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Ein Poker-Spieler als Präsident, Musiker als Fans und eine Odyssee als Historie: FCSG-Gegner Brighton ist kein gewöhnlicher Verein

Wenn der FC St.Gallen am Samstag um 14 Uhr sein letztes Testspiel bestreitet, steht ihm mit Brighton & Hove Albion ein Verein mit bemerkenswerter Vergangenheit gegenüber: Ins Exil vertrieben, fast aus dem Profifussball verschwunden und seit einem Jahr zurück in der obersten Liga.
Ruben Schönenberger
Möwen überall - das Wappentier ist bei Brighton omnipräsent. (Bild: Ruben Schönenberger)

Möwen überall - das Wappentier ist bei Brighton omnipräsent. (Bild: Ruben Schönenberger)

  • Der FC St.Gallen bestreitet am Samstag, 14. Juli um 14 Uhr ein Testspiel gegen Brighton & Hove Albion. Der Eintritt im Kybunpark ist frei.

Die englische Premier League stellte fast die Hälfte aller Spieler, die in die letzte Woche im WM-Halbfinal antraten. Alleine neun Spieler stehen bei Tottenham Hotspur unter Vertrag. Und wirtschaftlich droht die englische Liga sowieso allen anderen zu entfliehen, Einnahmen aus den Fernsehrechten sei Dank.

Auch Brighton ist im Vergleich zum FC St.Gallen ein ungleich grösseres Kaliber. Trotzdem sind die «Seagulls» – die Möwen – kein typischer Vertreter der englischen Liga. Als sie vor einem Jahr in die Premier League aufgestiegen sind, setzten sie damit einen Schlussstrich unter eine Odyssee, die 1993 begonnen hatte. Bill Archer, der Betreiber einer Baumarktkette, hatte den Verein damals für 56 Pfund und 25 Pence übernommen.

Präsident verkaufte das Stadion ohne Ersatz

Später verkaufte Archer den Goldstone Ground, die damalige Heimstätte des Clubs, für rund sieben Millionen. Ohne dass ein neues Stadion zur Verfügung gestanden hätte. Drew Whitworth, Brighton-Korrespondent beim englischen Fussballmagazin «When Saturday Comes» sagte dazu in einem früheren Gespräch mit dem österreichischen Fussballmagazin «ballesterer»: «Archer hat die 56 Pfund für das Grundstück gezahlt, nicht für den Club. Er wollte einfach Profit machen.»

Die Wut des Anhangs war gross, zweimal stürmten die Fans gar während eines Spiels den Platz. Geholfen hat alles nichts. Das Verhältnis des Präsidenten war nicht nur zu den Fans schlecht, auch die Presse litt darunter. «In den letzten Jahren des Goldstone Grounds hatten wir sogar ein Hausverbot», sagte Andy Naylor, Sportchef der Tageszeitung «Argus» im erwähnten «ballesterer»-Artikel.

Heimspiele in 100 Kilometern Entfernung

Als dann 1997 das letzte Spiel bevorstand, war der Verlust des Stadions aber nicht das einzige Problem. Bis zuletzt musste sich Brighton in der Saison 1996/97 gegen den Abstieg aus der vierthöchsten Liga und damit aus dem Profifussball wehren. Der Ligaerhalt gelang in extremis, doch ohne Stadion musste der Club ins mehr als 100 Kilometer entfernte Gillingham ausweichen. 1999 kam er zumindest in die Stadt zurück. Im kombinierten Leichtathletik- und Fussballstadion Withdean fühlte sich jedoch niemand wohl. Als der «Observer» in einer Umfrage die unbeliebtesten Stadien kürte, landete Withdean auf dem vierten Platz.

Kein beliebter Ort für Fussballspiele: Im Withdean spielte der Club vor dem Umzug ins «Amex». (Bild: Ruben Schönenberger)

Kein beliebter Ort für Fussballspiele: Im Withdean spielte der Club vor dem Umzug ins «Amex». (Bild: Ruben Schönenberger)

Präsident war da bereits der Geschäftsmann Dick Knight. Dieser versuchte mit einem Neubau den Fehler seines Vorgängers zu korrigieren. Der auserkorene Standort Falmer am Stadtrand Brightons, angrenzend an den Campus der University of Brighton, ragte jedoch in ein geschütztes Gebiet hinein. «Die Einstufung war veraltet», sagte Clubsprecher Paul Camillin dazu schon vor geraumer Zeit.

Poker-Profi übernimmt den Verein

Zahlreiche Geschichten ranken sich um den Kampf für die Baubewilligung. Das Buch «We Want Falmer» illustriert gut, wie Punks, Lehrer, Buchhalter und Funktionäre am gleichen Tisch die nächsten Schritte planten. Die breite Unterstützung verhalf schliesslich zum Erfolg. 2011 wurde das American Express Community Stadion, kurz Amex, eröffnet. Finanziert massgeblich vom professionellen Poker-Spieler Tony Bloom, der auch das Vereinspräsidium von Knight übernahm. Bloom investierte 93 Millionen in den Bau, wollte dafür aber auch die Kontrolle erhalten.

Damals war der Club gerade erst in die zweitklassige Championship aufgestiegen, doch Bloom, selber langjähriger Fan, wollte mehr. Und hatte Erfolg: Mit Ausnahme der Saison 2014/15, in der auch der eben von St.Gallen weggezogene Toko bei Brighton unter Vertrag, aber nie auf dem Feld stand. Anstatt um den Aufstieg kämpfte das Team gegen den Abstieg. Trainer war in dieser Saison Sami Hyypiä, der später auch in Zürich erfolglos bleiben sollte. Ansonsten war Brighton regelmässiger Gast im Playoff, in dem die Dritt- bis Sechstplatzierten den letzten Aufsteiger ausmachen. Reüssieren konnte der Club in einem solchen jedoch nie.

In der Aufstiegssaison 20-mal zu null gespielt

In der Saison 2016/17 sollte es deshalb ohne Umweg über das Playoff gelingen. Die Mannschaft von Trainer Chris Hughton hielt sich denn auch beständig auf den vorderen Rängen. Die Klasse des Teams zeigte sich auf praktisch jeder Position. Der Franzose Anthony Knockaert lieferte eine so gute Saison ab, dass er zum «Spieler des Jahres» gewählt wurde. Ganz vorne schoss Rückkehrer Glenn Murray so viele Tore, dass man ihm selbst den zwischenzeitlichen Aufenthalt beim Erzrivalen Crystal Palace verzieh. Und Torhüter David Stockdale musste in 42 Spielen nur 36-mal hinter sich greifen, 20-mal spielte er zu null. Trotzdem entschied er sich mit dem Wechsel zum Birmingham City zum Verbleib in der zweithöchsten Liga. Im Tor der Möwen steht nun Mathew Ryan, der unlängst mit Australien in der Gruppenphase der Weltmeisterschaft ausgeschieden ist.

Mit Ryan überstand der Verein die erste Premier-League-Saison problemlos. In akuter Abstiegsgefahr war Brighton nie, nur in der noch nicht sehr aussagekräftigen Tabelle des zweiten Spieltags stand man kurz auf einem Abstiegsplatz. Die «Seagulls» schafften es auch, einige Ausrufezeichen zu setzen. So zum Beispiel eine Serie ohne Niederlage von Ende Januar bis Anfang März – unter anderem mit einem 2:1-Erfolg gegen Arsenal – oder ein 1:0 gegen Manchester United im drittletzten Saisonspiel.

Ein Punkrocker ist Klubpoet

Der Verein ist aber nicht nur wegen seiner Geschichte und den jüngsten Erfolgen kein gewöhnlicher. Besonders die Anhängerschaft zeichnet ihn aus. Musiker «Fatboy Slim» ist bekennender Fan. Neun Jahre lang war er mit seinem Label «Skint» gar Trikotsponsor. Mit dem Punkrocker «Attila the Stockbroker» hat der Verein sogar einen regelrechten Clubpoeten, der neben Fussballgedichten auch die Hymne der Grafschaft Sussex in einer Ska-Version veröffentlicht hat.

Die südenglische Küstenstadt Brighton ist Szene- und Touristen-Hotspot zugleich. (Bild: Ruben Schönenberger)

Die südenglische Küstenstadt Brighton ist Szene- und Touristen-Hotspot zugleich. (Bild: Ruben Schönenberger)

Der Club wiederspiegelt damit auch die Stadt Brighton, die im englischen Vergleich gerne als offener, toleranter und vielfältiger dargestellt wird. In der Tat wirkt der Ferienort manchmal etwas atypisch für England. Das mag an den Sprachschülern und Studierenden liegen, die dem Ort ein globales Flair verleihen. Das mag auch an den Szenen und Gemeinschaften liegen, die Brighton gerne für sich entdecken. In den letzten Jahren wurde Brighton unter anderem als Hauptstadt der Hipster oder der LGBT-Community bezeichnet.

Für Brighton ist es der erste Test

Aktuell bereitet sich die Mannschaft im österreichischen Schruns auf die kommende Saison vor, die am 11. August mit einem Auswärtsspiel gegen Watford startet. Das Spiel am Samstag ist für St.Gallen der letzte Test vor dem Saisonstart. Für Brighton hingegen ist es das erste Spiel in der Vorbereitung. Nicht mit dabei sein werden die WM-Teilnehmer Mathew Ryan (Australien), Jose Izquierdo (Kolumbien) und Leon Balogun (Nigeria), die noch in den Ferien weilen. Das restliche Kader dürfte gemäss Journalist Andy Naylor, der aktuell im Trainingslager weilt, vor Ort sein.

Ein Augenmerk sollten die Fans des FC St.Gallen vor allem auf zwei Spieler legen. Brighton-Captain Bruno steht seit 2012 in Diensten der Südengländer und hängt trotz seiner mittlerweile fast 38 Jahren noch eine Saison an. Der Spanier ist ein Verteidiger der Sorte, wie man sie in St.Gallen gerne sieht. Einsatzfreudig und zweikampfstark. Aber auch in der Küstenstadt trifft er auf viele Sympathien. So viele, dass in der unter Einheimischen wie Touristen populären North Laine von Brighton eine ganze Hausfassade sein Konterfei zeigt.

«El Capitano» - Die Beliebtheit von Brightons Captain Bruno zeigt sich auch im Stadtbild. (Bild: Ruben Schönenberger)

«El Capitano» - Die Beliebtheit von Brightons Captain Bruno zeigt sich auch im Stadtbild. (Bild: Ruben Schönenberger)

Vom belächelten Transfer zum «Schnäppchen des Sommers»

Der zweite Spieler, auf den man gut und gerne ein Auge werfen kann, ist Pascal Gross. Als der Deutsche vor Jahresfrist von Ingolstadt nach Brighton wechselte, war der Transfer mit einer kolportierten Transfersumme von 3 Millionen Pfund gleichzeitig ein Schnäppchen (für Brighton) als auch ein Rekordtransfer (für Ingolstadt). Auf der Insel wurde die Verpflichtung belächelt. Doch schon in der ersten Hälfte der Premier-League-Saison änderten sich die Meinungen.

Bereits im November erhob Sky Sports den Transfer zum «Schnäppchen des Sommers». Die ganz grossen Namen sucht man im Kader der «Seagulls» vergebens. Das Team funktioniert als Kollektiv. Nur so konnte sich Brighton in der ersten Premier-League-Saison behaupten, obwohl es als klarer Abstiegskandidat gehandelt wurde. Das muss der Club nun in der zweiten Saison bestätigen. Und die zweite ist bekanntlich die schwierigere Saison.

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