Doping
Doping im Pferdesport: Der Tod galoppiert mit

In Marathonrennen galoppieren Pferde mit ihren Reitern teils 160 Kilometer durch die Wüste. Einige von ihnen sind auch danach nicht erschöpft – dermassen fit gespritzt sind sie. Nun formiert sich Widerstand gegen die Dopingsünder.

Sarah Forrer
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Freie Bahn für Dopingsünder: Distanzrennen in Katar mit dem Scheich von Dubai, Mohammed bin Rashid Al Maktoum (zweiter von links).AFP

Freie Bahn für Dopingsünder: Distanzrennen in Katar mit dem Scheich von Dubai, Mohammed bin Rashid Al Maktoum (zweiter von links).AFP

Passive Funktionäre, bunte Cocktailfusionen, verletzte Pferde: Weit weg vom Rampenlicht hat sich im Distanzreiten – der Marathondisziplin unter den Pferdesportarten – ein Krebsgeschwür ausgebreitet: Doping. Allen voran wuchert es in den arabischen Ländern. «Die Zustände sind nicht haltbar», sagt Juliette Mallison. Die deutsche Tierärztin war vor einem halben Jahr bei einem Distanzrennen in Dubai vor Ort. Was sie sah und was auch andere Insider bestätigen, ist schockierend.

Distanzreiten: Immer populärer

Distanzreiten gehört zu den ältesten Reitsportarten und wird meist mit den zähen und ausdauernden Araber-Pferde ausgeübt. Ziel ist, auf hügeligem Gelände bis zu 160 Kilometer zurück zu legen. Dabei gibt es strikte Kontrollen: Tierärzte prüfen die Vierbeiner vor, während und nach dem Rennen auf Herz und Nieren. Wenn die Werte ungenügend sind, werden Pferd und Reiter eliminiert. Ähnlich wie beim Marathon braucht die Vorbereitung viel Aufbautraining - diese dauert meist Jahre. Deshalb haben viele Reiter eine besonders enge Verbindung zu ihren Pferden. Lange Zeit galt Distanzreiten oder Endurance, wie es offiziell genannt wird, als Randsportart. In den letzten Jahren hat die Popularität aber massiv zugenommen. Zu den führenden Nationen zählen neben den arabischen Ländern auch Frankreich und Belgien. Auf europäischem Parkett gelingen auch der Schweiz immer wieder Teammedaillen.

Topfit nach 160 Kilometern

Aber auch in Europa kommt es zu wüsten Szenen. Etwa bei einem Testrennen für die Weltmeisterschaften in England im letzten Jahr. Einem Pferd wurde während des Rennens ein Katheter gesetzt – auch als verschiedene Reiter protestierten, reagierten die Verantwortlichen nicht. Andere Pferde standen am Tag nach dem Rennen topfit im Stall – als hätten sie die 160 Kilometer noch vor sich.

«Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen», ist der Schweizer Distanzreiter Urs Wenger überzeugt. «Unsere gut trainierten Pferde waren müde nach dem Einsatz.» Der 63-Jährige ist ein alter Hase in der Szene – seit Jahrzehnten reitet er mit seinen Araberpferden vorne mit. Doch die Entwicklung in den letzten Jahren lässt ihn an seinem Sport zweifeln. «Die Zustände sind fast schlimmer als im Radrennsport», sagt Wenger. Er sei schockiert über die tierverachtenden Zustände.

Details bleiben unter Verschluss

Laut dem Internationalen Pferdesportverband FEI wurden in den letzten drei Jahren 41 Distanzpferde positiv getestet. Über 80 Prozent der Dopingfälle betrafen Pferde aus den arabischen Staaten. Im Vergleich: Im weit populäreren Springsport, wo zwei Drittel mehr Vierbeiner registriert sind, kam es im gleichen Zeitraum gerade mal zu 29 positiv getesteten Pferden. Hinzu kommt im Distanzsport die zunehmende Zahl verletzter und toter Pferde.

«Diese Statistiken werden von der FEI nicht veröffentlicht», sagt Dominik Burger, Tierarzt der Schweizer Distanzreiterkader. Doch nach Schätzungen von Experten kommt es im Mittleren Osten während der kurzen Rennsaison im Winter zu rund 60 Beinbrüchen. Häufig sind es Ermüdungsbrüche überforderter und schmerzfrei gespritzter Pferde. Anders als in Rennen in Europa führen die Distanzritte in der Wüste über sehr flaches Terrain – das Tempo ist dementsprechend hoch. Die Vierbeiner galoppieren teilweise mit Tempo 25 bis 27 in Rennen über eine Distanz von 160 Kilometern. «Das ist viel zu hoch», so Burger.

Die Präsidentin und der Scheich

Der Schweizer Pferdesportverband hat bei der FEI interveniert: «Wir wollen nicht tatenlos zusehen, wie die Zustände immer schlimmer werden», sagt Präsident Charles Trolliet. Ihm gehe es um den Tierschutz und um die Ethik – aber auch um Fairness. Der Verband fordert von der FEI, unverzüglich Massnahmen gegen Doping und die ungleiche Behandlung der Reiter. Zudem soll eine unabhängige Kommission die Vorfälle untersuchen.

Schon im Herbst 2012 haben der belgische und der französische Verband bei der FEI protestiert, letzten Juni nun auch der holländische. Und verschiedene Tierärzte haben die ernüchternden Rennreporte immer wieder an die FEI weiter geleitet. Gleichwohl räumt der Verband im Dopingsumpf nicht auf. Kein Wunder: FEI-Präsidentin, Prinzessin Haya von Jordanien, ist mit dem Weltmeister 2012 und verurteilten Dopingsünder Mohammed bin Rashid Al Maktoum verheiratet. Der Scheich von Dubai wurde vor drei Jahren gesperrt, nachdem sein Pferd positiv getestet worden war. Und im Mai kam es bei einer Trainingskontrolle in seinem britischen Rennstall Godolphin zu einem riesigen Doping-Skandal: Bei 17 Pferden wurden Anabolika nachgewiesen.

Hinzu kommt: Die arabischen Länder investieren viel Geld in den Pferdesport. Allein für das FEI-Gebäude in Lausanne – ein kleiner Palast mit Fitnessräumen und Spa – liess die Entourage um Prinzessin Haya rund 20 Millionen Franken springen.

Schweizer Druck zeigt Wirkung

Viele Trainer, Funktionäre und Organisatoren sind finanziell von den Arabern abhängig: Allein Scheich Al Maktoum hat neben seinen geschätzt 5000 Galopprennpferden über 700 Distanzpferde rund um den Globus verstreut. «Wer am finanziellen Tropf der Araber und der FEI hängt, der muckt nicht auf», sagt Distanzreiter Wenger.

Prinzessin Haya schweigt – und die FEI spielt die Missstände herunter. Sie unternehme alles, um einen sauberen Pferdesport zu gewährleisten, sagt der Generalsekretär Ingmar de Vos gegenüber der «Nordwestschweiz» (siehe Interview). Doch wohl ist es den Verantwortlichen aufgrund des Drucks aus der Schweiz nicht; morgen Mittwoch wollen sie die Situation analysieren.

"Wir setzen uns für sauberen Sport ein"

Reiter, Tierärzte und Verbände werfen dem Internationalen Pferdesportverband FEI vor, schon seit Jahren über die Missstände im Distanzsport informiert zu sein. Warum reagiert der Verband nicht?

Ingmar de Vos, Generalsekretär des Internationalen Pferdesportverbands: Die FEI setzt sich seit Jahren mit dem Thema Doping im Pferdesport auseinander. Seit dem Amtsantritt von Prinzessin Haya hat der Verband massiv Geld und Zeit für Kampagnen gegen Doping und Missbrauch investiert. Die Dopingregeln wurden Ende 2010 verschärft. Zusätzlich hat der Verband alle positiv getesteten Pferde und gesperrten Reiter auf der Website der FEI transparent und für alle ersichtlich aufgeführt. Dort sind auch Informationen zu verbotenen Substanzen zu finden. Dies zeigt, dass sich die FEI allgemein stark für einen sauberen Sport einsetzt.

Und im Distanzsport?

Hier beobachtet die FEI im Moment mit ihren Tierärzten die Situation - und zwar weltweit. Zudem ist sie im Kontakt mit nationalen Verbänden der Regionen, die besonders viele Dopingfälle aufweisen. Dort macht die FEI auf die verschärften Regeln aufmerksam und führt Schu-
lungen durch.

Das ist ja vor allem der Nahe Osten. Die FEI-Präsidentin, Prinzessin Haya von Jordanien, ist dort stark verwurzelt. Zudem ist ihr Mann in Doping-Skandale verwickelt. Besteht da nicht ein Interessenkonflikt?

Die Dopingfälle werden vom FEI Tribunal, einem unabhängigen Organ, betreut. FEI-Präsidenten waren noch nie in die Sanktionen und Entscheide involviert - und werden es auch nie sein. Daher sehen wir darin keine Probleme.

Wie sieht es mit der finanziellen Abhängigkeit aus? Vom Nahen Osten fliesst viel Geld in den Pferdesport.

Der Nahe Osten ist seit je ein grosser Fan des Pferdesports. Der Saudi Equestrian Fund unterstützt beispielsweise die Nationenpreise im Springreiten - unter anderem am CSIO in St. Gallen. Der grösste Partner der FEI ist aber Longines - ein Schweizer Uhrenunternehmen. Erst im Januar wurde ein rekordverdächtiger Millionen-Deal unterzeichnet. Zu den weiteren Hauptsponsoren gehören die britische Bank HSBC und Reem Acra, ein New Yorker Designer.

Involvierte Reiter und Tierärzte verlangen dennoch eine unabhängige Kommission, welche die Missstände durchleuchtet. Was halten Sie von der Idee?

Wir haben auf den 24. Juli einen runden Tisch einberufen, um die Missstände zu besprechen. Die Federführung dabei hat Andrew Finding vom Europäischen Pferdesportverband. Ziel ist, die Vorfälle im Nahen Osten besser zu verstehen und die weiteren notwendigen Schritte abzuklären.

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