«Du kannst ja auch laufen!»

Manuel Küng ist der Fisch unter den Profi-Triathleten. Der Vorsprung, den sich der Bütschwiler im Wasser holt, reichte bisher selten zum Sieg. In diesem Jahr gelang ihm nun der Durchbruch. Am Sonntag startet er an der Halb-Ironman-WM.

Ralf Streule
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Mit dem Rad hat sich Manuel Küng längst angefreundet. Am wohlsten aber fühlt er sich im Wasser. (Bild: Benjamin Manser)

Mit dem Rad hat sich Manuel Küng längst angefreundet. Am wohlsten aber fühlt er sich im Wasser. (Bild: Benjamin Manser)

TRIATHLON. Kein Wasser spritzt, wenn die Hände ins Wasser gleiten. Der Zug ist geschmeidig, der Körper gleitet mühelos dahin. Sogar ein Laie spürt, dass der Mann in diesem Internet-Video besser crawlt als viele andere Triathleten. Ja, Manuel Küng schwimmt allen davon. Eigentlich immer. Am Ironman in Zürich in diesem Jahr stieg er als Erster aus dem Wasser, so auch an den Halb-Ironman-Rennen in Rapperswil und Luxemburg und an der EM in Wiesbaden.

Küng wird aber meist wieder eingeholt, fast immer auf der Laufstrecke. Das war 2015 in Zürich und Wiesbaden so, nicht aber in Luxemburg. Dort brachte der Bütschwiler eineinhalb Minuten Vorsprung ins Ziel und feierte seinen ersten grossen Sieg bei den Profis. Es war der Höhepunkt einer starken Saison, in der sich der 28-Jährige in der erweiterten Weltspitze der Langstrecken-Triathleten festgesetzt hat. Dies als einer der jüngeren Athleten im Feld. Ein nächster Schritt soll am Sonntag im österreichischen Zell am See folgen: die Halb-Ironman-WM. Das Ziel sind die Top Ten.

«Andere liefen, ich schwamm»

Einige Tage zuvor sitzt Küng am Gartentisch vor dem Elternhaus in Bütschwil. Hier wuchs er auf, hier wohnt er noch heute, wenn er nicht gerade in Trainingslagern weilt, zum Beispiel auf Teneriffa. Enthusiastisch erzählt er von seinem Sport, von der Energiezufuhr, von addierten «Lebenskilometern», von Schmerzen im Training, die sich später auszahlen. Der Blick schweift über die Hügellandschaft des unteren Toggenburgs. Lebt hier eine Wasserratte? Eher doch ein Radfahrer oder Läufer!

Seit jeher habe er Spass am Schwimmen, sagt Küng. Seine Mutter fuhr ihn nach Uzwil, später nach Gossau und Frauenfeld ins Training. Er gehörte zur Junioren-Elite, wurde Ostschweizer Meister in Crawldisziplinen. So häuften sich die Lebenskilometer an. «Während andere liefen, bin ich geschwommen.» Das Resultat ist diese filigrane Technik, für Erwachsene schlicht nicht mehr zu erlernen.

Den ersten Schritt aus dem Wasser aufs Rad und auf die Laufstrecke machte Küng an einem Plausch-Triathlon in Frauenfeld. Ein Trainer befand: «Du kannst ja auch laufen!» Küng, damals in der Lehre als Sportartikelverkäufer, kaufte sich ein Rad, ein Paar Laufschuhe – der Triathlet war geboren. Sein Arbeitspensum reduzierte er allmählich, seit 2013 ist er als Profi unterwegs, lebt von Sponsoren- und Preisgeld – «ohne grosse Sprünge zu machen».

Auch die Radstrecke liegt Küng mittlerweile. Auf der Hulftegg, der Wasserfluh oder im Appenzellerland hat er sich die Beine dazu geholt. Das Laufen aber ist die Schwachstelle geblieben. Eine Verbesserung würde ihn endgültig an die Weltspitze bringen. Sicher ist: Küng macht aus jedem Wettkampf ein Spektakel. «Vollgas von Anfang an, um das Rennen für die schnellen Läufer unangenehm zu gestalten.» So beschreibt er seine Taktik auf seiner Homepage.

40 Stunden Training pro Woche

2016 will Küng am Ironman in Hawaii teilnehmen. Bei den Profis sind nur die 50 Weltbesten zugelassen. Um die Qualifikation zu schaffen, will er 2016 weniger Rennen bestreiten, sich auf diese aber gezielter vorbereiten. Harte Arbeit ist die Bedingung: In 40 Wochen-Trainingsstunden kommen 20 km Schwimmen, 400 km Rad und 80 km Laufen zusammen. «<Genügend> reicht nicht», sagt Küng. Aber auch: «Asketisches Leben und zu hartes Training passt nicht zu mir.» Trainer Lubos Bilek lasse ihm hier viel Freiraum. Auch will sich Küng nicht in der Karriere festbeissen. Jährlich ziehe er Bilanz: «Lohnt sich der Aufwand noch?»

Seine vier Jahre jüngere Schwester Rahel musste diese Frage kürzlich mit Nein beantworten. Sie, zuvor auch Spitzen-Triathletin, stürzte im Herbst in Mexiko im Training mit dem Rad und brach sich den Oberschenkel. Schnell war die Weltspitze weit weg, die Rückkehr schwierig. Rahel nahm sich neue berufliche Ziele. Auch Manuel weiss, dass Spitzensport ein Balanceakt ist. «Wenn ich nicht schneller werde oder den Spass verliere, höre ich auf!» Diese Gefahr besteht vorerst wohl nicht.