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Interview

Mountainbiker Nino Schurter zu Jolanda Neff: «Du wärst heute Olympiasiegerin»

An diesem Wochenende beginnt in Deutschland die Weltcupsaison. Die beiden Schweizer Ausnahmekönner Nino Schurter und Jolanda Neff sprechen über Motivation, die Familie und Olympische Spiele.
Rainer Sommerhalder
Nino Schurter über Jolanda Neff: «Zu sehen, dass Jolanda Spass am Leben hat, ist cool.» (Bild: Balz Weber)

Nino Schurter über Jolanda Neff: «Zu sehen, dass Jolanda Spass am Leben hat, ist cool.» (Bild: Balz Weber)

Das Sofa ist bequem, die Stimmung locker. Nino Schurter und Jolanda Neff sind auch nach fünf vorhergegangenen Interviews energiegeladen und aufmerksam. Nun geben sie erstmals gemeinsam Auskunft. Die beiden Aushängeschilder im Mountainbike erweisen sich als Duo mit spitzer Zunge, das aufeinander eingeht und auch abseits der ­Strecke den einen oder anderen kecken Angriff lanciert. Die Form stimmt, zumindest was die Schlagfertigkeit angeht.

Nino Schurter, wie lösen wir die Herausforderung, dass in der nächsten halben Stunde nicht nur Jolanda spricht?

Nino Schurter: Das wäre doch gut. Dann könnten wir zwei es uns gemütlich machen und einfach nur zuhören.

Jolanda Neff: Ich hätte eine Lösung. Ich trinke in dieser Zeit Kaffee.

Jolanda Neff, Sie wirken oft extrovertiert und redefreudig. Nino Schurter, Sie introvertiert und schweigsam. Ist das ein Bild, das auch Sie voneinander haben?

Jolanda Neff: Nino ist gar nicht so ein ruhiger Typ, wie Sie denken. Wenn früher jeweils eine Party stattfand, dann war Nino derjenige, der Gas gegeben hat. Ich weiss zwar nicht, wie es heute ist. Ich war schon lange nicht mehr mit Nino auf einer Party. Aber ich würde behaupten: So ruhig ist er nicht.

Nino Schurter: Diese Szene spricht für sich. Jolanda hat geredet und ich zugehört.

Wann wird Nino Schurter redselig?

Schurter: Ich bin sicher nicht der grösste Redner. Taten statt Worte ist ein passender Slogan für mich. Gesprächiger werde ich in der richtigen Gesellschaft.

Wann wird Jolanda Neff schweigsam?

Neff: Wenn ich schweigsam werde, dann stimmt etwas nicht mehr. So lange es mir gut geht, rede ich meistens. Ruhig werde ich höchstens, wenn es mir nicht mehr gefällt. Aber das kommt selten vor.

Wo seht ihr weitere Unterschiede, wenn ihr euch vergleicht, wo Gemeinsamkeiten?

Schurter: Unsere Frisuren sind anders! Gemeinsam ist sicherlich unsere Passion für das Velofahren und die grosse Freude, mit der wir unseren Sport betreiben.

Neff: Eine gemeinsame Stärke ist die gute Technik. Diese zeichnet die allermeisten Schweizer Mountainbiker aus. Und wir sind beides Ostschweizer.

Gibt es Eigenschaften, die für eine erfolgreiche Sportkarriere ganz einfach eine zwingende Basis bilden?

Schurter: Talent ist eine Voraussetzung. Und du musst den Sport finden, in welchem du dein Talent optimal einbringen kannst.

Neff: Ein gewisser Durchhaltewillen ist das A und O. Alle erleben Rückschläge, aber du musst immer wieder aufstehen und zurückkommen. Das zeichnet einen grossen Sportler aus.

Was bewundern Sie an Nino?

Neff: Dass Nino während seiner gesamten Karriere immer für das gleiche Team gefahren ist. Ich bin überzeugt, es ist ein wichtiger Baustein des Erfolgs, wenn man sich das richtige Umfeld schafft.

Ist es Teil Ihres Charakters, dort zu bleiben, wo es ihnen gefällt?

Schurter: Es hat auch mit Glück zu tun, dass ich stets auf die richtigen Leute getroffen bin. Ich denke ebenfalls, dass diese Konstanz sehr viel mit meinem Erfolg zu tun hat. Ich habe stets an mein Team und meine Betreuer geglaubt. Ich werde seit 20 Jahren vom gleichen Trainer begleitet.

Was bewundern Sie an Jolanda?

Schurter: Ihre Lockerheit, ihre Offenheit und ihre Lebensfreude. Zu sehen, dass Jolanda Spass am Leben hat, ist cool.

Sie haben alle Titel geholt, die es in diesem Sport zu gewinnen gibt. Was motiviert Sie in einem Jahr zwischen Heim-WM und Olympia?

Schurter: Ich spüre schon, dass es immer schwieriger wird, mich für die eher kleineren Rennen zu motivieren. Wenn das Wetter dazu noch garstig ist, dann ist es nicht mehr das Gleiche wie vor einigen Jahren. Im Weltcup hingegen gibt es noch immer Ziele, die ich erreichen möchte. Drei Siege fehlen mir noch, um Julien Absalon bei der Anzahl der Erfolge einzuholen.

Jolanda Neff, sie fahren neben Bikerennen auch auf der Strasse und Querfeldein. Suchen Sie bewusst die Abwechslung, um die Motivation hoch zu halten?

Neff: Einerseits ist es Motivation, andererseits passte es in diesem Jahr mit dem späten Weltcupstart auch gut, um zuvor einige Strassenrennen gegen die Weltbesten zu bestreiten und im Winter Radquer-Rennen zu fahren. Das sind coole Veranstaltungen. Und ich habe mit meinem neuen Team Trek-Segafredo auch die optimalen Voraussetzungen dafür. Aber alles, was ich gemacht habe, war letztlich Vorbereitung auf die Mountainbike-Saison. Das bleibt ganz klar mein Herzstück.

Nino Schurter, Sie scheinen solche Abstecher nicht zu reizen?

Schurter: Ich wäre sehr gerne auch einmal die Frühjahrs-Klassiker gefahren. Aber es ist nicht ganz einfach, eine solche Lösung zu finden. Ich bin 2014 die Tour de Romandie und die Tour de Suisse gefahren. Und ich hatte im Nachhinein das Gefühl, dass es mir für meine Ziele im Mountainbike nicht viel brachte. Es ist schon nur von den Teams her sehr aufwändig, beides zu handhaben. So, dass du weder auf der Strasse noch im Bike Ausrüster oder Sponsoren vor den Kopf stösst. Und letztlich sind es zwei verschiedene Sportarten. Willst du in einer Sparte top sein, musst du dich darauf vorbereiten und fokussieren. Der Anreiz, nur mitzufahren, ist mir zu wenig.

Während der Saison stehen viele Reisen an. Fällt Ihnen das mit Familie schwerer?

Schurter: Meine Tochter beginnt zu realisieren, wenn ich für längere Zeit weggehe. Und sie dann traurig zu sehen, macht es schon etwas schwieriger. Sobald man eine eigene Familie hat, wird das Zuhause eine grössere Basis, als wenn man allein unterwegs ist.

Jolanda Neff, können Sie sich vorstellen, noch während der Karriere eine Familie zu gründen?

Neff: Ja, das kann ich mir gut vorstellen.

Das ist für einen Athleten wohl um einiges einfacher als für eine Athletin?

Neff: Logisch, Nino hatte keine Geburt.

Schurter: Ich stelle es mir auch ein bisschen komplizierter vor.

Neff: Die Antwort auf diese Frage ist ja wohl offensichtlich. In unserem Strassenteam haben wir ­ die frühere Weltmeisterin Lizzie Deignan. Sie bekam vor sieben Monaten ein Kind und fuhr erst vor zwei Wochen wieder ihr erstes Rennen. Es war extrem beeindruckend, mit ihr darüber zu sprechen, wie sie das alles bewältigt hat. Ihr Ehemann war ebenfalls Strassen-Profi. Er hat aber nun den Rücktritt gegeben und kümmert sich als Hausmann um das Kind. Man braucht als Sportlerin zweifellos den Mann, der bereit ist, das voll mitzutragen. Das gilt aber auch umgekehrt.

Schurter: Jolanda, hast du das alles mit Luca bereits geregelt?

Neff (lacht laut): Da gibt es noch nichts zu regeln.

Ihr Freund Luca Shaw kommt aus den USA. Ist eine solche Fernbeziehung nicht wahnsinnig kompliziert?

Neff: Es braucht sicherlich einiges an Organisation. Es ist für uns beide eine neue Situation und war zu Beginn eine ziemliche Herausforderung: Was ist am einfachsten, wie geht es am besten? Wann sind wir besser in Europa, wann besser in den USA unterwegs? Wir lernen fleissig dazu und werden immer besser bei der Planung. Ich empfinde diese ­spezielle Beziehung aber auch als eine Bereicherung.

Geht man für die Beziehung Kompromisse im Sport ein?

Schurter: Ja, man geht Kompromisse ein. Ich finde es letztlich auch wichtiger als Sport, dass das persönliche Leben funktioniert.

Neff: Ich glaube auch, dass man Kompromisse eingeht. Trotzdem bleibt mir der Sport extrem wichtig. Das hat mir gerade die Beziehung aufgezeigt. Ich dachte früher auch, ich könnte ja einfach damit aufhören, wenn etwas anderes kommt. Doch in den letzten Monaten habe ich oft gespürt, wie viel mir dieser Sport bedeutet.

Schurter: Mit den Kompromissen zugunsten der Familie gewinnt man auch sehr viel.

Und es macht Sie offensichtlich nicht langsamer?

Schurter: Dieser Fokus auf Partner und Kinder ist ebenfalls wertvoll und nützlich für mich als Athlet. Wenn auf einmal ein Baby da ist, gibt es nun mal Aufgaben, die gemacht werden müssen. Und man geht Kompromisse ein, die man nicht eingehen würde, wenn man ganz alleine unterwegs ist. Aber ganz allein durchs Leben zu gehen, macht dich auch nicht glücklich.

Nächstes Jahr finden die Olympischen Spiele in Tokio statt. Ist man vor Olympia angespannter?

Schurter: Ich war tatsächlich vor Olympischen Spielen immer ein wenig angespannter und habe versucht, alles noch ein wenig besser zu machen. Ob das nützlich ist, bleibt dahingestellt.

Neff: Bei mir wird sich sicherlich einiges ändern im nächsten Jahr. In diesem Jahr konnte ich mich bei den Abstechern zum Quer und auf die Strasse ausleben. 2020 wird der Fokus ganz klar auf das Bike ausgelegt. Ich fahre in Tokio nur das Cross-Country-Rennen und nicht auf der Strasse.

Und wie ist der Unterschied für den Kopf?

Neff: Da ist eine Olympiasaison auch etwas anderes. Du willst ­jedes Detail richtig machen. Du schaust vielleicht auch zurück auf die Vorbereitung in einem anderen Jahr, die sehr gut funktioniert hat. Man sucht überall das eine Prozent, das man noch herausholen kann.

Ist es nicht auch gefährlich, so detailbesessen zu sein?

Schurter: Ob es wirklich mehr bringt, ist eine offene Frage. Aber man kann sich dem nur schwer entziehen. Es ist eine Ausnahmesituation, wenn man sich auf ein Rennen vorbereitet, das nur alle vier Jahre stattfindet.

Am Wochenende beginnt der Weltcup. Frauen und Männer fahren auf derselben Strecke. Schauen Sie sich das Rennen der Frauen jeweils an?

Schurter: Ich schaue mir das Frauenrennen immer an. Aus verschiedenen Gründen. Einerseits, weil ich es einfach gerne sehe. Andererseits, weil ich dabei Informationen bekomme. Ich sehe, wie sich die Strecke über Nacht verändert hat. Wie der Start verläuft. Es ist schon fast ein Ritual. Ich schaue das Rennen der Frauen und danach gehe mich einfahren.

Und Sie schauen nach dem Duschen das Rennen der Männer?

Neff: Oft fahre ich nach dem Ausfahren direkt zur Strecke und schaue es mir live an. Ich finde es spannend, dem Rennen vom Streckenrand aus zuzuschauen. Man sieht im Gegensatz zum Fernsehen nicht nur die vordersten Fahrer. Viele Fahrer kenne ich persönlich.

Kann man voneinander lernen?

Schurter: Man hat nie ausgelernt.

Das ist jetzt ein ziemlicher Allgemeinplatz!

Neff: Ich kann von Nino viel lernen, schliesslich ist er schon ewig in diesem Business unterwegs.

Schurter: So alt bin ich jetzt auch noch nicht!

Neff: Du hast gesagt, du seist seit 20 Jahren im gleichen Team. Ich bin erst seit vier Monaten im gleichen Team. Dass Nino als Schweizer Mountainbiker vorgespurt hat, machte für mich vieles einfacher.

Kommen wir zum Schluss. Gibt es etwas, das Sie dem Gegenüber unbedingt noch sagen möchten?

Schurter: Es ist ja nicht so, dass wir heute zum ersten Mal gemeinsam auf einem Sofa sitzen. Ich glaube nicht, dass Jolanda jetzt noch etwas auf der Zunge hat, das sie mir sagen möchte.

Und umgekehrt?

Neff: Oje!

Schurter: Ich habe soeben viel Spannendes erfahren. Ich finde gut, dass Jolanda bei den Olympischen Spielen in Tokio auf das Strassenrennen verzichtet. Ich glaube, das ist für deine Ambitionen im Mountainbike die richtige Entscheidung.

Spricht hier der zukünftige Trainer?

Schurter: Nein, ein Trainer bin ich nicht.

Neff: Ich fand es megacool, dass ich 2016 in Rio beides gemacht habe. Es war ein lang gehegter Wunsch. Ich würde es rückblickend erneut so machen.

Schurter: Ich sage, du wärst heute Olympiasiegerin, wenn du in Rio nur das Bikerennen bestritten hättest.

Schurter und Neff

Nino Schurter stammt aus dem Bündner Oberland. Er ist mit der rätromanischen Sprache aufgewachsen. Heute lebt der 33-Jährige mit seiner Frau Nina und seiner dreieinhalbjährigen Tochter Lisa in Chur. Schurter ist Olympiasieger von 2016, siebenfacher Weltmeister und hat bisher in seiner Karriere 30 Weltcuprennen gewonnen.

Jolanda Neff wohnt in Thal im St. Galler Rheintal. Die 26-Jährige ist seit letztem Juli mit dem 22-jährigen US-Downhiller Luca Shaw liiert. 2017 siegte Neff bei den Weltmeisterschaften im Cross-Country-Rennen, zuvor war sie bereits dreimal U23-Weltmeisterin. Beeindruckend ist ihre Konstanz, dreimal gewann sie den Gesamtweltcup.

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