Verschiebungen und Trainingsverbot: Dunkle Wolken über der Schwingsaison

Bis Ende April darf wegen der Coronakrise nicht geschwungen werden. Darunter leiden die Kranzfeste ebenso wie die Athleten.

Ives Bruggmann
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Michael Bless muss auf die Rückkehr ins Sägemehl warten.

Michael Bless muss auf die Rückkehr ins Sägemehl warten.

Bild: Gian Ehrenzeller/KEY (Widnau, 26. Mai 2019)

Der Frühling ist normalerweise die Zeit, in der sich die Schwinger an regionalen Anlässen auf die Kranzfestsaison vorbereiten. Sich den technischen Feinschliff holen nach den unzähligen Kraft- und Konditionseinheiten im Winter. Kurz: Die Arbeit im Sägemehl steht im Fokus der Athleten. Doch in diesem Jahr macht das Coronavirus auch dem Schwingsport einen Strich durch die Rechnung. Nach dem ersten Bundesratsbeschluss vor knapp zwei Wochen hat der Eidgenössische Schwingerverband (ESV) sämtliche Feste bis Ende April abgesagt sowie Schwingtrainings verboten.

Angesichts der aktuellen Lage verschob in der vergangenen Woche der Thurgauer Schwingerverband sein Kantonalfest in Dussnang in das kommende Jahr. 2200 Tickets waren zu diesem Zeitpunkt bereits verkauft. Diese behalten jedoch ihre Gültigkeit für das Fest am 2. Mai 2021. Die Verschiebung bringt für das Organisationskomitee einiges an Mehraufwand mit sich. Finanziell schlägt sie dank des frühzeitigen Entscheids nur unwesentlich zu Buche. «Unser Ziel ist es, die bereits getätigten Aufwände im kommenden Jahr wieder einzuspielen», sagt OK-Präsident Ernst Bucher. Wichtig sei gewesen, dass das Fest ins kommende Jahr verlegt werden konnte. «Dafür sind wir den nächsten Austragungsorten Müllheim und Neukirch-Egnach sehr dankbar», so Bucher.

Die Lieferanten sind grosszügig

Am 14. April hätte mit dem Aufbau der Tribünen begonnen werden sollen. Die Bestellungen wurden nun alle annulliert und auf das nächste Jahr verschoben. «Wir spüren eine grosse Solidarität bei den Lieferanten», sagt Bucher. Auch von den Sponsoren, Gabenspendern und Gönnern gab es bereits erste positive Rückmeldungen. Der OK-Präsident geht davon aus, dass alle auch im nächsten Jahr mit an Bord sind. Den Mehraufwand, der sich nicht ganz vermeiden lässt, nehmen die Organisatoren unter diesen Umständen gerne in Kauf. «Ich denke aber nicht, dass die Vorarbeiten verloren sind», sagt Bucher.

Auch in Kaltbrunn herrscht Klarheit

Am Donnerstag hat nun auch das Organisationskomitee des St.Galler Kantonalschwingfests von Kaltbrunn, das auf den 24. Mai angesetzt war, die Verschiebung ins nächste Jahr bekannt gegeben. «Ich bin erleichtert», sagt OK-Präsident August Scherzinger. Denn die ungeklärte Situation sei ständig im Hinterkopf herumgeschwirrt. «Nun herrscht Klarheit und wir können dann mit frischem Elan das Fest vom 30. Mai 2021 vorbereiten», so Scherzinger. Der Präsident rechnet ebenfalls mit überschaubaren finanziellen Einbussen. «Die Verschiebung ist sicherlich besser als eine unwiderrufliche Absage», sagt Scherzinger.

Am meisten betroffen vom Trainings- und Veranstaltungsverbot sind naturgemäss die Schwinger. «Jeder ist zurzeit auf sich alleine gestellt», sagt der neue Technische Leiter der Nordostschweizer, Fridolin Beglinger. Der Glarner übernahm das Amt Mitte Januar vom Toggenburger Beat Abderhalden. Bereits im Dezember habe er mit seiner Arbeit begonnen. «Ich habe mich auf die Saison gefreut und war voller Tatendrang», sagt Beglinger. Doch dann kam die Coronakrise. Er stehe zwar in Kontakt mit den Spitzenschwingern. Doch viel zu tun gebe es für ihn nicht. Im Hinblick auf das Jubiläumsfest des Eidgenössischen Schwingerverbands in Appenzell sei in diesem Jahr einiges geplant gewesen. «Vieles verkommt nun zur Makulatur.» Den Schwingern fehle natürlich das Training im Sägemehl. Wie lange die Pause noch anhält, weiss derzeit niemand. Beglinger, der in seiner Funktion für die Selektion der Nordostschweizer Schwinger für das Fest in Appenzell Ende August zuständig ist, hofft, dass zumindest einige Feste als Vorbereitung absolviert werden können. «Ansonsten ergibt auch eine Durchführung des Jubiläumsfests keinen Sinn.» Wegen der Selektion mache er sich weniger Gedanken. Da könne er auch die Resultate der vergangenen Saisons in die Beurteilung einbeziehen.

Aus finanzieller Sicht wären für den Nordostschweizer Verband vor allem die Absagen des Teilverbandsfests Ende Juni in Mels sowie des Bergschwingets auf der Schwägalp Mitte August grosse Verluste. Noch stehen diese Grossanlässe aber, genauso wie das Jubiläumsfest in Appenzell, im Kalender.

Bless hält sich in der Stube fit

Dem Appenzeller Spitzenschwinger Michael Bless kommt die Zwangspause gar nicht so ungelegen. Der 33-Jährige erholt sich von seinem Mittelfussbruch, den er 2019 am Eidgenössischen Schwingfest in Zug erlitt. «Dadurch habe ich nun mehr Zeit und weniger Druck», sagt Bless. Aber auch für ihn sei die Situation komisch, hätte er doch bald mit dem Schwingtraining wieder begonnen. «Ich frage mich schon, wie es weitergeht. Die Motivation ist natürlich getrübt.» Das Jubiläumsschwingfest in Appenzell sei für ihn und seine Kantonalkollegen ein besonderer Anreiz. «Es war auch ein Grund für mich, nach der Verletzung noch einmal die Rückkehr ins Auge zu fassen.»

Bless hält sich derzeit daheim in der Stube mit Einheiten auf dem Indoor-Velo oder der Matte fit. «Ich respektiere und unterstütze alle Massnahmen des Bundes.» Den Frühling bezeichnet Bless als «extrem wichtig» für die Schwinger. Nur mit Einheiten im Sägemehl könne man sich die Robustheit für den Wettkampf aneignen. Das sei jedes Jahr unterschiedlich. Bless erwartet deshalb – falls die Saison noch gestartet wird – technische Einbussen bei den Athleten. «Körperlich werden aber wohl alle topfit sein», sagt er. Dennoch: Ein Grossanlass mit Tausenden Zuschauern ist für ihn derzeit schwer vorstellbar.

Jubiläumsfest in Appenzell soll stattfinden

Das Organisationskomitee ist zuversichtlich, dass der Schwinget zum 125-jährigen Bestehen des Eidgenössischen Schwingerverbandes wie geplant am 30. August 2020 durchgeführt werden kann.
Ives Bruggmann