Saisonbilanz
Der FC Wil auf Gratwanderung: Wie viel Ausverkauf verträgt das Kader im Sommer?

Heute beendet der FC Wil zuhause gegen Thun eine Saison, in der sich Licht und Schatten abwechselten. Einmal mehr steht der Klub nun vor der Frage: Wie viele Abgänge muss man aus finanzieller Sicht in Kauf nehmen, ohne dass das Gerüst geschwächt wird? Sicher ist: Die kommende Spielzeit dürfte nicht einfacher werden.

Ralf Streule
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Jung und mental gewachsen: Der 19-jährige Noah Jones (links) und der 20-jährige Leihspieler Marcin Dickenmann stehen stellvertretend für die Ausrichtung des Challenge-League-Klubs.

Jung und mental gewachsen: Der 19-jährige Noah Jones (links) und der 20-jährige Leihspieler Marcin Dickenmann stehen stellvertretend für die Ausrichtung des Challenge-League-Klubs.

Bild: Freshfocus

Platz sieben oder acht: Für den FC Wil geht es heute nicht mehr um sehr viel in der zu Ende gehenden Challenge-League-Saison. Thun hingegen, das um 20 Uhr im Bergholz gastiert, spielt um den Aufstieg. Als Zünglein an der Waage werde man sich zum Saisonende nicht gehen lassen, verspricht FC-Wil-Trainer Alex Frei (siehe Kasten).

Dennoch: Nachdem sich die Wiler vor einer Woche gegen Chiasso den Ligaerhalt gesichert haben, können sie ihre Saison bilanzieren. Sieht man das halb leere Glas, lautet das Fazit: Es wäre mehr möglich gewesen, oft wurden enge Spiele knapp verloren, niemals hätte es bis zum Ligaerhalt so lange dauern dürfen. Wer mit etwas mehr Distanz betrachtet, sieht das halb volle Glas: Wieder stellten die Wiler das jüngste Team der Liga, wieder spielten sie attraktiv (siehe das 7:0 gegen Aarau), und wieder mussten sie mit einem der kleinsten Budgets der Liga auskommen. Von rund drei Millionen Franken ist die Rede.

Der FC Wil, das Zünglein an der Waage

Wenn es heute in der Challenge League in der letzten Runde um den Aufstieg geht, spielt der FC Wil eine wichtige Rolle. Im Heimspiel ab 20 Uhr empfangen die Ostschweizer den FC Thun, der einerseits Leader Grasshoppers noch abfangen und direkt aufsteigen, anderseits aber noch von Aarau vom Barrageplatz verdrängt werden könnte. Obschon es für den FC Wil tabellarisch um nichts mehr geht, kündigt Alex Frei einen motivierten FC Wil an. «Wir wollen einen positiven Saisonabschluss. Und wir sind verpflichtet, den Wettbewerb nicht zu verzerren.» Thun müsse sich seine Punkte im Bergholz also schwer verdienen. Der Kampf um den Aufstieg ist auf Blue TV gratis zu empfangen. (rst)

«So ein Spiel hätten wir im Herbst nicht gewonnen»

Hin- und hergerissen bei der Beurteilung scheint auch Trainer Alex Frei. Er kommt schnell auf die Inkonstanz zu sprechen, die ihn zunächst geplagt und überrascht habe, als er die Mannschaft im Sommer übernahm. Die ihn dann aber in der Rückrunde «Null aus der Bahn geworfen» habe. Dass junge Spieler, die sich an das Tempo der Challenge League zuerst gewöhnen müssen, nicht konstant starke Leistungen zeigen könnten, liege auf der Hand, so Frei. Der Druck, mit Erfahrung voranzugehen, lastete auf Spielern wie dem 34-jährigen Captain Philipp Muntwiler oder dem 36-jährigen Stürmer Silvio, der nach seiner Rückkehr ein Gewinn für die Wiler Offensive war. Gefreut hat Frei, dass das junge Team mental gewachsen sei im Verlauf der Saison. «Ein Spiel wie gegen Chiasso, als wir in Rückstand gerieten, hätten wir im Herbst niemals gewonnen.» Oft konnten die Wiler Partien in den Schlussminuten prägen. Ein Zeichen für gute Mentalität. Aber auch für gute Fitness, «die beste der Liga gar», ist Frei überzeugt.

Wer verlässt den Klub in Richtung Super League?

Hofft der Trainer dennoch auf routinierten Zuwachs im Team? «Wenn routiniert ‹jung und ligaerfahren› bedeutet, dann ja!», sagt er. Treu bleiben werde Wil seinem Motto, grundsätzlich auf junge Spieler, teils auch auf Leihspieler von Super-League-Klubs zu setzen, sagt Präsident Maurice Weber.

In Sachen Transferpolitik wandert der Klub ohnehin auf einem schmalen Grat. Einerseits soll das Gerüst der Mannschaft zusammengehalten werden, andererseits lebt der Klub zu einem grossen Teil von Transfereinnahmen, wie Weber sagt. Gut möglich, dass auch in diesem Sommer Spieler auf dem Weg in die Super League sind. Wie Serkan Izmirliouglu, der einen starken Eindruck hinterliess? Namen werden keine genannt, Freis grundsätzliche Sicht ist aber klar: «Ein Spieler soll erst wechseln, wenn er in der Super League eine Rolle spielen kann.» Ob sich diese Sicht mit jener der Finanzabteilung deckt, ist eine andere Frage. Weiter hofft Frei, dass Leihspieler bleiben. Er dürfte sich unter anderem auf den 19-jährigen Bledian Krasniqi vom FC Zürich beziehen.

Sicher ist, dass mit dem Aufstieg von Yverdon-Sport die Konkurrenz noch grösser wird. So viele Veränderungen im Kader wie 2020 werde es deshalb nicht geben, sagt Weber. Stabilität ist gefragt.

Sponsoren blieben auch im Coronajahr treu

Mittelfristig ist laut Geschäftsführer Benjamin Fust das Ziel, nebst den Transfereinnahmen andere finanzielle Standbeine zu stärken. Immerhin: Sponsoren oder Gönner sind dem Klub in der Coronakrise treu geblieben. Auch in Sachen Publikum wolle man einen Schritt nach vorne machen. Dank Raiffeisen-Sponsoring erhalten Juniorinnen und Junioren der Wiler Stützpunktvereine Gratis-Saisonabos. In diesem Sog hofft man 2021/22 auf grösseren Zuschauerzuspruch. Jedenfalls, sobald es die Umstände zulassen.

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