Ein Team wächst über sich hinaus

Der FC St. Gallen trumpft im Rückspiel des Europa-League-Playoffs gegen Spartak Moskau gross auf. Nach dem 1:1 zu Hause gewinnt er auswärts mit 4:2. Die Qualifikation für die Gruppenphase ist einer der grössten Erfolge in der Clubgeschichte.

Patricia Loher/Moskau
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Mittelfeldspieler Roberto Rodriguez (links) erzielt das vorentscheidende 3:1 für die St. Galler. (Bild: Urs Bucher)

Mittelfeldspieler Roberto Rodriguez (links) erzielt das vorentscheidende 3:1 für die St. Galler. (Bild: Urs Bucher)

FUSSBALL. Spartak Moskau griff noch einmal an, ein Tor aber hätte den favorisierten Russen nicht genügt. Es hätten zwei sein müssen, um den Aussenseiter doch noch in die Schranken zu weisen. Doch der grosse Auftritt gehörte, wie so oft an diesem Abend, einem St. Galler. Einem Akteur aus einer Mannschaft, der in Moskau kaum Chancen eingeräumt worden waren. Dejan Janjatovic überlief alle seine Gegenspieler und düpierte am Ende den Goalie von Spartak Moskau mit einem perfekten Lobball. Es war das 4:2, es lief die 88. Minute. St. Gallens Spieler fielen sich in die Arme. «Oh wie ist das schön», hatten die Anhänger aus der Ostschweiz schon lange vorher angestimmt, nach dem 3:1 durch Roberto Rodriguez in der 36. Minute applaudierten dem Gast selbst die einheimischen Zuschauer. Die Situation in der Chimki-Arena war oft bizarr. St. Gallen bestritt phasenweise ein Heimspiel. Verdient hatten sich die Gäste die Anerkennung zweifellos. Sie lieferten in Moskau bei einem anscheinend übermächtigen Gegner eine Leistung für die Geschichtsbücher ab. St. Gallen wuchs über sich hinaus.

St. Gallen effizienter

Mit Ausnahme der ersten zehn Minuten hatten die Ostschweizer Spartak Moskau, in der Vorsaison immerhin Champions-League-Teilnehmer, immer im Griff. Der frühe Rückstand nach 54 Sekunden hätte wegweisend sein können. «Doch unsere Mannschaft hat ihren starken Charakter unter Beweis gestellt», sagte Präsident Dölf Früh. Die Russen hatten wuchtig begonnen, St. Gallen schien beeindruckt. Nur war der Schwung nach 15 Minuten weg. Der Gast übernahm immer mehr das Diktat. Die Mannschaft stand hoch, Marco Mathys und Rodriguez trieben das Spiel an. So wie schon im Hinspiel kaufte St. Gallen Spartak Moskau auch auswärts den Schneid ab. Die Ostschweizer machten praktisch alles gleich gut wie eine Woche zuvor. Und eines gelang ihnen gar noch besser: Sie waren effizienter. Zuerst traf Goran Karanovic in der 17. Minute zum 1:1, danach in der 32. Minute zum 2:1.

Die Verwunderung von Früh

Auch Präsident Früh gestand, manchmal habe er sich verwundert die Augen gerieben. Denn St. Gallen trat auf, als ob es jedes Jahr in der Europa League spielen würde. Keiner fiel ab, aber alle auf, hinzu kam, dass Goalie Daniel Lopar in der zweiten Hälfte zweimal glänzend parierte. «Ich bin stolz, Trainer dieser Mannschaft zu sein», sagte Jeff Saibene. Es war ihm anzusehen, dass er den Erfolg noch nicht richtig fassen konnte. «Vor zwei Jahren spielten wir noch in der Challenge League, nun schafften wir den Sprung in die Gruppenphase der Europa League. Unglaublich.» St. Gallens Erfolg ist vergleichbar mit dem Coup des Herbstes 2000, als die Ostschweizer Chelsea bezwangen. So wie damals verfügt St. Gallen über eine ausgezeichnete zusammengesetzte, gut harmonierende Mannschaft. Einziger Wermutstropfen gestern abend war die Verletzung von Stéphane Nater, der mit Adduktorenproblemen zwei bis drei Wochen ausfallen wird.

Nach der heutigen Auslosung der Gruppenspiele trifft St. Gallen am Sonntag in der Meisterschaft zu Hause auf Luzern. Das Team von Saibene wird sich zumindest bis zur Winterpause gerne an den neuen Rhythmus gewöhnen.