Ein Rettungsring gegen die Dämonen, Angst und Einsamkeit: Psychologische Hilfe für Tennis-Spieler in existenziellen Krisen

Kein Einkommen, Einschränkungen, die einem Berufsverbot gleichen und die Ungewissheit, ob und wann es weitergeht. Die Coronakrise stürzt auch viele Tennisspieler in eine existenzielle Krise. Nun steht ihnen immerhin ein psychologischer Dienst zur Verfügung. Und das rund um die Uhr.

Simon Häring
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Stan Wawrinka zeigt an, wo Tennis auch stattfindet: zwischen den Ohren, im Kopf. Nun bietet die Profi-Vereinigung ATP Hilfe in Krisensituationen an.

Stan Wawrinka zeigt an, wo Tennis auch stattfindet: zwischen den Ohren, im Kopf. Nun bietet die Profi-Vereinigung ATP Hilfe in Krisensituationen an.

Bild: Keystone

Wer sie spielen sieht, stundenlang, bei Hitze, bei Wind, bei Lärm, unter grösster mentaler Belastung, alleine im Duell mit dem Kontrahenten auf der anderen Netzseite, der vergisst manchmal, dass Tennisspieler immer auch gegen einen unsichtbaren Gegner kämpfen, jenen im eigenen Kopf. Gedanken aber können störend sein in diesem Sport, der so sehr auf Intuition basiert. Die glitzernde Fassade, die den Tennis-Zirkus umhüllt, legt einen Schleier über die Schattenseiten eines Lebens aus dem Koffer. Die Coronakrise wirft ein Schlaglicht auf diese Schicksale. Die Deutsche Carina Witthöft zum Beispiel, die seit zwei Jahren pausiert, erzählte, sie kenne viele, die Schlaftabletten konsumieren würden. Weil sie, gefangen im Hamsterrad, das Kreisen der Gedanken nicht stoppen können.

Schwäche zeigen, Verwundbarkeit, das passt nicht in diese Welt. Also hüllen sich viele in einen Mantel des Schweigens und setzen eine Maske auf. Der Amerikaner Mardy Fish zum Beispiel. Er war einmal die Nummer 7 der Welt, stand im Zenit seiner Karriere, als er im Spätsommer 2012 zum ersten Mal den Boden unter den Füssen verlor. Es war der Tag, an dem er in den Achtelfinals der US Open gegen Roger Federer hätte spielen sollen. Doch Federer wartete vergeblich. Auf dem Weg zur Anlage hatte Fish Herzrasen, wurde von Heulkrämpfen geschüttelt, und konnte sich erst beruhigen, als seine Frau ihm versichert hatte: «Du musst nicht spielen.» Panikattacke. Fish leidet an Angststörungen, dazu kam eine Depression.

Ex-Spieler Mardy Fish kämpft mit Panikattacken und Depressionen.

Ex-Spieler Mardy Fish kämpft mit Panikattacken und Depressionen.

Bild: Keystone

«Uns wird eingetrichtert, dass Schwäche eine Schande ist»

Fish leugnete die Krankheit lange, unterdrückte sie. Erst Jahre später sprach er erstmals öffentlich darüber. Sagte: «In unserem Sport wurde uns immer eingetrichtert, dass Schwäche eine Schande ist.» Vermutlich geht es vielen so, schliesslich leidet jeder fünfte unter Angst. Sie ist ein Warnsignal des Körpers, der ihn vorbereitet: auf Flucht oder Kampf. Gewinnt sie aber Überhand, kann sie das ganze Leben beherrschen. Das Leben – im Tennis besteht es aus mehr als aus Spielen vor Publikum und den Reisen an Sehnsuchtsorte. Es ist geprägt von Routinen. Den immer gleichen Städten, den immer gleichen Stadien, den immer gleichen gleichen Flughäfen, den immer gleichen Hotels und Fragen. Und immer im Gepäck sind Ängste, Sorgen, Einsamkeit, die inneren Dämonen.

Jetzt, wo nicht gespielt werden kann, kommen existenzielle Fragen dazu. Das Gros der Tennisspieler hat keine lukrativen Sponsorenverträge wie die Weltbesten um Roger Federer oder Novak Djokovic. Sie leben von den Preisgeldern, von denen nach Abzug der Steuern und der hohen Kosten, die das Reisen, das Material und die Unterkünfte verschlingen, nicht mehr viel übrig bleibt. Können sie nicht spielen, fallen zwar viele Kosten weg, doch auch das Einkommen bricht ein. Für viele rückt mit jedem Tag der Ungewissheit das Ende der Sportlerkarriere näher. Der Schweizer Tennis-Profi Sandro Ehrat sagt: «Viele Spieler denken darüber nach, den Beruf aufzugeben, weil sie finanziell einfach nicht überleben können.» Für sie hat die Profi-Vereinigung ATP immerhin einen Hilfsfonds in Aussicht gestellt.

Roger Federers Gedanken an Betroffene

Nun wirft die ATP ihren Spielern auch bei psychologischen Fragen den Rettungsring zu. Denn das Thema habe in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen, sagt Ross Hutchins, ATP Chief Tour Officer und früher erfolgreicher Doppel-Spieler. Gemeinsam mit «Sporting Chance» hat die ATP eine 24-Stundenhotline eingerichtet, an die sich Spieler in Krisen wenden können. Gegründet wurde die Organisation, die unter dem Patronat von Sänger Elton John steht, vom ehemaligen Fussballer Tony Adams, einst Verteidiger bei Arsenal London und in der englischen Nationalmannschaft und trockener Alkoholiker. «Sporting Chance» bietet Therapien an, die auf die Bedürfnisse von Sportlern zugeschnitten sind. Das Netzwerk besteht aus 200 Therapeuten, und der weltweit einzigen auf Sportler spezialisierten Klinik in Hampshire an der Südküste Englands.

Die Zusammenarbeit ist nur eine Massnahme in einem ganzen Paket, das die mentale Gesundheit ins Zentrum des Bewusstseins rückt. Daneben erhalten die Spieler Zugang zu Programmen von «Headspace», einem Online-Gesundheitsunternehmen. Dort werden Inhalte über Meditation, Achtsamkeit, Schlafverhalten und Trainingsmethoden für die Psyche angeboten. Bereits vor einem Monat kündigte die ATP an, ihren Spielern Zugang zur Lernplattform «Coursera» zu verschaffen. Dort werden rund 4200 Online-Kurse angeboten. Es soll ein Angebot für die spielfreie Zeit sein. Seit Mitte März und bis mindestens Ende Juli ruht der Spielbetrieb. Roger Federer sagte kürzlich: «Wir sollten die Menschen nicht vergessen, die jetzt unter psychischen Problemen leiden. Es zeigt uns, wie wichtig es ist, dass wir aufeinander aufpassen. Vielleicht ist es ein Neustart, den die Menschen und die Welt brauchte.» Die Dämonen werden bleiben. Aber die Betroffenen sind damit zumindest nicht mehr ganz alleine.