Eishockey
Die ZSC Lions sind nun die heimlichen Titelfavoriten

Die Playoff-Halbfinals ab Sonntag stehen fest: Die ZSC Lions treffen auf Servette, Zug auf die Rapperswil-Jona Lakers.

Klaus Zaugg
Drucken
Teilen

Trainer Chris McSorley hat die Überlegenheit und Ausgeglichenheit der Berner einst mit der chinesischen Armee verglichen. Immer wenn man geglaubt habe, es sei überstanden, sei eine neue Welle angerollt. Die Ära des grossen, ruhmreichen bernischen Hockeys ist gestern zu Ende gegangen. Langnau hat die Playoffs nicht erreicht, Biel die Pre-Playoffs nicht überstanden. Und nun ist der SC Bern im sechsten Spiel des Viertelfinals an Zug mit einer 0:1-Niederlage auf eigenem Eis gescheitert. Der Meister von 2019 ist damit entthront. Der SCB ist nicht mehr die mächtige, scheinbar unbesiegbare Organisation, die grosse Hockey-Firma schlechthin.

Das Tor im Video

Video: TV24

Drei Organisationen haben das Potenzial, um die neue, grosse Firma zu werden: die ZSC Lions, der HC Lausanne und der EV Zug. Geld ist nicht das Problem. Das Problem ist ein anderes: Wie wird das Geld investiert? Die Auseinandersetzung zwischen den ZSC Lions und Lausanne war ein Zusammenprall der Titanen. Wir neigen dazu, Erfolge an Helden festzumachen. Julius Cäsar hat Gallien erobert. Aber hatte er nicht auch einen Koch dabei? Und ein paar Meldeläufer? So ist es mit den ZSC Lions. Das entscheidende Tor zum Weiterkommen – das 1:0 – hat gestern zwar mit Denis Hollenstein einer der Stars erzielt. Und den finalen 3:0-Sieg festgehalten hat Torhüter Ludovic Waeber.

Die Tore im Video

Video: TV24

Aber – um beim Bild des grossen Eroberers Julius Cäsar zu bleiben – diesen Triumph haben eben auch die Köche und Meldeläufer gesichert. Die ZSC Lions verdanken ihr Weiterkommen nicht nur den Stars. Sie verdanken ihn mindestens so sehr den Mitläufern. Und damit sind wir beim eingangs erwähnten Vergleich Chris McSorleys mit der chinesischen Armee: Immer dann, wenn es scheint, nun sei alles überstanden, rollt die nächste Welle an.

Nie standen die Chancen für Lausanne so gut wie gestern: Es war gelungen, Sven Andrighetto zu provozieren. Der ZSC-Leitwolf hatte zurückgeschlagen, wurde gesperrt und sass gestern auf der Tribüne. Das Schlimmste schien also überstanden. Aber nun rollte die neue Welle an. Auf einmal tauchten Spieler auf, die in der ersten Partie dieser Serie keine Sekunde Eiszeit gesehen hatten: Willy Riedi, Axel Simic und Dominik Diem – die Assists zu den beiden ersten Treffern steuerten Simic und Diem bei. Und das Ehrengewand des Topskorers trug Raphael Prassl statt Andrighetto. Es ist das, was wir die Tiefe des Kaders nennen. Oder die neue Welle, die heranrollt.

Die Spieler der ZSC Lions jubeln über den Einzug in den Halbfinal.

Die Spieler der ZSC Lions jubeln über den Einzug in den Halbfinal.

Bild: Ennio Leanza / Keystone (Zürich, 23. April 2021)

Die Zürcher haben die breiteste Basis

Nur eine mächtige Hockey-Firma kann genug Spieler löhnen, um auch in den Playoffs genügend frische Kräfte zu haben. Die ZSC Lions leisten sich seit der Gründung der Organisation im Jahr 1997 mit den GCK Lions ein Farmteam in der zweithöchsten Liga. Sie beschäftigen also Spieler für zwei Mannschaften. Lausanne leistet sich kein eigenes Farmteam. Der EV Zug löst sein Farmteam am Ende der nächsten Saison auf. Der SCB hatte noch nie ein Farmteam und investiert das Geld lieber ins Büropersonal und beschäftigt einen Obersportchef, eine Untersportchefin und einen Nebensportchef – bei dieser komfortablen Personalsituation wäre es problemlos möglich, auch ein Farmteam zu managen. Und tatsächlich hat SCB-Manager Marc Lüthi seinen neuen Obersportchef Raeto Raffainer mit der Planung eines Projektes Farmteam beauftragt.

Die ZSC Lions haben von den vier Halbfinalisten die breiteste Basis. Es ist die mächtigste Hockey-Firma der Liga. Das garantiert im Halbfinal gegen Servette noch keineswegs den Finaleinzug und schon gar nicht einen späteren Titelgewinn. Aber eine solide Machtposition in der Liga. Zug gilt weiterhin als Favorit auf den Titel. Aber der heimliche Favorit ist jetzt die grosse Hockey-Firma der ZSC Lions. Wer die Provokationen gegen Lausanne ausgehalten hat und wer ohne seinen offensiven Leitwolf Andrighetto den entscheidenden vierten Sieg errungen hat – der kann auch Servette besiegen und am Ende Meister werden.

Aktuelle Nachrichten