Statt Eishockey-Profiliga: Spieler Nico Hischier in einem etwas anderen Homeoffice – als Rekrut

Die NHL-Saison ist unterbrochen und die WM abgesagt. So hat Star-Eishockeyspieler Nico Hischier Zeit die Rekrutenschule zu besuchen.

Klaus Zaugg
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Nico Hischier von den New Jersey Devils weilt zur Zeit in der Schweiz.

Nico Hischier von den New Jersey Devils weilt zur Zeit in der Schweiz.

Bild: Marcel Bieri (Magglingen, 18. Mai 2020)

Unten blinkt der Bieler See. Der Blick geht weit übers Land bis zu den ewigen Schneebergen des Berner Oberlandes. Gibt es einen schöneren Flecken? Gibt es schöneres Wetter? Nein. Diese Idylle ist auch ein wenig eine Entschädigung für Nico Hischier (21). Seit dem 12. März steht er auf dem Trockenen. Statt in einer ritterähnlichen Ausrüstung um den Stanley Cup oder um den WM-Titel zu spielen, leistet er im Trainingsanzug Dienst als Internet- und Sportsoldat an der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen.

Doch gehen wir der Reihe nach. Am 12. März steht Nico Hischier zum letzten Mal in Schlittschuhen auf dem Eis.

«Es gab schon Gerüchte über einen Unterbruch der Saison. Wir bereiteten uns am Vormittag wie immer mit dem Warmlaufen auf das Spiel vor. Am Nachmittag kam die Meldung, die Partie gegen Carolina sei abgesagt.»

Seither sitzt Nico Hischier auf dem Trockenen. Es sei die längste Zeit ohne Eis, an die er sich erinnern könne.

Bilder von der letzten WM: Auf dem Eis ist der NHL-Star Hischier schon lange nicht gestanden.

Bilder von der letzten WM: Auf dem Eis ist der NHL-Star Hischier schon lange nicht gestanden. 

Melanie Duchene/Keystone (Bratislava, 15. Mai 2019)

Militärdienst: Internet- und Sportsoldat

Ein paar Tage später erlaubt New Jersey den Spielern nach Hause zu gehen. Am 20. März ist Nico Hischier gerade noch rechtzeitig in die Schweiz zurückgeflogen. «Ich lebe in New Jersey alleine und habe mich sofort zur Rückkehr entschlossen. Es war noch problemlos möglich, einen Flug zu buchen.» Seither ruht die Saison in der NHL und die WM in Zürich und Lausanne ist auch abgesagt worden. Deshalb sitzen wir nun hier oben in Magglingen und unsere Unterhaltung dreht sich erst einmal nicht um Eishockey. Sondern ums Militär. Nico Hischier ist Internet- und Sportsoldat. Er sagt, es hätte durchaus Möglichkeiten gegeben, um den Militärdienst herumzukommen. Er lebt ja im Ausland (in New Jersey) und er könnte einfach die Wehrpflichtersatzabgabe bezahlen. Einschränken müsste er sich deswegen nicht. Ab nächster Saison läuft sein neuer Vertrag, der ihm in sieben Jahren 50,75 Millionen Dollar einbringen wird. Aber darum geht es nicht.

«Ich habe Kollegen, die Militärdienst leisten und ich sehe diesen Dienst auch für mich als Pflicht wie für jeden anderen Schweizer.»

Er hatte die Aushebung bestanden und von allem Anfang an war klar, dass er den Dienst als Sport-Soldat leisten darf. Es ging nur noch um den richtigen Zeitpunkt. Und der ist nun durch die besonderen Umstände unverhofft da. Ob Dollar-Millionär oder Sportler in einer «brotlosen» Disziplin – in der Sportler-RS sind alle gleich. Auch Nico Hischier bezieht als Rekrut einen Sold von 4 Franken am Tag und dazu kommt der Erwerbsersatz (EO) in der Höhe von 68 Franken am Tag.

Begonnen hat Nico Hischier seinen Dienst als Internet-Soldat. Und das kommt so: Am 14.  April hätte die Sport-RS mit Einrücken in der Kaserne Wangen an der Aare beginnen sollen. In einer ersten Phase besteht der Dienst am Vormittag aus einer militärischen Ausbildung in der Kaserne und erst am Nachmittag steht in Magglingen Sport auf dem Programm. Wegen der Virus-Krise war das Leben in der Kaserne und das Fassen der Militär-Kleider nicht möglich. Nico Hischier musste zu Hause bleiben. Aber die 18-wöchige Rekrutenschule hat trotzdem am 14.  April begonnen. Sozusagen im Homeoffice. Er habe eine theoretische militärische Ausbildung übers Internet genossen. «Ich konnte zu Hause bleiben und das Gelernte ist in Tests geprüft worden.» Die Tests hat er alle bestanden und so ist er nun am 11. Mai in Magglingen eingerückt. Eine Uniform gibt es wegen der Virus-Krise noch nicht. Nur der Aufdruck «Armee Suisse» auf dem Trainingsanzug verrät, dass er sich im Dienst fürs Vaterland befindet.

«Armee Suisse» steht auf Nico Hischiers Bekleidung.

«Armee Suisse» steht auf Nico Hischiers Bekleidung. 

Bild: Marcel Bieri (Magglingen, 18. Mai 2020)

Nico Hischier ist kein Mann der dramatischen Worte und grossen Gesten. Er akzeptiert die Dinge, so wie sie nun mal sind. Diese innere Ruhe gehört auch zu seinen Stärken. Nun gibt er auf der Gartenterrasse in Magglingen gelassen Auskunft über den Frühling ohne Hockey. Er habe die Zeit mit seiner Familie genossen und meistens mit seinem Bruder trainiert (Luca Hischier spielt für den HC Davos).

«Wir mussten improvisieren. Wir haben das Hockeytor aus der Garage hervorgeholt und auf dem Asphalt gespielt, wie wir es einst als Buben gemacht haben. Das Krafttraining haben wir auf den Balkon verlegt.»

Wenn Duschen nur im Zimmer möglich ist

Das Soldatenleben in Magglingen besteht aus Training am Vormittag und am Nachmittag. Unter Berücksichtigung der besonderen Umstände während der Virus-Krise. Nach zwei Stunden müssen alle den Kraftraum verlassen. Weil alles desinfiziert wird. Duschen ist nur im Zimmer möglich. In normalen Zeiten teilen sich die Rekruten zu zweit eine Stube. Das Trockentraining läuft nach den Vorgaben seines Arbeitgebers New Jersey und seines persönlichen Fitnesscoaches Samuel Boehringer. Die Bedingungen seien auch unter den besonderen Umständen optimal. «Nur das Eis fehlt.» Wahrscheinlich wird vor dem 8. Juni kein Eistraining möglich sein.

Und dann wird Eishockey doch noch zum Thema

Trotz allem ist auch Eishockey ein Gesprächsthema. Es sei einfach nicht mehr möglich gewesen, den schwachen Saisonstart wettzumachen. Und so hat Nico Hischier letzte Saison in New Jersey das ganze «Krisen-Programm» mit Trainerwechsel und schliesslich einer Amtsenthebung des General Managers erlebt. Er erzählt es wieder mit der ihm eigenen Gelassenheit. Ob und wie es in der NHL weiter geht, weiss er nicht. Vor einer allfälligen Saisonfortsetzung käme das Aufgebot für ein kurzes Trainingslager. «Es könnte sein, dass ich in diesem Fall von einem Tag auf den anderen abreisen muss.» Was kein Problem wäre. Es ist so mit dem Schulkommando abgesprochen. Es wäre für ihn wohl Einrücken in einen weitaus strengeren Dienst. «So würde ich es nicht sagen. Aber es ist schon so, dass ein NHL-Trainingslager anstrengend ist…»