Kolumne

Du schaffst das! Wer bitte, wenn nicht du?: Nach der Krise muss der Sport dazu lernen

Unsere Kolumnistin Steffi Buchli über die neuen Herausforderungen des Sports nach Corona.

Steffi Buchli
Drucken
Teilen
Steffi Buchli

Steffi Buchli

Keystone

Was läuft noch, wenn nichts mehr läuft im Sport? Welche Rolle wird der Sport post coronam in unserer Gesellschaft haben? Wohin führt der Weg aus der grössten Sport-Krise der Neuzeit?

«Sport ist die beste Lebensschule!» das sagte einst Adolf Ogi. Andersrum passt im Moment fast besser: Kein Sport ist die beste Lebensschule. Im Moment würde jeder Verbandspräsident, jeder Klubboss und wohl auch jede Athletin dieser Aussage mit besonders eifrigem Nicken zustimmen.

Bis anhin galt: Egal was wir gerade durchmachen, der Sport ist für uns da. Er lindert Liebeskummer, er vereint die Familie im Streit, er lenkt von existenziellen Sorgen ab, er macht uns glücklich, auch wenn er uns manchmal leiden lässt. Dies ist die romantische Fan-Definition von Sport.

Daneben die nüchterne Kalkulation: Der Sport ist ein bedeutender Wirtschaftssektor. Ich zitiere eine Studie des Bundesamtes für Sport aus dem Jahr 2014: Der Sport hat einen Anteil von 2,4 Prozent an der Schweizer Gesamtbeschäftigung. Ich selber bin seit zwei Jahrzehnten indirekt Teil dieser Industrie und habe ihr in dieser Phase beim Wachsen zugesehen, getreu dem olympischen Motto «schneller, höher, stärker». Von allem gab es immer mehr: Die Vermarktung wurde intensiviert, die Löhne stiegen an, die Preisgelder wurden erhöht.

Sport ist auch Tourismusförderung: Er setzt uns als Kleinststaat in den Fokus: Roger Federer trägt mit seiner globalen Bekanntheit dazu bei, dass weniger Leute meinen, das Schweizer Kreuz zeige uns bei Olympia bloss den Weg zum Sanitätszelt.

Durchhalten bis zum Schluss: Ein Teilnehmer des «Red Bull 400» - dem Lauf auf der Einsiedler Skisprungschanze.

Durchhalten bis zum Schluss: Ein Teilnehmer des «Red Bull 400» - dem Lauf auf der Einsiedler Skisprungschanze.

Keystone

Was wäre, wenn es dies alles, den Sport, nicht mehr geben würde? Wir haben es in den letzten Wochen üben müssen, wie es wäre: Kein Zmittag mehr vor dem Fernsehen wegen dem Skirennen, kein Familienausflug ins Stadion mit Schal um den Hals, kein Mitheulen bei der Pokalübergabe nach dem Grandslam-Final. Unser Alltag wäre um eine Attraktion ärmer.

Der Sport wird im Moment wegen Corona täglich mit neuen, noch nie da gewesenen Herausforderungen konfrontiert. Corona ist quasi der alles in Frage stellende Kreuzbandriss im Leben einer jungen Kunstturnerin. Corona ist die Verletzung, die den Rechts-Abspringer zwingt, in Zukunft mit Links abzuspringen. Corona ist diese eine Niederlage, die den Fechter dazu bringt, seine innere Blockade therapeutisch behandeln zu lassen.

Der Sport wird sich in den kommenden Monaten einer äusserst unangenehmen Therapie stellen müssen, er muss sich Fragen stellen lassen: Hat unser Business ein funktionierendes Fundament? Haben wir über unsere Verhältnisse gelebt? Ist unser Erfolgsmodell noch zeitgemäss?

Er muss Konsequenzen ziehen und daraus wird Neues entstehen. Gewinnen werden die, die am wachsamsten sind, die am besten antizipieren können, was Corona mit unserer Gesellschaft macht. Der Sport wird diese einschneidende Krise – da bin ich überzeugt – überleben. Aber ich bin ebenso sicher, dass wir neue Arten der sportlichen Unterhaltung kennen lernen werden, dass neue Einkommensströme gefunden werden und dass die die überleben gestärkt aus diesem Schlamassel hervorgehen werden.

Dem Sport-Funktionär, der in diesem Moment die Zeitung in die Ecke geworfen und geschnaubt hat «Philosophisches Gefasel – hier geht’s ums nackte Überleben, Schnepfe!», dem sei verziehen. Dem Sport steht das Wasser bis zum Hals, ich weiss. Aber: Ich habe einmal an einer Garderobenwand – ich weiss nicht mehr, welche es war – folgenden Spruch gelesen, der mir dieser Tage wieder in den Sinn gekommen ist: Es gibt kein «Ich kann das nicht», höchstens ein «ich kann das noch nicht».

Der Sport muss definitiv etwas Neues lernen. Und deshalb rufe ich ihm im Stile eines Mentalcoachs zu: «Du schaffst das, Sport! Wer bitte, wenn nicht du?»