Die Wahrheit liegt nicht in den Sternen

Wenige Kilometer von meinem Wohnort entfernt befindet sich eine Sternwarte. Unsere Familie stattete ihr in den vergangenen Jahren drei, vier Besuche ab. Der Blick durch das grosse Fernrohr faszinierte mich stets, und den Erklärungen der Fachpersonen lauschte ich jeweils aufmerksam.

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Wenige Kilometer von meinem Wohnort entfernt befindet sich eine Sternwarte. Unsere Familie stattete ihr in den vergangenen Jahren drei, vier Besuche ab. Der Blick durch das grosse Fernrohr faszinierte mich stets, und den Erklärungen der Fachpersonen lauschte ich jeweils aufmerksam. Richtig verstanden habe ich den möglichen oder tatsächlichen Einfluss der Sterne auf unser irdisches Dasein allerdings nie. Ehrlich gesagt glaube ich auch nicht daran, dass unser Schicksal von Sternenkonstellationen abhängen soll. Nicht zuletzt deshalb interessieren mich Horoskope so wenig wie einen peruanischen Lamahirten das Alphornblasen.

Dennoch kam es mir bis anhin nicht in den Sinn, die Astrologie als Hokuspokus abzutun. Nach der samstäglichen Lektüre einer grossen Schweizer Tageszeitung frage ich mich aber ernsthaft, was es mit der Sternenkunde tatsächlich auf sich hat.

Fehlprognosen

Vor bedeutenden Ereignissen – etwa einem Jahreswechsel, Präsidentschaftswahlen oder sportlichen Grossveranstaltungen – befragen Medienschaffende gerne Astrologen nach den Aussichten. Mal für Mal haben Sterngucker, Hellseher und Wahrsager in den vergangenen Jahren Ereignisse vorausgesagt, die so dann nicht eingetreten sind. Irren ist bekanntlich menschlich, aber selten hat sich jemand, der sich beruflich mit der Sterndeutung befasst, dermassen mit seinen Prognosen verhauen wie der Zürcher Astrologe im erwähnten Medium.

«Für die Mannschaft und Trainer Köbi Kuhn im Speziellen versprechen die Sterne ein sehr gutes Spiel», liess sich der ehemalige Hobby-Fussballer vor dem EM-Eröffnungsspiel gegen Tschechien vernehmen. «Die Konstellation ist günstig und verspricht Glücksmomente.» Volltreffer? Ja – für die Tschechen. Alex Frei sagte er noch «einen sehr guten Auftakt» voraus, «ihm wird so ziemlich alles gelingen». Bingo! Noch vor der Halbzeit verliess Frei weinend den Rasen und fällt mit einer Innenbandverletzung für den Rest der EM aus.

Italien chancenlos

Am Mittwoch klappt es dann aber mit dem ersten EM-Sieg einer Schweizer Mannschaft, zumal unser Astrologe berichtet, «für das zweite Spiel gegen die Türkei sehen die Sterne weniger gut aus». Glück, lass dich also schon jetzt umarmen! Für den weiteren Turnierverlauf sieht es dann allerdings schwarz für uns aus. Der Sterndeuter prophezeit, das Schweizer Team werde insgesamt positiv überraschen und mindestens die Viertelfinals erreichen. Das heisst, die EM ist am Sonntag für die Schweiz nach dem dritten Gruppenspiel gegen Portugal bereits vorbei.

Italien wird übrigens nicht Europameister, denn auf die Italiener tippt unser Sterngucker. Packen es also doch wieder die Griechen? «Die Wahrheit liegt auf dem Rasen», pflegt ihr Trainer Otto Rehhagel zu sagen – und nicht in den Sternen. Andreas Werz

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