Ein Goalie unter Hochspannung

Auch dank Reto Berra holt die Schweiz an der WM in Moskau einen Punkt gegen Schweden. Damit steht heute um 11.15 Uhr gegen Tschechien die Tür zu den Viertelfinals noch offen. Für Berra geht es sogar um noch mehr.

Matthias Hafen/Moskau
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Herr der Lage, auch am Boden: Der Schweizer Goalie Reto Berra hat sich von Spiel zu Spiel gesteigert. (Bild: ky/Salvatore di Nolfi)

Herr der Lage, auch am Boden: Der Schweizer Goalie Reto Berra hat sich von Spiel zu Spiel gesteigert. (Bild: ky/Salvatore di Nolfi)

EISHOCKEY. Reto Berra spielt keine herausragende WM. Das ist mit einer Fangquote von lediglich 88,36 Prozent statistisch belegt. Das zeigte sich aber auch beim peinlichen Fehlgriff gegen Kasachstan, der zum 1:1-Ausgleich führte. Nun aber könnte Berra doch noch zum Schweizer Helden werden. Der frühere NLA-Goalie von Davos und Biel, der heuer seine bereits dritte Saison in Nordamerika spielte, kristallisierte sich an den Titelkämpfen in Russland zur Nummer eins im Schweizer Tor heraus. Trotz Niederlagen gegen Russland und Schweden war Berra zuletzt ein Rückhalt für seine Mannschaft. Vor allem beim 2:3 nach Penaltyschiessen gegen Schweden am Pfingstsonntag stand er zeitweise wie ein Fels in der Brandung – und er hatte die Schweiz zuvor schon zu den zwei knappen Siegen gegen Dänemark und Lettland geführt.

Von seinem Fehlgriff im Startspiel gegen Kasachstan hat sich der 29jährige Zürcher offensichtlich gut erholt. «Ich wäre auch nicht der Schweizer Nationalgoalie, wenn ich das nicht könnte», sagt er an seiner mittlerweile fünften WM in Folge. Die mentale Stärke spielte Berra in der Vergangenheit besonders dann aus, wenn die Schweiz mit dem Rücken zur Wand stand. Es würde deshalb verwundern, wenn ihn Nationalcoach Patrick Fischer nicht auch heute um 11.15 Uhr gegen Tschechien aufstellen würde.

Schwieriges Jahr in den USA

Für den Goalie der Colorado Avalanche ist die WM eine Art Neuanfang. «Zu Saisonbeginn lief es mir bei Colorado super, dann habe ich mich kurz vor Weihnachten verletzt und war fast zwei Monate out», sagt der Hüne zwischen den Pfosten. Die Blessur führte auch zu einem Bruch in Berras NHL-Karriere. Danach musste er die Saison mit San Antonio Rampage im Farmteam zu Ende spielen. Der Bülacher schaffte es nicht mehr, sich in der zweitklassigen AHL für höhere Aufgaben in Nordamerika zu empfehlen. Zwischenzeitlich hatte Colorado Avalanche gar versucht, Berra an einen anderen NHL-Club abzugeben, weil man keine Zukunft mehr für ihn sieht. Doch niemand wollte zugreifen. Auch deshalb entschied sich Berra für eine Teilnahme an der WM in Moskau – obwohl ihn immer noch eine leichte Verletzung am Fuss behindert.

Ursprünglich hatte der Silbermedaillengewinner von 2013 vor, das Turnier in Moskau auszulassen. «Ich musste abwägen, was es für meine weitere Karriere bedeutet. Mein Vertrag in der NHL läuft noch bis 2017. Doch nachdem ich so lange verletzt war, stellt die WM für mich mehr eine Chance als ein Risiko dar.» Nicht zuletzt spielt Berra in Russland um seine weitere Karriere.

Statistisch abgeschlagen

Mit guten Leistungen will er zeigen, dass er international noch immer zur ersten Garde gehört. Bislang geht der Plan nur bedingt auf. Seine Fangquote von 88,36 Prozent ist kein Vergleich zu Tschechiens Dominik Furch, dem statistisch besten WM-Goalie mit 97,22 Prozent. Selbst der Däne Sebastian Dahm (94,53) und der Kasache Witali Kolesnik (91,98) wehrten prozentual mehr Schüsse ab. Allerdings hatte Berra auch am drittmeisten zu tun, hielt also wiederum die drittmeisten Schüsse aller WM-Goalies. Und bei der 2:3-Niederlage gegen Schweden kam er bis zum Penaltyschiessen auf eine beeindruckende Fangquote von 94,24 Prozent.

Auch Stürmer in der Pflicht

Eine mindestens so starke Leistung ist vom Schweizer Goalie auch heute gefragt. Gegen Tschechien braucht die Schweiz alle drei Punkte, um sich doch noch für die Viertelfinals zu qualifizieren. Diese Last muss Berra nicht alleine tragen. Die Schweiz ist gegen Tschechien auch auf eine effizientere Offensive angewiesen, als sie es zuletzt war. «Reto hat gegen Schweden eine Riesenpartie gespielt», sagt Klotens Stürmer Denis Hollenstein, «aber nun liegt es auch an uns Vorderleuten, unseren Teil beizutragen.»