Ein guter Messi reicht nicht mehr

Der FC Barcelona sehnt sich nach der sportlichen Dominanz vergangener Jahre. Hinter den Kulissen brodelt es zudem gewaltig. Die Entlassung von Sportchef Andoni Zubizarreta ist nur ein Schauplatz. Der Club hat noch grössere Probleme.

Andy Sager
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Durch seine Fähigkeiten kann Lionel Messi (oben) die Spiele des FC Barcelona entscheiden – und sich quasi unantastbar machen. (Bild: epa/Andreu Dalmau)

Durch seine Fähigkeiten kann Lionel Messi (oben) die Spiele des FC Barcelona entscheiden – und sich quasi unantastbar machen. (Bild: epa/Andreu Dalmau)

FUSSBALL. «Der Vertrauensverlust der vergangenen Wochen hat diese Wahlen notwendig gemacht.» Josep Maria Bartomeu ist als Präsident des FC Barcelona eingeknickt. Nach der Saison wird es die von vielen der 150 000 Mitglieder geforderten Neuwahlen geben. Die Aussagen, die Bartomeu gestern machte, bezeugen die Krise, die im 0:1 vom vergangenen Wochenende in San Sebastian ihr jüngstes Gesicht zeigte. Die Pleite ist Sinnbild für das Chaos, das herrscht. Ein Wirrwarr von Streitigkeiten zwischen Präsident Bartomeu, Sportdirektor Andoni Zubizarreta, dessen Assistenten Carles Puyol, Trainer Luis Enrique sowie Lionel Messi – dennoch sagt Bartomeu: «Der Club funktioniert gut.»

Zubizarreta als Bauernopfer

Die Entlassung Zubizarretas am Montag war der jüngste Auswuchs. «Er büsste am meisten Vertrauen ein. Daher entschied ich mich, ihn zu entlassen», sagte Bartomeu. Der Sportchef stand schon lange unter Druck. Seit 2010 war er für Transfers zuständig. Ihm wurden vor allem die verpasste Verjüngung des Kaders sowie die Transfersperre wegen der Verpflichtung Minderjähriger zum Verhängnis. Nun wurde Zubizarreta geopfert. Bartomeu, der die Lage um die Transfers Minderjähriger gemäss Zubizarreta «am besten kannte», beurlaubte den Sportchef. Es ist ein kleines Opfer. Der Entlassene wurde unter Bartomeus Vorgänger Sandro Rosell engagiert und genoss beim aktuellen Präsidenten nie grosses Ansehen.

Mit Bartomeu wird Barcelona von einem Mann präsidiert, der nie gewählt wurde. Er kam zum Zug, weil Rosell, der beliebte Vorgänger, vor einem Jahr zurücktrat und der Vizepräsident nachrückte. Nun werden die für 2016 geplanten Wahlen also vorgezogen. Bartomeu werde sich dabei auch zur Wahl stellen, wie er gestern sagte. Einen gewissen Aberwillen gegen die Wahlen konnte er dabei nicht verbergen.

Vertrauen verdienen muss auch Enrique. Der Coach, seit Juli im Club, hat sich noch nicht bewiesen. Zwar läuft es sportlich einigermassen. Doch der Kredit des Spaniers schwindet. Diese Woche urteilte die clubnahe Zeitung «Sport»: «Er ist ein taktischer Tölpel.» Taktisch im doppelten Sinn: Enrique hatte am 30. Dezember das erste Training anberaumt. Messi vermeldete, er komme erst im neuen Jahr zurück. Enrique gewährte ihm und Neymar die zusätzlichen Freitage. Kaum waren die Südamerikaner zurück, äusserte er seinen Unmut. Aufgrund der fehlenden Vorbereitung verzichtete er in San Sebastian vorerst auf die beiden – und verlor. Zu abhängig ist Barcelona von den zwei Stars. Von der zu erwartenden Trotzreaktion Messis zu schweigen.

Präsident vermittelt

Bartomeu bestätigte gestern, dass er zwischen Messi und Enrique vermittelt habe. Der Disput zwischen den beiden hängt wie ein Damoklesschwert über dem Team. Gefährdet ist aber nur einer, Messi ist zu wichtig.

Medien berichten von einem Ultimatum für Enrique. Sollte er die nächsten zwei Spiele – heute in der Copa del Rey gegen Elche und am Wochenende in der Liga gegen Atletico Madrid – nicht gewinnen, scheint seine Zeit abgelaufen. Enrique dementierte, Bartomeu sagte nichts dazu.

Dass «der Club vor allem sportlich zu verbessern» sei, wie der Präsident sagte, ist nur die halbe Wahrheit. Zu gross sind die Probleme. Das deutlichste Zeichen lieferte Puyol: Der 36-Jährige, der seit dem Sommer als Assistent von Zubizarreta fungierte, gab kurz nach dessen Entlassung seinen Rücktritt bekannt. Damit verlässt der einstige Captain seinen Stammverein – und setzt ein unmissverständliches Zeichen, dass Barcelona in der Krise steckt.