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Kommentar

«Durch diese Niederlage ist der Weg zum Königsthron einfacher geworden» – offener Brief an Schwinger Joel Wicki

Für die Schwingerkrone reichte es dann doch nicht: Trotz herausragender Leistung unterlag der Innerschweizer Joel Wicki im Schlussgang Berner Christian Stucki. In einem offenen Brief wendet sich Sportredaktor Klaus Zaugg an den Zweitplatzierten Wicki.
Klaus Zaugg
Klaus Zaugg.

Klaus Zaugg.

Lieber Joel

Erst einmal ganz herzliche Gratulation zu Deiner famosen Leistung in Zug. Solches Lob von einem Berner steht natürlich im Ruch der Schadenfreude. So im Sinne, dass die Innerschweizer halt nicht wissen, wie man König wird und der Königstitel eigentlich jedes Mal ins Bernbiet gehört. Weil der Siegermuni seinen Blick seit Jahren gegen Bern zu wendet.

Aber die Gratulation kommt von Herzen. Nie mehr seit Geni Hasler hat ein «Böser» so kompromisslos offensiv die Entscheidung gesucht. Und es gibt in der Geschichte des Eidgenössischen nicht viele Schwinger, die uns so begeistert haben wie Du. Du stehst für das Schwingen von morgen. Technische Vielseitigkeit und Mut werden künftig immer mehr über Kraft und Postur triumphieren.

Der entscheidende Moment zwischen Christian Stucki und Joel Wicki (unten). (Bild: Keystone)

Der entscheidende Moment zwischen Christian Stucki und Joel Wicki (unten). (Bild: Keystone)

Natürlich können wir sagen: König sein ist alles und ohne Königstitel ist alles nichts. Doch das stimmt so eben nicht. Die Helden, denen der grosse Triumph verwehrt geblieben ist, bleiben mindestens länger im Gedächtnis als die strahlenden Sieger. Grosse Leistungen ohne den Lohn der allerhöchsten Krönung haben uns schon immer mehr fasziniert als die Geschichte der Sieger. Wenn wir eine Umfrage machen, wer denn nun der grösste Innerschweizer aller Zeiten sei, so kann es sein, dass Geni Hasler öfters genannt wird als Harry Knüsel.

Und da ist noch etwas: Du hast zwar den Schlussgang verloren – aber durch diese Niederlage ist der Weg zum Königsthron einfacher geworden. Vor Christian Stucki ist noch nie einer nach einer Niederlage im eidgenössischen Schlussgang später noch König geworden. Nun hat Christian Stucki dieses scheinbar ewige Gesetz gebrochen. Schwingtechnisch spricht ohnehin nichts gegen Dich als künftigen König.

Und so ganz unter uns Pfarrerstöchtern. Selbst als Berner muss ich sagen: Du warst im Schlussgang nicht auf dem Rücken. Das darf natürlich keiner der Schwinger-Ajatollahs zugeben. Du hast die Niederlage akzeptiert so wie es sich unter Schwingern gehört und Dir im Bernbiet sehr, sehr viel Respekt geholt. Was auch immer kommen mag – Du hast jetzt schon den Ehrenplatz in der Schwinger-Historie: als der erste Schwinger, dem im eidgenössischen Schlussgang ein Gestellter zum Sieg gereicht hätte, der den Schlussgang nicht verloren hat und doch nicht König geworden ist. Das soll Dir erst einmal einer nachmachen.

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