Die zwei Gesichter des Traditionsclubs

Servette ist sportlich auf Erfolgskurs: Mit einem britisch-kanadischen Trio an der Spitze strebt das Team den Aufstieg in die Super League an. Anders sieht es auf struktureller Ebene aus. Dem Club droht einmal mehr der Bankrott. Was lebt, ist die Hoffnung auf Hilfe. Von der Stadt Genf oder einem Oligarchen.

Ralf Streule
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FUSSBALL. «C'était un bordel!» Wer Journalisten aus der Romandie auf Servettes Vergangenheit anspricht, muss mit Kraftwörtern rechnen. Ein Puff sei das gewesen, jahrelang. 2005 erreichte der 17fache Meister den Tiefpunkt, mit dem Konkurs und der Zwangsrelegation in die 1. Liga. Dann folgten immer wieder finanzielle Probleme, zwei Jahre nach dem Aufstieg in die Super League 2011 stieg man schon wieder ab. Und auch vergangene Saison war unruhig: Mit Sébastien Fournier, Jean-Michel Aeby, José Sinval und Mario Cantaluppi wurden vier Trainer entlassen.

Aufstieg ist in Griffnähe

Endlich habe Servette die Situation im Griff, war nun in letzter Zeit aus dem Umfeld Servettes zu hören. Von Verantwortlichen des Clubs, aber auch von Journalisten, die den Verein seit Jahren begleiten. Tatsächlich scheint zumindest die sportliche Seite des Traditionsclubs wieder im Lot: Servette belegt in der Challenge League den zweiten Rang hinter Wohlen und strebt den Aufstieg an. Was das Team ausmacht, zeigte sich vor der Länderspielpause in Wil, wo Servette zum Meisterschaftsspiel antrat. Beim attraktiven 0:0 standen die Genfer dem Sieg näher. Sie stellen ein junges Team mit viel Spielfreude. Erfahrung bringt unter anderen der ehemalige Nationalstürmer Johan Vonlanthen ein.

Das Loch in der Kasse

Das grosse Problem: Das «bordel», zumindest das finanzielle, ist noch nicht Vergangenheit. Im März schockierte der kanadische Präsident Hugh Quennec mit der Nachricht, dass der Club finanziell am Abgrund stehe – einmal mehr. Im März konnten die ausstehenden Löhne in der Höhe von 400 000 Franken nicht bezahlt werden, bis Ende Saison droht ein Loch von vier Millionen Franken. Vor allem das Stade de Genève ist ein Klotz am Bein des Vereins. Quennec bat die Stadt Genf vorletzte Woche in der Not, die vom Club in den vergangenen Jahren bezahlten Wartungskosten von sechs Millionen Franken zu übernehmen.

Für viele Genfer ist die Nachricht der neuerlichen finanziellen Probleme ein Schock, da man fest an die Stabilität des Clubs glaubte. Quennec, der den Fussballclub 2012 vor dem Ruin rettete, ihn seither präsidiert und bereits seit 2006 dem Eishockeyclub Servette vorsteht, engagierte im Sommer 2014 ein Team, das zuvor beim damaligen Premier-League-Club Cardiff City angestellt gewesen war und das in Genf sportliche Ruhe versprach. Der Waliser Julian Jenkins wurde neuer CEO. Der Engländer Kevin Cooper, zuvor U21-Trainer Cardiffs, übernahm das Traineramt. Mit den beiden Briten spielten die Genfer eine beachtliche Hinrunde – und nun eine starke Rückrunde.

Positiv wird in Genf auch die Nachwuchsakademie bewertet. Gérard Castella, der die Schweizer U19-Junioren betreut, ist angetan von der Arbeit bei Servette, wo er einst selbst an der Seitenlinie stand. Kein anderer Club stellt so viele Schweizer Nachwuchs-Nationalspieler. «Servette hat alles», sagt Castella. «Was fehlt, ist die Super League.»

Russisches Geld: Fehlanzeige

Und eben: Das Geld. Zu Beginn seiner Amtszeit soll Quennec dem Club unter die Arme gegriffen haben. Die Rede war aber auch davon, dass der russisch-finnische Milliardär Gennadi Timoschenko sich beteilige. Der vormalige Besitzer der Rohstoffhandelsfirma Gunvor – offenbar ein guter Freund Wladimir Putins – investiert in den Eishockeyclub Servette. Personen im Umfeld des FC Servette gingen davon aus, dass er auch im Fussballclub einen Grossteil der Gehälter bezahle. Dem widerspricht Quennec: «Timoschenko liebt Eishockey, nicht Fussball.» Ob der Präsident den Russen nicht doch noch dazu überreden kann, ist offen. Vorläufig bleibt ein Loch in der Kasse. Und die Zukunft droht schon wieder zum «bordel» zu werden.

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