Die Wettbranche leidet unter dem Lockdown im Fussball – und wurde auf der Überholspur ausgebremst

Die Wettanbieter waren im Hoch – dann kam die Krise. Doch die Pause ist mehr ein Intermezzo als eine Krise.

Rainer Sommerhalder
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Bis vor wenigen Tagen hiess die Frage FB Wizebsk oder Belshina Bobruisk. Wochenlang konnte der ambitionierte Sportwetter im Fussball einzig auf die Spiele der weissrussischen Liga tippen. Vor einer Woche kamen mit Südkorea und den Färöern immerhin zwei weitere Exoten dazu. Warm ums Herz wird dem Fussballfan auch mit dieser Auswahl nicht.

Ambitionierte Sportwetter konnten im Fussball zuletzt nur auf Spiele in Südkorea oder Weissrussland tippen.

Ambitionierte Sportwetter konnten im Fussball zuletzt nur auf Spiele in Südkorea oder Weissrussland tippen.

Bild: Getty (Incheon, 9. Mai 2020)

Rund 90 Prozent aller Sportwetten in Europa werden im Fussball platziert. Und wenn der Ball ruht, ergeben sich für die Wettbranche massive Einnahmeausfälle. Wie hoch diese sind, will niemand so genau sagen. In dieser Branche ist Verschwiegenheit Teil des Geschäftsmodells. Sportwetten erweisen sich als zunehmend lukratives Business. Die Einnahmen beliefen sich allein in Deutschland auf 9,3 Milliarden Euro. Noch 2012 lagen sie bei 3,5 Milliarden. Nur schon von 2018 auf 2019 verzeichnete man einen Zuwachs von 20 Prozent. Dabei fanden im vergangenen Jahr nicht einmal sportliche Grossereignisse statt.

Schweizer Sport ist abhängig vom Reingewinn

Entsprechend zuversichtlich sah die Wettbranche dem aktuellen Sommer entgegen. Fussball-EM und Olympische Spiele galten als Garanten für in neue Höhen schiessende Gewinne. Corona liess die Träume vorerst platzen. Massiv seien die Auswirkungen, nur ein Bruchteil der Umsätze würden derzeit mit Sportwetten erzielt, bestätigt ein weltweit führender, ebenfalls auf Diskretion pochender Wettanbieter.

In der Schweiz hat die Interkantonale Landeslotterie Swisslos mit dem Angebot von Sporttipp das staatliche Monopol auf Sportwetten. Weil der Schweizer Sport vom Reingewinn von Swisslos profitiert, befürchtet man für die Ausschüttung 2021 einen schmerzhaften Rückgang. Doch zuerst einmal wird man sich über ein Rekordergebnis freuen dürfen. Weil Sporttipp dank dem neuen Geldspielgesetz seit dem 1. Juli 2019 auch sogenannte Live-Wetten anbieten kann und sich die Einsatzmöglichkeiten für Sportwetter damit vervielfacht haben, geht man von einem Gewinnsprung aus. 2018 lag der Bruttospielertrag (BSE) bei 21 Millionen Franken. Der BSE ist die Differenz zwischen den Spieleinsätzen und den an die Spieler ausbezahlten Gewinnen.

2018 lag der Bruttospielertrag von Sporttipp bei 21 Millionen Franken.

2018 lag der Bruttospielertrag von Sporttipp bei 21 Millionen Franken. 

Bild: Urs Bucher

Die konkreten Auswirkungen des Live-Wettangebots werden mit Spannung erwartet. Doch der Geschäftsbericht mit den entsprechenden Zahlen lässt aufgrund der wegen Corona auf Juni verschobenen Generalversammlung auf sich warten. Der Bruttospielertrag werde aber auf jeden Fall deutlich höher sein. Die Live-Wetten hätten viele neue Kunden angezogen, selbst wenn die Aufsichtsbehörden in der Schweiz nach wie vor ein im Vergleich mit privaten Anbietern im Ausland viel kleineres Angebot zulässt. Auch das Jahr 2020 habe bis zur Coronakrise sehr gut angefangen, erfährt man auf Nachfrage.

Die Firma Sportradar mit Sitz in St. Gallen ist der weltweit grösste Dienstleister der Sportwetten-Industrie. Sie liefert Wettquoten und bietet Marktüberwachung an. Andreas Krannich ist Direktor des Integrity Services, welcher die Szene auf mögliche Wettmanipulationen durchleuchtet. Er sieht in der aktuellen Situation eine nicht zu unterschätzende Gefahr bei Fussballwetten. Die Wettmafia nutze die wirtschaftliche Schieflage von Clubs und ausgesetzte Lohnzahlungen bei Spielern aus und biete für künftige Gefälligkeiten grosse Summen an. Es muss nicht immer gleich ein absichtlich verlorenes Spiel sein. Bereits ein Penalty zur richtigen Zeit oder ein zusätzliches Gegentor können für Betrüger Millionengewinne generieren.

Tipico, mit einem Anteil von rund 50 Prozent Marktführer in Deutschland, begegnet dem erhöhten Manipulationsrisiko in exotischen Fussballligen mit strikt limitierten Geldeinsätzen. So werden die Aussichten auf einen fetten Gewinn mit illegalen Methoden unattraktiv und man kann einen möglichen Verlust begrenzen. Denn bei geschobenen Spielen ist der Wettanbieter letztlich der Hauptgeschädigte.

Bundesliga ist fast wie Weihnachten

Deshalb betreibt Tipico eine eigene Compliance-Abteilung, welche Standards durchsetzt und auch entscheidet, dass längst nicht alle möglichen Sportwetten auch angeboten werden. Erst kürzlich stiess man beim sechstgrössten Anbieter der Welt wieder auf einen möglichen Betrugsfall. Derzeit läuft eine Untersuchung, ob vier Spiele der ukrainischen Liga zwar gemeldet, aber gar nie stattgefunden haben.

Nun startet die Bundesliga wieder – ein Segen für Wettanbieter.

Nun startet die Bundesliga wieder – ein Segen für Wettanbieter.

Bild: Roland Weihrauch / DPA

Solche Probleme schaffen die grossen Ligen nicht. So oder so fühlt sich das morgige Comeback der Bundesliga für die Wettbranche wie verfrühte Weihnachten an. Die Einsätze werden dadurch exorbitant ansteigen. Beinahe schon zurück zu normalen Verhältnissen und auf jeden Fall wieder in die Gewinnzone. Denn in der Branche sind sich alle Player einig: Das Coronavirus ist für Sportwetten höchstens ein zwischenzeitliches Bremsmanöver auf der Überholspur.

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