Ein Mitläufer als Titelanwärter

Valtteri Bottas liefert in der laufenden Saison die überraschendsten Ergebnisse ab. Der 27-jährige Finne hat sich mit seinen Leistungen als Fahrer von Mercedes viel Respekt erarbeitet.

David Bernold (sda)
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«Das Auto wird schneller, und auch ich werde noch schneller. Ich bin nach wie vor daran, zu lernen»: Valtteri Bottas. (Bild: Srdjan Suki/EPA)

«Das Auto wird schneller, und auch ich werde noch schneller. Ich bin nach wie vor daran, zu lernen»: Valtteri Bottas. (Bild: Srdjan Suki/EPA)

David Bernold (SDA)

Claire Williams aus der gleichnamigen Equipe hatte ihn schon vor drei Jahren als zukünftigen Weltmeister gesehen. «Valtteri macht einen hervorragenden Job», sagte die Engländerin damals, die im Rennstall ihres Vaters Frank Williams als stellvertretende Teamchefin wirkt. Gleiche und ähnliche Sätze waren in den vergangenen Wochen oft zu hören, denn Bottas liefert auch bei Mercedes ausgezeichnete Arbeit ab.

In die lobenden Worte mischt sich nach wie vor Verwunderung, denn diese Performance hätten dem Finnen in dieser Saison nicht viele zugetraut. Neun Grands Prix hat er gebraucht, um seinen aktuellen Status in der Formel 1 zu verändern. Seine Rolle ist mittlerweile eine ganz andere als zu Beginn der Saison. Bottas ist vom Lückenbüsser zu einem ernsthaften Titelkandidaten mutiert. Aus dem nach dem Rücktritt von Titelhalter Nico Rosberg auf die Schnelle engagierten Adlaten für Lewis Hamilton ist ein Konkurrent geworden, der selbst seinem Teamkollegen die Stirn bietet. «Das Auto wird schneller, und auch ich werde noch schneller. Ich bin nach wie vor daran zu lernen», sagt der Fahrer aus dem südfinnischen Ort Nastola, rund 20 Kilometer östlich von Lahti gelegen.

Warten auf die Vertragsverlängerung

15 Punkte nur liegt Bottas in der WM-Zwischenwertung hinter Hamilton zurück, unter anderem dank seinen ersten zwei Grand-Prix-Siegen, die er in Russland und am vergangenen Sonntag in Österreich realisiert hat. Die geringe Marge erlaubt ihm, als Rennfahrer seine eigenen Interessen zu verfolgen beziehungsweise sich nicht in den Dienst Hamiltons stellen zu müssen. Im Team Mercedes haben beide Fahrer bis auf Weiteres «freie Fahrt». Mit dieser Konstellation bei den Fahrern hatte wohl selbst Toto Wolff, der Motorsportchef von Mercedes, nicht gerechnet. Vollends überzeugt von Bottas’ Qualitäten schien vorerst auch der Wiener nicht zu sein. Das auf eine Saison vereinbarte Engagement deutet darauf hin. Mit dem engen Zeitrahmen wollten sie sich bei Mercedes die Option offenhalten, ab dem kommenden Jahr Hamilton einen der Grossen der Zunft zur Seite stellen zu können. Solche Überlegungen dürften sie sich in der Chefetage von Mercedes nicht mehr machen. Vielmehr darf erwartet werden, dass die Silbernen die Zusammenarbeit mit Bottas verlängern.

Bottas weiss um seine starke Position bei den anstehenden Verhandlungen. Ebenso emotionslos nimmt er die Wertschätzungen zur Kenntnis. Mit seiner Gelassenheit verkörpert Bottas das Profil des kühlen, ruhigen Finnen. Er ist zwar etwas redseliger als Landsmann Kimi Räikkönen, ein Lautsprecher wird aber auch er nie sein. Sein Ziel, Weltmeister zu werden, wird ihm nicht als Selbstüberschätzung ausgelegt. Für die Beobachter ist es der realistische Anspruch eines talentierten Fahrers.