Die unterschätzte Kunst der Einfachheit

Da fragte mich bei meinem letzten Interview doch tatsächlich der Journalist mit einem dreisten Grinsen im Gesicht, ob mein Vater denn irgendeine Ausbildung habe. Nicht «eine» Ausbildung, sondern «irgendeine».

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Da fragte mich bei meinem letzten Interview doch tatsächlich der Journalist mit einem dreisten Grinsen im Gesicht, ob mein Vater denn irgendeine Ausbildung habe. Nicht «eine» Ausbildung, sondern «irgendeine». Zwischen den Zeilen klangen seine Gedanken «versteht er als Trainer überhaupt etwas von Radsport?» durch.

Trockener Appenzeller Humor

Mein Vater ist mein bester Freund. Mit ihm kann ich stundenlang Velo fahren, monatelang durch die Welt reisen, jahrelang zusammenarbeiten und dabei haben wir immer etwas zu lachen. Das Kriegsbeil haben wir noch nie ausgegraben, was ich zugegebenermassen allein ihm zu verdanken habe, da er chronisch alle Konflikte gekonnt umschifft und dafür lieber mit seinem typisch trockenen Appenzeller Humor die Gedanken in andere Bahnen lenkt. Und vielleicht auch, weil er erkannt hat, dass man sich mit mir nur einmal anlegt. Geht es um Trainingsmethoden, Durchführung und das Einschätzen meiner momentanen Verfassung, kenne ich keinen besseren Experten als meinen Vater. Selbst jahrelang aktiver Rennfahrer im Strassenradsport mit kämpferischer, aufopfernder Fahrweise, bis ihn die Gesundheit zum Umsatteln zwang, anschliessend Pionier im Mountainbikesport und dem Sport bis heute aktiv treu geblieben. Er schöpfte seine Möglichkeiten immer aufs Vollste aus. Ich kenne keinen Menschen, der die Einstellung des Kämpfers so sehr verkörpert wie er. Auch wenn er dies dank seiner Bescheidenheit natürlich nie zugeben würde. Und ich ihm das auch nie sagen würde. Zum Glück kann ich es ja hier ausnahmsweise mal schreiben.

Tief Luft holen und lächeln

Zeitgleich baute er im Rheintal eine Kids-Trainingsgruppe auf, trainierte diese während 13 Jahren wöchentlich zweimal, betreute sie jährlich an mehr als 15 Wettkämpfen, leitete Trainingslager und ist seit 16 Jahren im Vorstand des Radvereins Altenrhein tätig. Doch zurück zum Journalisten. Noch immer grinste er mich an. Ich holte einmal tief Luft und antwortete mit einem Lächeln: «Klar, er ist diplomierter J+S Nachwuchstrainer.» Dass das Nebensache ist und für mich der Mensch dahinter zählt, bemühte ich mich nicht mehr zu erklären.