Abschied von «Köbi national»: Ein Trainer aus dem Volk und fürs Volk

Der frühere Nationaltrainer ist am Dienstag 76-jährig gestorben. Köbi Kuhn begeisterte als Spieler und Coach gleichermassen. Er war beim FC Zürich eine Legende und führte später die Schweizer Nationalmannschaft an drei Endrunden.

François Schmid-Bechtel
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Die Spieler feiern ihren Trainer: Köbi Kuhn führte das Nationalteam mit viel Intuition. Bild: Freshfocus (Basel, 11. Oktober 2003)
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Die Spieler feiern ihren Trainer: Köbi Kuhn führte das Nationalteam mit viel Intuition. Bild: Freshfocus (Basel, 11. Oktober 2003)
Die Spieler feiern ihren Trainer: Köbi Kuhn führte das Nationalteam mit viel Intuition. Bild: Freshfocus (Basel, 11. Oktober 2003)
Die Spieler feiern ihren Trainer: Köbi Kuhn führte das Nationalteam mit viel Intuition. Bild: Freshfocus (Basel, 11. Oktober 2003)
Die Spieler feiern ihren Trainer: Köbi Kuhn führte das Nationalteam mit viel Intuition. Bild: Freshfocus (Basel, 11. Oktober 2003)
Die Spieler feiern ihren Trainer: Köbi Kuhn führte das Nationalteam mit viel Intuition. Bild: Freshfocus (Basel, 11. Oktober 2003)
Die Spieler feiern ihren Trainer: Köbi Kuhn führte das Nationalteam mit viel Intuition. Bild: Freshfocus (Basel, 11. Oktober 2003)

Die Spieler feiern ihren Trainer: Köbi Kuhn führte das Nationalteam mit viel Intuition. Bild: Freshfocus (Basel, 11. Oktober 2003)

WM 2006. Bad-Bertrich. Ein kleines, beschauliches Nest in Rheinland-Pfalz. Wenn der Ort überhaupt frequentiert wird, dann vor allem von Krampfader-Patienten. Und im Juni 2006 von der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft mit ihrem Trainer Köbi Kuhn.

Ich war damals als Reporter für eine andere Zeitung vor Ort. Weil es für die Schweiz die erste WM-Teilnahme nach 1994 war – und dann erst noch beim grossen Nachbarn in Deutschland – spielte die Vernunft eine untergeordnete Rolle. In stundenlangen Sitzungen wurde überlegt, was wir Originelles machen könnten. Ein Kollege meinte, er hätte einen guten Draht zum Skistar Hermann Maier. Und dieser würde Schweine züchten. Der Maier würde bestimmt ein putziges Minischwein nach Bad Bertrich schicken, das der Schweizer Delegation als Glücksbringer dienen soll. Der Vorschlag wurde für gut befunden. Und als der Nati-Tross eintraf, war das Tier schon in seinem neuen Stall. Nur: Es handelte sich nicht um ein schnuckliges, rosafarbenes Schweinchen, sondern um eine ziemlich ausgewachsene Sau.

Selbst das hat Köbi Kuhn nicht davon abgehalten, das Mannschaftshotel zu verlassen, zum Stall zu marschieren um für ein Foto mit dem Schwein zu posieren. Die Frage ist obsolet, ob irgendein anderer Nationaltrainer auf dieser Welt bei einer solchen Aktion mitgemacht hätte. Köbi Kuhn war wohl der letzte Nationaltrainer, dessen Nummer man im Telefonbuch fand. Ein Nationaltrainer aus dem Volk, fürs Volk. Damit konterkarierte er schon damals mit seiner volksnahen, unaufgeregten Art die abgehobene Fussballwelt. Doch Kuhn fand stets: Ich habe nichts zu verstecken. Wer mich anrufen will, soll mich anrufen. Meist nahm sowieso seine Frau Alice ab. Und die wusste, wen sie abwimmeln muss und wen nicht.

Ein Schlitzohr, Ballzauberer und Provokateur

In einem Leben als Fussballtrainer spielt das Telefon eine wichtige Rolle. Im Juni 2001, Kuhn war damals noch Trainer der Schweizer U21-Auswahl, schien für ihn doch noch ein Traum in Erfüllung zu gehen. 58jährig war er bereits. Das letzte Spiel im Dress des FC Zürich lag schon lange 24 Jahre zurück. In diesen 24 Jahren wurde es ruhig um Kuhn. Mit wenig Erfolg arbeitete er in der Versicherungsbranche, später als Nachwuchstrainer beim FCZ und schliesslich beim Verband. Alles deutete darauf hin, dass Köbi Kuhn als brillanter Spielmacher in Erinnerung bleibt. Bis eben der Anruf von FCZ-Präsident Sven Hotz kam.

Köbi Kuhn führt den FC Zürich zu sechs Meistertiteln und fünf Cupsiegen. (Bild: Keystone)

Köbi Kuhn führt den FC Zürich zu sechs Meistertiteln und fünf Cupsiegen. (Bild: Keystone)

Trainer, bei seinem FCZ! Kuhn wächst in proletarischen Verhältnissen in Wiedikon auf, weniger als einen Kilometer vom Letzigrund entfernt. Der Vater, der ebenfalls Köbi hiess, war Schreiner. Die Kuhns und ihre vier Kinder teilen die einzige Badewanne im Keller ihres Mietshauses mit acht anderen Familien. Edi Nägeli, dem stumpenrauchenden Präsidenten des FC Zürich, wird zugetragen, dass da ein 15-Jähriger in unmittelbarer Nachbarschaft, beim FC Wiedikon Wunderdinge am Ball vollbringe. Nageli beobachtet den jungen Kuhn, ist begeistert und holt das Talent zum FCZ. Am 19. März 1961 debütiert Kuhn mit 17 in der Nationalliga A. Er blieb 16 Jahre. In dieser Zeit wurde er zur absoluten Ausnahmeerscheinung im Schweizer Fussball und sechsmal Meister, fünfmal Cupsieger, erreichte zweimal den Meistercup-Halbfinal und absolvierte 63 Länderspiele.

Das war in einem anderen Jahrtausend. Damals war er der schlaue Ballzauberer. Ein Schlitzohr und Provokateur. Einer, der die Gegner nicht nur mit dem Ball am Fuss, sondern auch mit seinen frechen Sprüchen aus dem Konzept brachte. Ein Popstar. Angehimmelt von den Frauen, bewundert von den Männern. Der Ruhm ist 2001 zwar nicht vergessen, hat aber Staub angesetzt. Doch jetzt wird alles anders. Jetzt wird er FCZ-Trainer. Nicht, dass Kuhn je etwas auf Starkult gegeben hätte. Aber er hat auch nichts gegen Wertschätzung. Tempi passati: In wenigen Stunden wird er im Büro von Hotz einen Vertrag unterschreiben.

Doch einer funkt dazwischen. Hansruedi Hasler, Technischer Direktor beim Fussballverband, der ihm zuvor die Freigabe für den FCZ erteilte, ruft Kuhn nochmals an. Er teilt ihm mit, dass Nationaltrainer Enzo Trossero zurückgetreten und er, Kuhn, erster Kandidat für die Nachfolge sei. Jahrelang musste Kuhn um Trainerjobs kämpfen.

Der unterdessen verstorbene Timo Konietzka, einer von Kuhns Trainern beim FCZ, sagte mal: «Köbi war ein Teamleader, der die anderen stets herausforderte. Neben dem Platz hatte er es gerne lustig. Er war ein Festbruder, der schon einmal ein, zwei Bier trank.» Das frivole in Kuhn brachte ihm auch Ärger ein. An der WM 1966 kehrt er mit zwei Kollegen zu spät vom Ausgang zurück. Sie sollen sogar von Engländerinnen in einem Auto abgeholt worden sein. «Eine harmlose Chalberei» nennt es Kuhn. Die Schweiz nennt es die «Nacht von Sheffield». Zur Strafe wird Kuhn für das Startspiel gegen Deutschland (0:5) von Nationaltrainer Alfredo Foni nicht nominiert und sogar für zwei Jahre aus der Nati ausgeschlossen.

Viele Jahre später, als Kuhn Nationaltrainer wird, lacht er über die Geschichte. Auch käme es ihm nicht in den Sinn, seine Spieler ähnlich zu überwachen, wie er damals überwacht worden ist. Die meisten von ihnen wie Alex Frei oder Ludovic Magnin kennt er aus seiner Zeit als Nachwuchstrainer. Er nennt sie auch mal seine Buben. Er weiss, dass der eine vielleicht mal heimlich auf dem Balkon eine raucht. Oder der Jass auch mal länger dauert. Aber er vertraut ihnen. Und sie vertrauen ihm. Was wahrscheinlich die Basis ist für die Erfolge, die er als Nationaltrainer feierte. Ein Spieler sagte in einem vertraulichen Gespräch: «Herr Kuhn behandelt uns wie mündige Männer. Er interessiert sich nicht nur für den Fussballer, sondern auch für den Menschen. Und er sagt, wenn ihn etwas bedrückt. Da existiert keine Barriere zwischen ihm und den Spielern. Im Fussball ist das aussergewöhnlich. Deshalb tanzen wir ihm nicht auf der Nase rum.»

Unter Kuhn qualifiziert sich die Schweiz für die EM 2004 und die WM 2006. Das ist ein guter Leistungsausweis. Obwohl, den ganz grossen Coup landete er als Nationaltrainer nicht. Trotzdem war das Nationalteam nie populärer als zu jener Zeit. Was auch auf Kuhns Wesen zurückzuführen ist, diesen bodenständigen, bescheidenen Mann, der auch mit 27 noch mit dem Fahrrad ins FCZ-Training gefahren ist.

Natürlich war er gesegnet mit Talent, mit Ausstrahlung, mit Charme und Witz und einem hübschen Gesicht. Aber Glück allein? Nein. Kuhn blickte immer wieder auch in den Abgrund. Als Versicherungsvertreter muss er Konkurs anmelden. Seine Tochter Viviane driftete in die Drogenszene ab. Sie stirbt 2018. Seine erste Frau Alice erleidet unmittelbar vor der Heim-EM 2008, seinem letzten grossen Auftritt als Nationaltrainer, einen epileptischen Anfall nach einer Bewusstseinsstörung. 2014 stirbt sie nach langer Krankheit. Und bei Kuhn wird 2011 eine «Altersleukämie» diagnostiziert. Zwei Jahre später unterzieht er sich einer stationären Chemo-Therapie. Von der er sich gut erholt. Bis er vor einem Jahr mit einer Lungenentzündung ins Spital eingeliefert wird.

Die Liebe seines Lebens: Köbi Kuhn zusammen mit seiner Frau Alice, die 2014 verstarb. Ihre Ehe dauerte 49 Jahre. (Mammern, 9. August 2008) (Bild: Freshfocus)

Die Liebe seines Lebens: Köbi Kuhn zusammen mit seiner Frau Alice, die 2014 verstarb. Ihre Ehe dauerte 49 Jahre. (Mammern, 9. August 2008) (Bild: Freshfocus)

«Köbi ist gestorben». Niemand fragte am Dienstagabend auf der Redaktion, welchen Köbi ich meine. Dutzende Male haben wir uns im Hotel in Gehdistanz zu seiner Wohnung am Fuss des Uetlibergs auf einen Kaffee getroffen. Dabei war er nicht immer glücklich über das, was ich geschrieben habe. Aber laut oder aufbrausend habe ich ihn nie erlebt. «Ach, wissen Sie, es gibt noch andere wichtige Dinge im Leben neben dem Fussball.» Und wie erwarten Sie den Gegner? «Mit elf Spielern.» Dieser Gag kam immer. Sein schelmisches Lachen danach auch.

Die Schweiz trauert um Jakob «Köbi» Kuhn. (Bild: Steffen Schmidt, Freienbach, 2004)
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Der frühere Nationaltrainer ist am Dienstag nach langwieriger schwerer Krankheit verstorben. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller, Ilanz, 26. Mai 2016)
Köbi Kuhn wurde 76 Jahre alt. (Bild: Keystone/Georgios Kefalas)
Der frühere Trainer der Schweizer Nationalmannschaft ist am Dienstagnachmittag im Spital Zollikerberg nach einer langwierigen schweren Krankheit gestorben. (Bild: Andreas Meier, 2002)
Unter Kuhn – hier an der Heim-EM 2008 – qualifizierte sich die Nati für die EM-Endrunde 2004 und die WM-Endrunde 2006. (Bild: Eddy Risch)
Unter Trainer Köbi Kuhn gelangen der Schweizer Nationalmannschaft dreizehn Siege in Serie. Seine Ägide dauerte von 2001 bis 2008. (Bild: Keystone)
2008: Nationaltrainer Köbi Kuhn geniesst während der EM in der Schweiz das Bad in der Menge. (Bild: Laurent Gillieron)
Von den Fans bekam Kuhn den Spitznamen «Köbi National», hier nach der WM 2006 am Flughafen Zürich. (Bild: Eddy Risch)
2001: Köbi Kuhn als Coach der U21-Nationalmannschaft. (Bild: Rolf Jenni)
2019: «Ich stand unter Schock» – Köbi Kuhn berichtete in seiner Autobiografie von sexuellem Missbrauch als Kind. (Bild: Valeriano Di Domenico/Keystone)
Der Jugendliche Köbi Kuhn auf der Fritschiwiese in Zürich-Wiedikon: (Bild: FCZ Museum)
1964: Jakob «Köbi» Kuhn in seinen jungen Jahren. (Bild: STR)
1966: FCZ-Spieler Köbi Kuhn im Derby gegen GC. (Bild: Matthias Scharrer)
1966: Köbi Kuhn als Cup-Sieger mit dem FCZ. (Bild: FCZ Museum)
1968: Köbi Kuhn mit Pelé im Letzigrund: (Bild: FCZ Museum)
1968: Köbi Kuhn jongliert im Letzigrund. (Bild: STR)
1969: Köbi Kuhn als Spieler des FC Zürich. (Bild: STR)
1972: Köbi Kuhn im Letzigrund. (Bild: Sportmuseum Schweiz): (Bild: Sportmuseum Schweiz)
1973: Im Berner Wnakdorfstadion schlägt Köbi Kuhn mit dem FC Zürich den FC Basel und wird Cup-Sieger. (Bild: STR)
Köbi Kuhn nach dem Cupsieg mit dem FC Zürich am 23. April 1973. (Bild: Keystone)
1975: FCZ-Präsident Edi Nägeli und Captain Köbi Kuhn mit dem Meisterpokal im Letzigrund. (Bild: STR)
1977: Köbi Kuhn wurde mit dem FCZ sechs Mal Schweizer Meister (1963, 1966, 1968, 1974, 1975, 1976). (Bild: STR)
1978: Nach der Partie gegen den AC Milan verabschiedet FCZ-Präsident Edi Nägeli Köbi Kuhn nach seinem letzten Karrierespiel als Aktiver Fussballer. (Bild: STR)
1978: FCZ-Präsident Edi Naegeli (l.) verabschiedet Köbi Kuhn nach dem Spiel gegen AC Milan. (Bild: Photopress-Archiv)
1983: Köbi Kuhn als Trainer des FC Zürich – seiner einzigen Trainer-Position im Club-Fussball. (Bild: foto-net)
2002: Köbi Kuhn Trainierte von 2001 bis 2008 die Schweizer A-Nationalmannschaft. Davor war er von 1995 bis 2001 Coach der U21-Nati. (Bild: FRANCO GRECO)
2003: Nati-Caoch Kuhn im Basler Joggeli. (Bild: EDDY RISCH)
2005: An den Sports Awards wird Köbi Kuhn zum Trainer des Jahres gekürt. (Bild: LUKAS LEHMANN)
2007: Köbi Kuhn gewinnt den Swiss Award und wird Schweizer des Jahres 2006. (Bild: WALTER BIERI)

Die Schweiz trauert um Jakob «Köbi» Kuhn. (Bild: Steffen Schmidt, Freienbach, 2004)