«Die Zeit der Ausreden ist vorbei»

Die Arbeit geht Ronny Keller so schnell nicht aus. Im Interview nimmt der Präsident des NLB-Eishockeyclubs Thurgau Stellung zur Demission von Trainer Christian Weber und sagt, dass der Club für eine ruhigere Zukunft mehr Geld braucht.

Matthias Hafen
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Thurgaus Präsident Ronny Keller will demnächst eine Aktienkapitalerhöhung in die Wege leiten. (Bild: Mario Gaccioli)

Thurgaus Präsident Ronny Keller will demnächst eine Aktienkapitalerhöhung in die Wege leiten. (Bild: Mario Gaccioli)

Herr Keller, Ihr Club erlebt turbulente Zeiten. Der Cheftrainer und Sportchef Christian Weber hat das Handtuch geworfen, und im Kalenderjahr 2016 resultierte aus sieben Spielen gerade mal ein Sieg. Macht Ihnen die Arbeit so noch Freude?

Ronny Keller: Im Sport gibt es Siege und Niederlagen. Klar fällt einem die Arbeit an gewissen Tagen leichter, an anderen schwerer. Doch ich bin keiner, der davonrennt, wenn es schwierig wird.

War es zu gewagt, die «Vision 2018» herauszugeben, die Thurgau in zwei Jahren eine regelmässige Teilnahme am Playoff-Halbfinal vorschreibt?

Keller: Nein, wir sprechen ja von einer Vision 2018 und nicht von einer Vision 2016. Dass wir diese Saison zwischenzeitlich näher am ersten Platz als am neunten waren, hat wohl dazu geführt, dass die Erwartungshaltung von einigen im Umfeld zu gross wurde. Doch damals spielten wir klar über unseren Verhältnissen.

Thurgau wirtschaftet mit einem der kleinsten Budgets der Nationalliga B. Ist Rang acht in dieser Saison zu wenig für Ihr Team?

Keller: Als Christian Weber übernommen hat, war Thurgau fünf Jahre lang nicht mehr im Playoff vertreten gewesen. Mit Weber schafften wir es auf Anhieb ins Playoff – und seither jedesmal. Wir wollten in diesem Winter nun erneut einen kleinen Schritt weiterkommen und nicht wie in den Jahren zuvor bis zuletzt um die Playoff-Teilnahme zittern müssen. Wir sind alle ehrgeizig.

Stimmt es, dass Webers Abgang auch mit der Konstellation im Verwaltungsrat zu tun hat?

Keller: Wie meinen Sie das?

Dass einige Verwaltungsräte seine Arbeit torpediert haben.

Keller: Das kann ich so nicht bestätigen. Wir sind sechs Verwaltungsräte und jeder hat seine Meinung. Am Schluss entscheiden wir als Gremium.

Aber stimmt es, dass nicht mehr alle hinter Weber gestanden sind?

Keller: Das kommentiere ich nicht.

Was haben Sie in dieser Geschichte der Mannschaft gesagt?

Keller: Dass wir jetzt alle gefordert sind, auf die Erfolgsstrasse zurückzukehren – sie aber ganz besonders. Sollte es Spieler gegeben haben, die eine Ausrede beim Trainer gesucht haben, so ist dies jetzt vorbei.

Für kommende Saison wurde mit Christian Wohlwend ein begehrter Trainer engagiert. Zudem stehen mit Adrian Brunner, Patrick Parati und Eric Arnold auch künftig Spieler zur Verfügung, die vor wenigen Jahren noch nicht für Thurgau gespielt hätten. Wie kommt das?

Keller: Wir können solche Spieler verpflichten und halten, weil Thurgau wieder sportliche Perspektiven bietet. Wir geben deswegen auch nicht mehr Geld aus. Die Attraktivität des Clubs hat zuletzt deutlich zugenommen. Das ist wiederum das Verdienst von Christian Weber.

Mit dem sportlichen Erfolg werden auch die finanziellen Ansprüche der Spieler höher. Wie teuer wird Thurgau der nächste Schritt nach vorne zu stehen kommen?

Keller: Ich bin nicht der Meinung, dass die Vorwärtsstrategie mit einer Budgeterhöhung einhergehen muss. Wir können unser Budget auch anders verteilen. Es laufen zudem Verträge aus. Vielleicht fährt man dann an einem Ort billiger und am anderen wird es etwas teurer. Eine weitere Möglichkeit ist, mit Partnerteams zusammenzuarbeiten. Das ist auch einer der Punkte unserer Vision 2018.

Haben Sie einen bestimmten Partner im Kopf?

Keller: Es sind Gespräche im Gang, zu denen ich momentan aber noch nichts sagen kann.

Wie geht's Thurgau finanziell?

Keller: Es sieht wohl so aus, dass wir die aktuelle Saison mit einem Verlust abschliessen müssen.

Von welcher Grössenordnung sprechen Sie da?

Keller: Es ist kein Geheimnis, dass Hockey Thurgau in naher Zukunft eine Kapitalerhöhung braucht. Die Kapitalbasis muss gestärkt werden.

Was heisst in naher Zukunft?

Keller: Eher früher als später. Die Suche nach Sponsoren ist mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar 2015 bedeutend schwieriger geworden. Wenn es Unternehmen nicht mehr so gut geht, sind sie logischerweise auch nicht mehr in der Lage, gleich viele Sponsorengelder zu sprechen wie früher.

Brauchen Sie die Aktienkapitalerhöhung auch, um das Loch aus dieser Saison zu schliessen?

Keller: In erster Linie brauchen wir sie, um Altlasten loszuwerden. Der Club stand vor wenigen Jahren noch mit einem millionenschweren Minus da. Meine Vorgänger haben diese Schulden in den vergangenen Jahren zwar sukzessive abgetragen, doch leiden wir noch immer darunter. Das soll damit ein Ende haben. Damit die Altlasten wirklich einmal weg sind.

Wie wollen Sie die Kapitalerhöhung realisieren?

Keller: Wir planen voraussichtlich nicht mit einer Publikumsaktie, die bewusst zu einem tiefen Preis zu haben wäre. Dafür wären die administrativen Hürden zu gross. Aber wir würden es begrüssen, wenn nicht nur bestehende Aktionäre Wertpapiere des Clubs zeichnen, sondern sich auch neue Aktionäre am Club beteiligen würden.

Haben Sie damit gerechnet, dass der Thurgau ein so schwieriges Pflaster für einen NLB-Eishockeyclub ist?

Keller: Ich kenne den Club noch aus Zeiten, in denen die Stehplatztribüne in Weinfelden gefüllt war. Andererseits habe ich hier als Spieler schon vor 400 Zuschauern gespielt. Was ich weiss, ist, dass die Thurgauer begeisterungsfähig sind. Und wenn sich der Erfolg auf dem Eis einstellt, dann ist auch der Zuspruch vorhanden. Deshalb blicke ich positiv voraus. Aber es braucht Zeit und Geduld von uns allen.

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