Ein Monument ohne Ewigkeitsanspruch

WARTH. Bis kurz vor der Vernissage am Sonntag haben der Künstler Tadashi Kawamata und seine zahlreichen Helfer am Scheiterturm in der Kartause Ittingen gebaut. Nun ist das Unmögliche nicht nur erdacht, sondern auch ausgeführt worden.

Barbara Fatzer
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Tadashi Kawamata mit Studierenden auf dem Turm. Genietete Eisenringe geben zusätzlich Stabilität. (Bild: pd)

Tadashi Kawamata mit Studierenden auf dem Turm. Genietete Eisenringe geben zusätzlich Stabilität. (Bild: pd)

Eigentlich ist der jetzige burgähnliche Turm aus 170 Ster Holz eine museale Verlegenheitslösung. Zum jetzigen Zeitpunkt hätte bereits der Spatenstich für den Anbau des Kunstmuseums erfolgen und das Museum selbst geschlossen sein sollen. Darum haben die Kuratoren im voraus nach einem Kunstereignis gesucht, das auch vor den Toren der Kartause stattfinden könnte. Zudem werden immer wieder einmal internationale Künstler angefragt, sich mit Ort und Atmosphäre der ehemaligen Klosteranlage auseinanderzusetzen und inspiriert davon ein Kunstwerk hineinzusetzen. Deshalb ist für ein Aussenprojekt der japanische Künstler Tadashi Kawamata eingeladen worden, der auch in der Schweiz bereits einiges realisiert hat.

Künstlerischer Scheiterhaufen

Beim Rundgang durch die Kartause war Tadashi Kawamata sofort fasziniert von den am Waldrand aufgereihten Scheiterbeigen. Dort trocknen sie über Jahre, bis sie verkauft oder verbrannt werden. Für den Künstler war klar: Genau das sei das Material, mit dem er arbeiten wolle, denn auch sonst lässt er seine Projekte in der ganzen Welt mit vergänglichem Material ausführen.

Zusammen mit dem Architekten Christophe Scheidegger, der seit 1998 dessen Pläne für Schweizer Hausprojekte ausarbeitet, wurden verschiedene Entwürfe gezeichnet. Übrig blieb, was auch technisch machbar ist: ein einzelner Turm von acht Meter Höhe aus dem Ittinger Holzschlag vom letzten Winter. Was einfach auszusehen scheint, hat so seine technischen Tücken, denn die ungehobelten Scheiter sind alles andere als handliches Bauholz.

Ein Innengerüst, das zugleich als Aufzug für das Hochhissen der Scheiter diente, gab während des Aufbaus sowohl den Bauarbeitern als auch dem wachsenden Turm Stütze und Sicherung, wird aber nach Vollendung entfernt. Inzwischen sind sich Künstler, Architekt und Bauingenieur sicher, dass der Holzturm hält, wenn auch nicht auf ewige Zeiten – er wird sich dauernd bewegen. Trotzdem darf so auch Zugang ins Innere gewährt werden.

Turm wird in Bewegung bleiben

Diesen Anspruch auf eine langanhaltende Monumentalwirkung hat Tadashi Kawamata auch gar nicht. Ihn interessiert das Experiment, wofür er zahlreiche willige Mitarbeitende braucht. Hier waren es seine Studenten der École nationale supérieure des Beaux-Arts aus Paris und auch Bewohner des Heim- und Werkbetriebs der Stiftung Kartause Ittingen. Kunst daran ist Kawamatas Idee, die Ausführung ist dann aber eine handwerklich-technische Zusammenarbeit von vielen, die die Ausführung eines noch nie realisierten Bauprojekts gleichermassen lockt.

Obwohl Kawamata gern wüsste, wie lange ein solch aufgeschichteter Turm halten würde, wird er nach zwei Jahren abgebaut und das Holz seinem Zweck, dem Feuer, zugeführt. Noch spannender wäre das Fortführen des Weiterbaus in himmlische Höhe, aber diese Hybris der einstigen Turmbauer zu Babel hat Kawamata nicht befallen. Er sieht eher eine Befestigungsanlage mit weiteren Türmen um die ganze Kartause herum. Also doch ein nie endendes Bauwerk, das Idee bleiben muss.

Tadashi Kawamata: Scheiterturm, Kunstmuseum Thurgau, bis Frühling 2015. www.kunstmuseum.ch

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