurgaus» zu sein. Ein paar Monate lang blühte hier der Traum von der Einheit von Kunst und Leben. Es kamen so viele Literaten, Musiker, Künstler und andere «Geistige» nach Uttwil wie nie zuvor – und danach nie wieder. Albert Debrunner: «Doch der Traum von der Künstlerkolonie am See war nur allzu bald ausgeträumt. Da er belgischer Staatsbürger war, wurden Henry van de Veldes Guthaben auf deutschen Banken von der jungen Weimarer Republik gesperrt, so dass er sich ebenso seiner Existenzgrundlage beraubt sah.» Wie auch René Schickele, dem die galoppierende Inflation einen Strich durch die Rechnung machte und der Uttwil verliess.

Kultur bleibt im Schloss

Der Basler Schriftsteller Emanuel Stickelberger erwarb noch vor dem Zweiten Weltkrieg das «Schlössli» und gewährte dem Schriftsteller Paul Ilg (1875–1957) aus Salenstein einige Jahre Wohnrecht. Ab 1942 war Ilg im ehemaligen Gästehaus von Carl Sternheims Villa in Uttwil, die später dem Maler und Lyriker Walter Kern (1898–1966) gehörte, zu Hause, und Stickelberger zog mit seiner Familie nach dem Krieg selber ins «Schlössli». Stickelberger gründete mit Ilg und Kern einen literarischen Club, der sich einmal wöchentlich im Restaurant Bad Uttwil an der Schifflände traf.

Dann wurde es still im Kur-, Künstler- und Literatenort. Die Gesellschaft Frohsinn Uttwil engagiert sich seither und gibt sporadisch Bücher heraus, in der Villa Seeburg finden heute kulturelle Veranstaltungen auf hohem Niveau statt – einen kleiner Rest von van de Veldes Traum einer Künstlerkolonie am See.

Henry van de Velde bei der Arbeit in den 1930er-Jahren.

Henry van de Velde bei der Arbeit in den 1930er-Jahren.