Interview

Ehemaliger Nati-Captain Stephan Lichtsteiner: «Mir ist es egal, ob ich geliebt werde»

Mit Stephan Lichtsteiner ist der erfolgreichste Schweizer Fussballer abgetreten. Der 36-jährige Luzerner im Gespräch über Image, Doppeladler und Emotionen.

Raphael Gutzwiller
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Stephan Lichtsteiner: «Es gibt nur wenige, die so viel erreicht haben wie ich.»

Stephan Lichtsteiner: «Es gibt nur wenige, die so viel erreicht haben wie ich.»

Bild: Claudio Thoma (Thalwil, 27. August 2020)

Stephan Lichtsteiner ist schon da. Vor ihm auf dem Tisch stehen die Reste seines Frühstücks auf der Terrasse eines Thalwiler Hotels. Sein grünes T-Shirt passt zu den Pflanzen im Hintergrund. Der ehemalige Fussballer wirkt locker, nippt an seinem Espresso und streckt zur Begrüssung die Faust hin.

Vor zwei Wochen sind Sie als Fussballprofi zurückgetreten. Sie bleiben nicht als Publikumsliebling in Erinnerung, sondern als Kämpfer und als Hitzkopf. Wie gehen Sie damit um?

Stephan Lichtsteiner: Im Fussball geht es nicht darum, von allen geliebt zu werden. Es geht darum, zu gewinnen und Erfolge zu feiern. Es gibt nur wenige, die so viel erreicht haben wie ich. Das war immer mein Ziel. Ich wollte es nie allen recht machen, sondern ging den Weg, der für mich stimmte. Mein Fokus lag immer auf dem Fussball, es ging mir nie darum, neben dem Platz im Mittelpunkt zu stehen.

In Ihren Anfängen bei GC machten Sie von sich reden, weil Sie oft ausgetickt sind. Später wurde dies besser. Was hat sich verändert?

Man muss in jungen Jahren als Profifussballer schon perfekt sein. Der Druck ist hoch. Aber ich wusste immer: Solange die Diskussionen um mein Verhalten und nicht um die fussballerischen Fähigkeiten gehen, bin ich auf einem guten Weg. Ich musste lernen, mit dem Ehrgeiz, dem Druck und meinen Emotionen besser umzugehen.

2002: Der Durchbruch bei den Profis. Zwei Jahre zuvor wechselt der Adligenswiler zu GC, wo ihm unter Marcel Koller der Durchbruch gelingen sollte.
35 Bilder
2003: Nachdem Lichtsteiner mit GC den Schweizer Meistertitel gewinnt, darf er gegen AEK Athen in der CL-Quali antreten.
2003: Lichsteiner (ganz rechts) spielt als 19-Jähriger zusammen mit Johan Vonlanthen, Reto Ziegler und Daniel Gygax in der U21-Nati.
2005: GC macht einen Ausflug auf den Titlis, Lichtsteiner stellt sich ins Tor und hechtet bravourös.
2005: Von GC-Präsident Walter Brunner wird Stephan Lichsteiner verabschiedet. Er entscheidet sich für einen Wechsel ins Ausland.
2005: Der Luzerner wechselt zum OSC Lille nach Frankreich.
2006: Stephan Lichtsteiner debütiert in Basel gegen Brasilien für die Schweizer Nationalmannschaft.
2008: Für die Heim-EM wird Lichtsteiner vom mittlerweile verstorbenen Köbi Kuhn nominiert und spielt in allen drei Gruppenspielen. Hier mit Valon Behrami gegen Tschechien im Startspiel, das 0:1 verloren ging.
2008: Ebenfalls ein Bild von der EM 2008: Stephan Lichtsteiner in der Regenschlacht gegen die Türkei. Diese ging mit 1:2 verloren, die Schweiz schied aus.
2008: Von Frankreich nach Italien: Lichtsteiner schliesst sich Lazio Rom an, wird bald Stammspieler.
2009: Lichtsteiner zelebriert mit den Lazio-Fans ein Tor im Derby gegen den Stadtrivalen AS Rom.
2010: Auch an der WM in Südafrika gehört Lichtsteiner wieder zum Schweizer Aufgebot. Im Startspiel gewinnen die Schweizer gegen den amtierenden Europameister Spanien mit Superstar Andres Iniesta überraschend mit 1:0.
2010: Dennoch ist nach der Gruppenphase und einer Niederlage gegen Chile und einem mageren 0:0 gegen Fussballzwerg Honduras Feierabend.
2011: Lichtsteiner wechselt zum italienischen Rekordmeister Juventus Turin. Unvergessen bleibt vor allem, dass der Schweizer das erste Tor im nagelneuen Stadion erzielt.
2011: Die Schweiz mit Trainer Ottmar Hitzfeld und Rechtsverteidiger Lichtsteiner verpasst die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine.
2012: Insgesamt spielt Lichsteiner sieben Jahre für die Juve. Er gehört meistens zum Stammpersonal und wird auf der rechten Aussenverteidigerposition – manchmal im rechten Mittelfeld – zu einer Teamstütze.
2013: Auf dem Weg an die WM in Brasilien hat die Schweiz wieder einige Stolpersteine zu überwinden und Lichtsteiner holt sich dabei eine blutige Mase ab. Am Ende reicht es aber zur Qualifikation.
2014: Enttäuschung pur nach dem Achtelfinal-Out: Stephan Lichtsteiner wird vom argentinischen Torhüter Sergio Romero getröstet. Die Schweiz unterliegt erst nach Verlängerung 0:1.
2015: Besser läuft es in Turin. Mit Juventus gewinnt Lichtsteiner stets die Meisterschaft und steht sogar im Finale der Champions League. Gegen Barcelona unterliegen die Turiner allerdings mit 1:3.
2015: Schmerzhafte Niederlage gegen England. Die Schweiz unterliegt in der EM-Quali dem Mutterland des Fussballs, schafft es aber dennoch nach Frankreich an die Endrunde.
2016: Lichtsteiner ist mittlerweile Kapitän der Schweizer Nati und führt diese auch im EM-Startspiel gegen Albanien an. Die Schweiz gewinnt knapp mit 1:0.
2016: Im Elfmeterschiessen gegen Polen verwandelt der Kapitän seinen Versuch. Allerdings verschiesst Granit Xhaka als einziger Schütze, die Schweiz scheidet im Achtelfinale aus.
2016: Die Enttäuschung ist riesig, Lichtsteiner bedankt sich dennoch bei den Fans und verschenkt sein Trikot.
2016: Nicht mehr immer in der Startelf, dennoch immer wieder erfolgreich: Stephan Lichtsteiner im Juve-Dress.
2017: Und noch einer. Lichtsteiner (rechts) freut sich mit Giorgio Chiellini über seinen sechsten «Scudetto», den Meistertitel in Italien.
2017: Mal wieder eine Regenschlacht im Nationaldress: Lichtsteiner – hier gegen Andorra – qualifiziert sich für das Kontinental-Turnier in Russland.
2018: Kracher zum Turnierstart: Die Schweizer um Stephan Lichtsteiner kämpfen gegen Brasilien aufopferungsvoll und kommen zu einem 1:1.
2018: Last-Minute-Sieg gegen Serbien inklusive «Doppeladler». Dieses Duell sollte hinterher noch viel zu reden geben.
2018: Im Training macht Lichtsteiner wieder einmal den Goalie. Im Achtelfinal gegen Schweden fehlt er gesperrt, die Schweiz scheidet nach dem 0:1 wieder einmal in der Runde der letzten 16 aus.
2018: Nach der WM wechselt der Aussenverteidiger zu Arsenal auf die Insel. Er wird ein Jahr bleiben.
2018: In der Nati gibt es Konkurrenz auf seiner Position: Kevin Mbabu (rechts) spielt sich ins Rampenlicht, Lichtsteiners Position beginnt zu wackeln.
2019: Die vierte grosse Liga in Lichtsteiners Karriere ist die Bundesliga: Er wechselt zum FC Augsburg, für den er 20 Bundesligapartien bestreitet. Nicht immer gibt der Adligenswiler eine gute Figur ab.
2019: Für die Nationalmannschaft wird Lichtsteiner nicht mehr immer berücksichtigt. Der Routinier hütet sich aber, verbal gegen Trainer Vladimir Petkovic zu sticheln.
2019: Sein 108. (und letzter?) Einsatz im Nationaldress absolviert Stephan Lichtsteiner in St.Gallen gegen Georgien. Die Schweiz gewinnt 1:0, er ist Captain.
2020: Sein letzter Bundesliga-Einsatz: Stephan Lichtsteiner (rechts) im Duell gegen den ehemaligen GC-Spieler Munas Dabbur von Hoffenheim.

2002: Der Durchbruch bei den Profis. Zwei Jahre zuvor wechselt der Adligenswiler zu GC, wo ihm unter Marcel Koller der Durchbruch gelingen sollte.

Keystone

Auch später haben Sie aber noch gerne und oft mit dem Schiedsrichter emotional diskutiert. Was geht Ihnen heute durch den Kopf, wenn Sie solche Bilder sehen?

Ich kann in jeder Situation sagen, worüber ich mit dem Schiedsrichter diskutiert habe. Ich habe die Kommunikation oft gesucht, sie ist wichtig. Für mich ging es immer darum, das Maximum herauszuholen. Auf dem Feld ist es wichtig, zu korrigieren. Zudem gab es auch Momente, in denen ich merkte, dass es ein Zeichen braucht. Manchmal kann man mit einer Aktion den Funken zünden, das Team wecken oder die Stimmung verändern. Das sind Dinge, für die man den richtigen Charakter haben muss. Das kann nicht jeder. Man muss Leaderqualitäten haben.

Sie kamen verhältnismässig spät in die Nationalmannschaft. Im November 2006 haben Sie gegen Brasilien Ihr erstes von 108 Länderspielen absolviert. Wie blicken Sie darauf zurück?

Es war sicher noch eine andere Zeit. Man musste über Jahre Leistung zeigen, ehe man ins Nationalteam kommen konnte. Das hat sich geändert, heute geht es schneller. Nach meinem ersten Jahr in Lille war ich schon davon überzeugt, dass ich an der WM 2006 in Deutschland hätte dabei sein sollen. Leider war dem nicht so. Ich habe mir dann gesagt: «Jetzt erst recht.»

Bei Ihrem Debüt gegen Brasilien waren alle erstaunt über Ihren guten Auftritt. Sie auch?

Nein, ich gab einfach Vollgas und dachte nicht viel nach. Ich war nervös, aber ich konnte eigentlich fast nichts verlieren. Die ersten Spiele sind die Einfachsten. Niemand erwartet etwas. Später wird es schwieriger, die Erwartungen steigen. Man muss seine Leistung immer wieder bestätigen.

Das haben Sie 14 Jahre lang gemacht, spielten für die Schweiz insgesamt an fünf Endrunden. Von aussen hat sich das Team in dieser Zeit enorm verändert. Wie nahmen Sie dies innerhalb wahr?

2006 war die Mentalität noch eine andere. Der Weg des Teams ging aber stetig nach oben. Wir hatten eine grossartige Zeit mit Hitzfeld und mit Petkovic ging es positiv weiter. Von der Qualität und dem Zusammenhalt her steht dieser Mannschaft nichts im Weg.

Ist von der Qualität der Nationalmannschaft überzeugt: Stephan Lichtsteiner.

Ist von der Qualität der Nationalmannschaft überzeugt: Stephan Lichtsteiner.

Bild: Claudio Thoma (Thalwil, 27. August 2020)

Dies scheint sich verändert zu haben. Am Anfang Ihrer Nationalmannschafszeit gab es Grüppchen von Romands und Deutschschweizern, später gab es Debatten um Alex Frei und Marco Streller. Nun wirkt das Team wie eine Einheit.

Ich hatte nie das Gefühl, dass es in der Mannschaft Probleme gab. Natürlich gibt es immer wieder Konflikte, das ist normal. Doch meistens wurden die Themen von aussen an uns herangetragen. Das ist ein gutes Zeichen, denn es bedeutete, dass es sportlich funktioniert. Als wir 2012 eine Qualifikation verpasst haben, war das ganz anders.

2015 sprachen Sie von «richtigen» und «anderen» Schweizern und meinten, man müsse aufpassen, dass das Nationalteam das richtige Image habe. Ist es inzwischen so, wie Sie sich das wünschen?

Die Aussage wurde sehr hoch gehängt. Ich denke, dass der Fokus mehr auf dem Fussball liegen sollte. Und dort ist die Schweiz seit Jahren erfolgreich. Man schaut zu viel darauf, wie die Bevölkerung das Nationalteam sieht. Es geht um Fussball. Und dort fehlt wenig, um endlich das Ziel des Viertelfinal-Einzuges erreichen zu können. Es wird immer eine Polemik darüber geben, ob Spieler die Nationalhymne singen oder nicht, aber wichtig für den Sport ist dies nicht.

Lichtsteiners Titelsammlung ist imposant

Stephan Lichtsteiners Karriere ist allein schon wegen seiner Titelsammlung imposant. Insgesamt holte der 36-Jährige 17 Titel, 14 davon alleine mit Juventus. Seine Karriere beginnt beim beschaulichen FC Adligenswil, wo er aufgewachsen und sein Vater der erste Trainer ist. Rasch zieht er zum FC Luzern weiter. Mit 16 wechselt er in den GC-Nachwuchs. Mit den Grasshoppers holt er 2003 seinen einzigen Schweizer Meistertitel. Im französischen Lille reift Lichtsteiner zum Nationalspieler. Danach geht es für drei Jahre zu Lazio Rom, ehe 2011 bei Juventus Turin seine erfolgreichste Zeit beginnt. Sieben Mal gibt es den Meistertitel, zweimal steht Juventus im Endspiel der Champions League. Zuletzt spielt Lichtsteiner je ein Jahr für Arsenal und für den FC Augsburg. Für die Schweiz absolviert Lichtsteiner 108 Länderspiele. Er nimmt an drei WM-Endrunden und zwei EM-Endrunden teil. 

An der WM 2018 haben Sie nach dem Serbien-Spiel wie Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri den Doppeladler gezeigt. Haben Sie damals unterschätzt, was dies auslösen könnte?

Ich glaube, dass die Medien es damals verpasst haben, die ganze Geschichte richtig zu transportieren. Am Fernseher war es nicht möglich, zu erfassen, wie die Situation im Stadion wirklich war. Die Journalisten, die im Stadion waren, haben jene Stimmung mit den heftigen Provokationen mitgekriegt.

Sie kritisieren damit also vor allem die Medien.

Was geschehen ist, ist geschehen. Aber wenn man weiss, was vor Ort abging, sollte man Verständnis zeigen. Mir ging es um Solidarität. Es sollte zeigen: Wenn wir Schwierigkeiten haben, stehen wir als Team zusammen.

Im Gegensatz zu anderen Spielern gehörten Sie bis zum Schluss Ihrer Karriere dem Nationalteam an. Warum ist das Verhältnis von Ihnen zur Nati so speziell?

Da geht es nicht um das Nationalteam, sondern um meinen Charakter. Ich wollte dabei sein, bis es nicht mehr reicht. Man kann nach einem Höhepunkt zurücktreten. Doch wann ist der Höhepunkt erreicht? Wenn ich nach dem ersten Meistertitel bei Juventus aufgehört hätte, hätte ich die anderen sechs nicht geholt. Ich probiere lieber etwas und scheitere, als es gar nicht zu probieren. Darum bin ich mit 34 zu Arsenal und mit 35 zu Augsburg gewechselt. Es gibt nur wenige Spieler mit meinem Renommee, die diesen Schritt machen. Es wäre einfacher gewesen, in die USA, nach China oder sonst wo hin zu wechseln. Doch ich wollte mich in das Nationalteam zurückkämpfen und das habe ich geschafft. Ich wäre mit 36 Jahren an einer EM dabei gewesen, wenn sie nicht verschoben worden wäre. Mich macht dies stolz.

Sie planen Ihre Zukunft zweigleisig. Zum einen möchten Sie die Trainerdiplome absolvieren, Sie schauen aber auch in die Wirtschaft hinein. Wie sieht es aus, wenn Stephan Lichtsteiner in die Wirtschaft Einblick erhält?

Das ist auch für mich noch schwer beantworten. Ich will nicht überall reinschauen, viel kennt man schon. Es geht eher darum, mit Menschen zu sprechen, die Karriere in einem Bereich gemacht haben. Von solchen Personen möchte ich lernen. So oder so werde ich – ob als Trainer oder in der Wirtschaft – mal auf die Schnauze fallen. Das war auch als Profi so. Viele sehen nur meine Erfolge. Aber mir bleiben die bitteren Niederlagen mehr. Zwei Mal verlor ich den Champions-League-Final mit Juventus, einmal den Europa-League-Final mit Arsenal. Das sind Momente, die mich prägten und antrieben.

Sie hätten noch bei einem Schweizer Verein einen Vertrag bekommen können, haben sich aber dagegen entscheiden. Warum?

Fussball ist meine Leidenschaft, es macht immer noch Spass. Aber ich habe geplant, meine Karriere mit 36 zu beenden. Zudem kann man sich nicht belügen: Ich kann zwar immer noch gut kicken, aber ich weiss, wie gut ich einmal war. Es ist frustrierend, wenn man merkt, dass man nicht mehr auf dem Niveau ist, auf dem man einmal war.

Stephan Lichtsteiner: «Es ist frustrierend, wenn man merkt, dass man nicht mehr auf dem Niveau ist, auf dem man einmal war.»

Stephan Lichtsteiner: «Es ist frustrierend, wenn man merkt, dass man nicht mehr auf dem Niveau ist, auf dem man einmal war.»

Bild: Claudio Thoma (Thalwil, 27. August 2020)

Im Fussball haben sie jahrelang viele Emotionen gezeigt. Wo lassen Sie künftig Ihre Emotionen raus?

Das brauche ich nicht. Ich muss nicht herumschreien. Privat bin ich ein anderer Mensch als auf dem Feld. Bei mir waren die Emotionen im Fussball so gross, weil ich immer alles machen wollte für den Sieg. Das ist auch jetzt noch in jedem Spiel so. Ich muss mich selbst beim Joggen bremsen, weil ich immer noch jenes Tempo gehen möchte, das ich als Profi rannte.