Ein Lichtmaler zeigt seine Visionen

FRAUENFELD. Er kann nicht ohne das richtige Licht sein: Dieter Berke, Fotograf alter Schule aus Pfyn. Wo er es findet und was er damit anstellt, hat er in seiner Ausstellung im Shed Frauenfeld verraten.

Dieter Langhart
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Dieter Berke redet mit Besuchern seiner Fotoausstellung im Neuen Shed Frauenfeld. (Bild: Dieter Langhart)

Dieter Berke redet mit Besuchern seiner Fotoausstellung im Neuen Shed Frauenfeld. (Bild: Dieter Langhart)

Frauenfeld. In der Fabrik hat er gearbeitet, um sich seine erste Kamera kaufen zu können. «Ich habe schon mit 13 Dinge gesehen, die ich festhalten wollte.» Nicht alle Künstler können oder wollen über ihre Arbeit reden, Dieter Berke schon. Er unterhält sich mit Markus Landert, Direktor Kunstmuseum Thurgau, und beide lassen sich treiben und vergessen immer wieder, ins Mikrophon zu sprechen. Das Zuhören in der hallenden Shedhalle strengt an, aber es lohnt sich.

Dieter Berke findet einen guten Lehrmeister: Max Roth, Werbe- und Modefotograf in Zürich, der ihm das Wichtigste beibringt, das Handwerk. Dann schmeisst Berke die Kamera in die Ecke, geht auf Reisen, hängt eine Lehre als Elektromonteur dran, kehrt zur Fotografie zurück, wird als Pressefotograf rasch bekannt. Dann schlägt ihm etwas das rechte Auge aus, nimmt dem Fotografen die Schärfentiefe.

Zeit aufnehmen, nicht einfrieren

Ohnehin will er «andere Bilder machen», plagen ihn Langeweile und Routine. Er verlässt die Pressearbeit. Für das Buch von der Thur sitzt er lange am Wasser und denkt nach; ein indianischer Schamane lehrt ihn, hinter das vordergründig Schnelle zu sehen.

Dieter Berke sucht nach einer neuen Sprache in der Fotografie, die ihr mehr Tiefe gibt. Er verlässt die Momentaufnahme, er will die Zeit aufnehmen, statt sie einzufrieren. Berke geht zurück zum Ursprung, experimentiert mit der Lochkamera und langen Belichtungszeiten, geht zurück in die Unschärfe. Aus Kristallen baut er sich «Lichtpinsel», verändert den auf den Film treffenden Lichtstrahl – und da zeigt Dieter Berke auf ein Bild: ein Wald, in dem das Licht von oben herab aufs Gras zu rinnen scheint, und das Gras verwischt zu Wasser. In Arizona, Kalifornien, Tunesien hat er solches Licht gefunden, das über Tage hinweg gleich bleibt. Denn drei Tage braucht Berke für eine Aufnahme, die er hernach nicht verändert, nur vergrössert.

Wir werden Teil des Bildes

Dieter Berke will nicht ein Ereignis abbilden, sondern eine innere Vision zeigen: was in den Träumen oder der Geisterwelt stattfindet. Letztlich will er zeigen, was gar nicht abbildbar ist. Dazu gehören auch der Krebs in seinem Körper, Depression, Melancholie.

Ein Zuhörer fragt: «Was ändert es in Ihrem Leben, wenn Sie sagen können, was Sie sagen wollen?» Berke: «Menschen können sehen, dass es noch etwas anderes gibt, und mich bringt es weiter.» Die Fotografie und vermehrt auch das Schreiben geben ihm «die Freiheit, im Kopf etwas zu haben und es anderen zu zeigen».

In einer Aufnahme aus dem Atelierfenster ist schemenhaft der Fotograf zu erkennen. Das ist nicht Selbstbespiegelung: Dieter Berke will, dass wir als Betrachter uns im Bild spiegeln, Teil des Bildes werden. Bis die Zeit gerinnt.

Dieter Berke: Time Out. Mi 14–18, Fr 17–21, Sa 14–18, So 11–15 Uhr, Shed im Eisenwerk. Bis 1.10. Künstleredition. www.neuershed.ch

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