Ein Bild der Zerrissenheit

Nach dem Halbfinal-Aus in Shanghai ist der Platz an der Tennis-Spitze für Novak Djokovic in Gefahr. Die Dominanz des Serben, der zwölf Grand-Slam-Turniere gewonnen hat, scheint zu schwinden.

Jörg Allmeroth
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Am 5. Juni dieses Jahres, genau um 18.18 Uhr, malte er ein grosses Herz in den roten Sand von Paris. Wenige Augenblicke zuvor hatte er sich an den French Open den historischen Turniersieg gesichert – und sich damit einen der letzten Träume als Tennisspieler erfüllt. «Völlig überwältigt» war Novak Djokovic von seinem Glück, «am liebsten über der Erde schweben» wollte er.

Viele glaubten, Djokovic werde nun die Pulverisierung alter Rekorde vorantreiben, nachdem der Makel des fehlenden Roland-Garros-Titels beseitigt war. Doch wer auf die vier Monate seither blickt, erkennt, dass Djokovic das Gegenteil passiert ist. Auch wenn er immer noch an der Spitze der Weltrangliste thront, ist seine Stärke in einem Strudel von Niederlagen, Zweifeln und Gerüchten um Krisen sportlicher und privater Natur verschwunden. Die grossen Titel gewannen jedenfalls andere. Einer vor allem: Andy Murray. Er kann Djokovic jetzt sogar vom Spitzenplatz verdrängen.

Am Wochenende war der neue, nicht wiederzuerkennende Djokovic im Halbfinal des Masters in Shanghai zu bestaunen: Da zerriss er sich auf offener Bühne das T-Shirt, lamentierte mit dem Schiedsrichter und den Zuschauern herum und zerhackte wütend seinen Schläger.

Djokovic kämpft mit Motivationsproblemen

Tatsächlich ist es nicht komplett überraschend, was um und mit Djokovic passiert. Denn auch anderen Grössen der Branche ist es schon so ergangen wie dem 29-Jährigen: Kaum hatten sie ein Ziel erreicht, stürzten sie in erhebliche Motivationsprobleme. Boris Becker, der Trainer von Djokovic, wird am ehesten nachvollziehen können, wie sich sein Athlet gerade fühlt, was er zu verarbeiten hat und wie er darum ringt, wieder eine geordnete Arbeitsbasis zu finden. Djokovic hat es selbst jüngst mehrfach erläutert, wie schwer es für ihn sei, einen neuen Blick auf den Beruf und seine Ziele zu finden.

Wenn nicht alles täuscht, steht Djokovic bei seinem Prozess der Neuaufstellung gerade erst am Anfang. Für den Serben kommt ein erschwerender Faktor hinzu: Djokovic ist einer der grössten Perfektionisten, die das Tennis je gesehen hat. Die teilweise totale Kontrolle über die Branche, selbst über die grössten Rivalen, erlangte er auch, weil er alle Aspekte des Profi-Seins mit Hellsichtigkeit und Disziplin ausfüllte. Djokovic reiste nicht nur mit Fitnesstrainer, Konditionstrainer und Bewegungscoach, sondern brachte zu grossen Turnieren auch einen Koch mit – der allerdings bereitete die Speisen nur nach einem vorher ausgetüftelten Menuplan zu.

Dieser Anspruch, alles zu regeln, führt jetzt indes dazu, dass Djokovic auch momentan alles richtig machen will und sich unter Druck setzt, wenn nicht alles nach Anspruch funktioniert. Entspannung, Harmonie und Zufriedenheit scheint er erzwingen zu wollen, aber so recht gelingen will ihm das nicht. Djokovics Durststrecke ist erhellend in vielerlei Hinsicht: Sie zeigt, wie unglaublich dominant er in diesem herausfordernden Sport in den vergangenen Jahren war. Sie zeigt aber auch, wie schnell sich alles ändern kann, aus welchen Gründen auch immer. Voriges Jahr war Roger Federer noch der ernsthafteste Rivale von Djokovic, 2016 spielte er gerade eine Handvoll Turniere, war dauernd verletzt und beendete bereits im Sommer die Saison.

Zukunft möglicherweise ohne Boris Becker

Wohin Djokovics Weg führt, darauf gibt es im Moment keine schlüssige Antwort. Wundern würde nicht, wenn Djokovic seine Zukunft mit anderen Leuten an seiner Seite bestreiten würde. Am wenigsten überraschend wäre es wohl auch nicht für Cheftrainer Becker. Dieser braucht sich schliesslich nur daran zurück zu erinnern, was er vor 25 Jahren tat, als er sein letztes Traumziel, den Sprung auf Platz eins der Weltrangliste, erreicht hatte. Da trennten sich die Wege von ihm und Trainer Bob Brett nur wenige Wochen nach dem Erreichen des Ziels.