Ein Club staunt über sich selbst

Union Berlin steht in der zweiten Liga an der Spitze. Ein Aufstieg in die Bundesliga wäre der grösste Erfolg für den Arbeiterverein, der in der DDR die besten Spieler dem Stasi-Club abtreten musste.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Union-Anhänger sind bekannt für ihre Treue. Und für ihre Hymne: «Schulter an Schulter für Eisern Union!» (Bild: Soeren Stache/AP (20. März 2017))

Union-Anhänger sind bekannt für ihre Treue. Und für ihre Hymne: «Schulter an Schulter für Eisern Union!» (Bild: Soeren Stache/AP (20. März 2017))

Christoph Reichmuth, Berlin

«Scheisse, wir steigen auf!», war beim vergangenen Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg auf einem der unzähligen Fanplakate in der mit 22000 Fans restlos ausverkauften Alten Försterei, dem Stadion von Union Berlin, zu sehen. 1:0 endete die Partei für Union, das Team übernahm die Tabellenführung. Der Spruch auf dem Fanplakat drückt aus, wie Fans, Spieler und der Vereinsvorstand auf den Erfolg des eigenen Teams schauen: Mit einer grossen Portion Ungläubigkeit.

Der Arbeiterclub aus dem Bezirk Köpenick im Osten Berlins steht vor dem grössten Erfolg der Vereinsgeschichte. Neun Runden vor Saisonende führen die Köpenicker die Tabelle vor Hannover und Stuttgart an. Und auch im morgigen Spiel gegen das hoch dotierte Hannover sind die Anhänger und Spieler zuversichtlich. Dies steht für das neue Selbstvertrauen beim Berliner Arbeiterclub, dessen Erfolg auch das Resultat kontinuierlicher Arbeit ist. Präsident Dirk Ziegler steht dem Verein seit 13 Jahren vor, er hat den vormals maroden Club finanziell auf solide Beine gestellt. Der einst bei Schalke entlassene Jens Keller holt als Trainer das Maximum aus dem Team heraus, das mit kampfbetontem Spiel besser besetzte Mannschaften besiegt.

In der DDR ein Verein für die Werktätigen

Die Vereinsgeschichte ist nicht geprägt von grossen Erfolgen, zumeist war der Club eher Mittelmass, eine Ausnahme war das Erreichen des Pokalendspiels 2001 und die damit verbundene Qualifikation für den Uefa-Cup. Unter dem Namen 1. FC Union Berlin existiert der Club erst seit 1966, die Ursprünge des Vereins reichen aber bis Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg flohen die besten Spieler des Clubs in den Westteil der Stadt, der Ostclub pendelte lange zwischen der ersten und der zweiten DDR-Liga. Die Führung im damaligen Bauern- und Arbeiterstaat gewährte «für die Werktätigen», wie es hiess, die Gründung eines zivilen Arbeiterfussballclubs, von der Staatsspitze gefördert aber wurden in Berlin der Armeesportclub FC Vorwärts Berlin und vor allem BFC Dynamo, der von der Staatssicherheit von Erich Mielke protegiert worden war. Union musste seine besten Spieler stets dem Rivalen BFC abtreten. Heute spielt der damals verhasste Stasi-Club in der vierten Liga. In der Zeit der Rivalität mit Dynamo hat sich das Klischee von Union Berlin als der etwas andere Verein manifestiert. Er wurde von Berlinern unterstützt, die dem Staat skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden. Der Staatsspitze wurde der Club zunehmend suspekt, die Stasi nahm den Verein ins Visier.

Union Berlin gilt bis heute als der etwas andere Verein, eine Art Gegenpart zu RB Leipzig. Freilich ist das Klischee des echten Arbeiterclubs auch Teil des Marketings und wohl auch etwas überholt. Die Beziehung der Fans zu ihrem Club ist bis heute bemerkenswert. Mit verschiedenen Aktionen retteten die Anhänger den Verein immer wieder vor dem finanziellen Kollaps, vor jedem Heimspiel stimmen 22000 Fans in der Alten Försterei in Köpenick mit Inbrunst die Union-Hymne an, welche die Ostberliner Punk-Grösse Nina Hagen geschrieben hat. «Wir aus dem Osten gehn immer nach vorn, Schulter an Schulter für Eisern Union!», tönt es dann aus dem Rund. Kurz vor Weihnachten singen die Union-Fans im voll besetzten Stadion bei andächtigem Kerzenlicht zusammen Weihnachtslieder. Das Auspfeifen der eigenen Mannschaft ist auch nach miesen Leistungen verpönt.

Fans sehen Erfolg zwiespältig

Ulf Teichert ist einer jener eingefleischten Fans, seit Jahren besucht der 54-jährige Berliner Journalist jedes Heimspiel des Vereins, die Auswärtspartien lässt er aus Rücksicht auf seine Frau – übrigens Schalke-Fan – etwas widerwillig aus. Wenn Teichert die Tabelle der zweiten Liga studiert, «dann löst dies ein unglaubliches Glücksgefühl in mir aus», erzählt er. Viele Unions-Anhänger blickten aber zwiespältig auf den Erfolg. «Manche haben Angst, dass bei einem Aufstieg in die erste Liga noch mehr Kommerz einzieht und dadurch die besondere Beziehung zu den Fans leiden wird.» Doch Teichert vertraut der Vereinsführung: «Ich glaube, dass Union auch in der ersten Liga funktionieren wird.»

Am 21. Mai spielt Union am letzten Spieltag auswärts bei Greuther Fürth. Die Berliner Fans haben das kleine Stadion schon halb leer gekauft. Präsident Dirk Zingler träumt davon, dass die «Eisernen» an jenem Tag im Mai ins Oberhaus aufsteigen werden. Auch Ulf Teichert hat sich den Tag frei gehalten.