Ein Punkt ohne Wert

Mit dem 0:0 gegen Bulgarien sinken die Chancen der Schweiz auf eine EM-Teilnahme auf ein rechnerisches Minimum. Der Auftritt in Sofia ist eine Enttäuschung, die Schweizer spielen ohne Selbstvertrauen und werden zeitweise dominiert.

Stefan Kreis/Sofia
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Alex Frei am Boden. Der Schweizer Captain vergab gegen Bulgarien die beste Torchance und hätte in einem schlechten Spiel doch noch zum Matchwinner werden können. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Alex Frei am Boden. Der Schweizer Captain vergab gegen Bulgarien die beste Torchance und hätte in einem schlechten Spiel doch noch zum Matchwinner werden können. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Fussball. Es lief die 20. Minute und die 500 Schweizer im Levski Stadion in Sofia trauten ihren Augen kaum. Auf dem Rasen geschah etwas, was kaum einer auf der Tribüne mehr für möglich gehalten hätte: Die Schweiz eroberte einen Ball. Blerim Dezmaili gewann einen Zweikampf und liess zum ersten Mal so etwas Ähnliches wie Aggressivität erkennen. Zuvor hatten die Spieler von Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld keine Chance gegen die aufsässigen Bulgaren, was nicht zu entschuldigen ist. Wer in einem kapitalen Spiel in der Startphase keinen Zweikampf gewinnt, ist sich dem Ernst der Lage nicht bewusst.

Vor dem Spiel versprach Hitzfeld, dass seine Spieler bereit sein werden und dass sie vor Leidenschaft strotzen würden. Das Gegenteil war der Fall. Die Schweizer hatten kein Selbstvertrauen, leisteten sich viele Ballverluste und verloren gegen die von Coach Lothar Matthäus hervorragend eingestellten Bulgaren fast jeden Zweikampf.

Hitzfeld lobt die Mannschaft

Auf die Frage, warum seine Mannschaft nicht bereit gewesen sei, antwortete Hitzfeld: «Wir waren in der Startphase zu nervös und Bulgarien ist über sich hinausgewachsen.» Seinen Spielern könne er aber kaum einen Vorwurf machen, denn sie hätten bis zur letzten Sekunde um den Sieg gekämpft. Statt seine Mannschaft zu kritisieren, fuhr Hitzfeld einen Kuschelkurs. Statt mit einzelnen Spielern abzurechnen, verteilte er Lob. Den schwächsten Schweizer, Gökhan Inler, bezeichnete Hitzfeld als «genialen Fussballer» und zeigte Verständnis für dessen Leistung: «Er ist einer, der sich immer zu stark unter Druck setzt und es zu gut machen will.» Mittelfeldkollege Dzemaili bekam ebenfalls nette Worte mit auf den Weg: «Er ist eine treibende Kraft im Mittelfeld geworden.»

Hitzfeld, der bekannt dafür ist, sich selbst nach katastrophalen Leistungen hinter seine Spieler zu stellen, blieb seiner Linie auch gestern treu. Agiert seine Mannschaft aus diesem Grund ohne Herz? Weil sie weiss, dass sie sowieso gelobt wird? Auch über Valon Behrami, der in der 17. Minute verletzt ausgewechselt wurde – der Verdacht auf einen Aussenbandriss bestätigte sich nicht –, verlor Hitzfeld kein kritisches Wort, obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte. Es war dilettantisch, wie Behrami den Ball verlor, zu einer rotwürdigen Grätsche ansetzte und sich als «Bestrafung» verletzte. Für Hitzfeld ein Knackpunkt des Spiels: «Die Aktion hat uns Möglichkeiten in der Offensive gekostet, weil wir sonst noch eine Wechselmöglichkeit mehr gehabt hätten und in der Schlussphase Hakan Yakin hätten bringen können.» Hitzfeld brachte Eren Derdiyok und Debütant Mario Gavranovic, die beide nichts mehr gegen das 0:0 unternehmen konnten. Ein Resultat, das den Schweizern kaum mehr eine Chance auf die EM-Qualifikation lässt.

Das Warten auf das Wunder

Hitzfeld sieht das anders. Er gab sich trotzig und sagte: «Solange die EM-Qualifikation rechnerisch möglich ist, gebe ich nicht auf. Wir können in England gewinnen.» Das grenze zwar an ein Wunder, aber bereits gegen Spanien habe die Schweiz gezeigt, dass Wunder möglich seien. Vom 1:0-Sieg an der WM spricht derzeit keiner mehr, von einem möglichen Sieg gegen England ebenfalls nicht. Wer sich im Spiel der letzten Chance nur zwei echte Möglichkeiten erspielt, wird auch im Spiel der allerletzten Chance keinen Sieg erringen. Erst recht, wenn die Einstellung fehlt.

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