Olympia
Ein guter Start garantiert noch lange keinen Olympischen Goldregen

Die Bedeutung der ersten Wettkampftage von Olympischen Spielen wird eher überschätzt und ist wohl eher ein Mythos: Eine sagenhafte Geschichte mit Anspruch auf Wahrheit.

Klaus Zaugg, Sotschi
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So sieht die Olympische Goldmedaille aus.

So sieht die Olympische Goldmedaille aus.

Keystone

Ein famoser Start beflügelt die ganze Delegation. Pleiten zum Auftakt lähmen hingegen alle Olympischen Helden. Weil dann sozusagen der Olympische Geist verloren geht. Und zu hoher Erwartungsdruck lähmt. Diese Weisheiten gelten als Olympische Gesetze.

Aber ist es tatsächlich so? Hat Olympia-General Gian Gilli seine Medaillen-Prognose - 10 Stück - absichtlich tief angesetzt, damit der Erwartungsdruck nicht zu hoch wird? Oder ist am Ende alles ganz anders? Wir machen uns vor Sotschi 2014 auf die Suche nach einer Antwort auf diese Fragen.

Gilli - er leitete schon die Olympia-Delegationen 2010 in Vancouver und 2012 in London - hat nicht wegen möglichen Erwartungsdruckes tiefgestapelt. Er sagt: «Meine Prognose entspricht einer nüchternen Rechnung und einer Prise Optimismus. Aufgrund der Resultate in den verschiedenen Weltcups und Titelkämpfen dieser Saison haben wir rund 20 Athleten, die eine Medaille holen können.» Aus Erfahrung wisse man, dass es einer von drei Medaillenanwärtern schaffe. «Wenn wir nun zu dieser Rechnung etwas Optimismus dazugeben, kommen wir auf zehn Medaillen.»

Oder entsteht der Druck eher dann, wenn die ersten Medaillen-Hoffnungen enttäuscht werden? Wenn die ganze Sportnation immer länger auf die erste Medaille «plangen» muss? «Es ist eher ein Problem für die Funktionäre als für die Athleten», sagt Roger Schnegg, der Direktor von Swiss Olympic. «Für den Delegationschef ist es nicht ganz einfach, wenn er, wie Gilli in London, jeden Tag erklären muss, warum es noch keine Medaille gegeben hat.»

Das ungeduldige Warten also eher ein Medien-Phänomen, das letztlich von den Athleten kaum wahrgenommen wird? Schnegg: «Es kann sein sein, dass dieses gespannte Warten der Öffentlichkeit Einfluss auf einzelne Athletinnen oder Athleten Einfluss hat. Aber das dürften Ausnahmenfälle sein. Heute ist sind die Sportler so gut vorbereitet und so konzentriert auf ihre Wettkämpfe, dass es keine Rolle spielt, ob die ganze Schweiz auf die erste Medaille wartet.»

Eher überschätzt

Ein Blick zurück zeigt, dass die Bedeutung der ersten Wettkämpfe fürs gesamte Wohlergehen einer Olympia-Expedition eher überschätzt wird. Was wohl mit zwei Olympischen Winterspielen zu tun hat, die sich tief ins kollektive helvetische Sport-Gedächtnis eingeprägt haben: Innsbruck 1964 und Sapporo 1972.

• Jos Minsch verpasst in Innsbruck am 30. Januar 1964 zum Auftakt mit Rang 4 Abfahrts-Bronze um lediglich sechs Hundertstel. Am 2. Februar reichte es im Riesenslalom auch Willi Favre nur zu Platz vier. Er verfehlte Bronze um 64 Hundertstel. Die Schweizer werden das Pech nicht mehr los und kehren zum bisher einzigen Mal ohne Edelmetall von Olympischen Winterspielen heim.

• Marie-Theres Nadig gewinnt in Sapporo am 5. Februar 1972 gleich zum Auftakt Abfahrts-Gold, Bernhard Russi doppelt am 7. Februar ebenfalls mit Abfahrts-Gold nach und am 8. Februar holte Nadig auch im Riesenslalom Gold. Die «goldenen Tage von Sapporo» bescheren der Schweiz die bis dahin erfolgreichsten Olympischen Winterspiele - 4 mal Gold, 3 mal Silber, 3 mal Bronze - und befeuern die Karriere von Skiverbands-Direktor Adolf Ogi: «Ogis Leute siegen heute». Er bringt es bis zum Bundesrat.

Marie-Theres Nadig gewann an der Winter-Olympiade von Sapporo 1972 die Goldmedaille im Riesenslalom. Rechts von ihr auf dem Podest steht Annemarie Proell, links von ihr Susan Corrock.
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Brigitte McMahon holte bei den Sommerspielen von 2000 die einzige Goldmedaille für die Schweiz.
Triathletin Nicola Spirig läuft bei den Sommerspielen 2012 in London als erste ins Ziel. An ihr muss Frau vorbeikommen, wenn sie Olympiasiegerin werden. Nicola Spirig.
Ebenfalls in London: Steve Guerdat holte Gold auf Nino des Buissonnets

Marie-Theres Nadig gewann an der Winter-Olympiade von Sapporo 1972 die Goldmedaille im Riesenslalom. Rechts von ihr auf dem Podest steht Annemarie Proell, links von ihr Susan Corrock.

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Anspruch auf Wahrheit

Aber ein guter Start garantiert keinen Olympischen Goldregen. In Sidney stürmt Brigitte McMahon am ersten Tag zum Triathlon-Gold. Es blieb der einzige Olympia-Sieg der Schweizer bei den Sommerspielen von 2000. Und umgekehrt muss langes Warten auf die erste Medaille nicht alle aus dem Konzept bringen: 2012 in London liess sich Nicola Spirig durch neun medaillenlose Tage nicht irritieren und holte Triathlon-Gold.

Zwei Tage später gewann Steve Guerdat das Springreiten. In London holten wir also doppelt so viel Gold wie 2000. Die Bedeutung der ersten Wettkampftage ist wohl eher ein Mythos: Eine sagenhafte Geschichte mit Anspruch auf Wahrheit.

Gibt es eine Eigendynamik?

Die Öffentlichkeit nimmt die Olympischen Helden als Mannschaft wahr. Aber die Olympische Delegation besteht aus Einzelkämpfern, die letztlich voneinander unabhängig sind. Anders als früher gibt es nicht mehr eine Olympische Unterkunft. In Sotschi sind die Schweizer auf drei Olympische Dörfer verteilt. Kann es trotzdem sein, dass sich, wie in einem Hockeyteam, eine Eigendynamik entwickelt?

Dass gute Leistungen auch andere beflügeln - und umgekehrt Misserfolge bei allen auf die Stimmung drücken? Auch romantische Vorstellung vom «Team» und vom «Olympischen Geist» sieht Delegationsleiter Gian Gilli eher als Mythos denn als Realität: «Die Athleten bereiten sich so professionell vor und sind so auf ihre Wettkämpfe fokussiert, dass sie sich von den Resultaten der anderen und äusseren Umständen kaum mehr beeinflussen lassen.»

Mag sein, dass die Romantik des «Wir» an der Wettkampffront kaum mehr Bedeutung hat und von der kühlen Realität des modernen Profisportes verdrängt worden ist. Doch in der Heimat wird im «totalen» Medienzeitalter mit flächendeckender TV-Übertragung und Web das «Wir-Gefühl» während Sotschi 2014 gross sein. Gut möglich, dass die Spiele am Wochenende Medien und Menschen stärker beschäftigen als die Resultate der Eidgenössischen Abstimmungen.

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