Ein Spätberufener auf der Höhe seiner Kunst

Gilles Muller hat in einem Fünf-Satz-Marathon Rafael Nadal bezwungen. Damit feiert der Luxemburger im Alter von 34 Jahren und 2 Monaten den grössten Erfolg seiner Karriere. Dabei war Muller einst der weltbeste Junior.

Jörg Allmeroth, London
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Der epische Achtelfinal-Marathon war gerade mit dem 389. Punkt vorüber, da nahm Gilles Muller auf dem Tennisgrün eine ziemlich vertraute Pose ein: Cool, lässig und unbewegt wie sein grosser Kinoheld Al Pacino stand er da und genoss den Beifallssturm der Zuschauer, er, der Triumphator im bisher mitreissendsten Spiel der Internationalen Englischen Meisterschaften des Jahres 2017.

Mit seinem 6:3-, 6:4-, 3:6-, 4:6-, 15:13-Sieg gegen den zweifachen Champion Rafael Nadal hatte sich Muller, der Luxemburger Tennisveteran aus dem 9332-Seelen-Städtchen Leudelingen, endgültig zum Mann der Stunde aufgeschwungen, zu einer der einprägsamsten Figuren der ganzen Saison auch.

Im Grossherzogtum ist er längst eine Berühmtheit, der bodenständige Tennisspieler, der Globetrotter, der sechs Sprachen beherrscht. Aber auf seine alten Tage macht sich der Spätberufene jetzt auch über die Grenzen der kleinen Heimat einen Namen, gegenwärtig steht er auf Weltranglistenplatz 26 so gut wie noch nie da. Und erfüllt damit in einem Moment, in dem er selbst wohl nicht mehr so wirklich daran glaubte, die hohen Erwartungen aus den Jugendtagen. «Muller hatte das Talent, das Potenzial, um eine führende Rolle zu spielen», sagt der Engländer Tim Henman, ein ehemaliger Weggefährte. 17 Jahre lang lief der ehemals weltbeste Junior Muller einem Turniererfolg hinterher, bis er in seinem sechsten ATP-Final endlich zum ersten Mal triumphierte, im Januar 2017 in Sydney gegen den Briten Dan Evans.

Muller fühlt sich wie «runderneuert»

Nicht immer lebte der Linkshänder so diszipliniert wie in diesen Tagen, er habe einst auch schon mal fünfe gerade sein lassen, sagt Muller. Zudem plagte sich der Dortmund-Anhänger immer wieder mit Verletzungen herum. Vor vier Jahren brachte ausgerechnet eine weitere Verletzung die Wende: «Nach einer Ellbogenblessur arbeitete ich so intensiv wie nie an meiner Physis. Und stellte meine Ernährung komplett um», sagt Muller. Jetzt spielt er schon mehrere Jahresserien ohne Schwierigkeiten durch und fühlt sich wie «runderneuert». 2017 ist nun Mullers mit Abstand bestes Jahr, er gewann in s’Hertogenbosch seinen zweiten Titel, rückte danach im Queens Club in den Halbfinal vor. Gerade auf Rasen kann Muller sein intuitives, intelligentes Tennis perfekt ausspielen und daneben von den neuen Kräften profitieren. Bevor er Nadal besiegte, hatte er schon ein Spiel über die volle Distanz bestritten, er gewann in der zweiten Runde 9:7 gegen den Tschechen Lukas Rosol. «Ich kämpfe hier, bis ich umfalle», sagt Muller.

Jörg Allmeroth, London