Die Thurgauer Meisterschützin Heidi Diethelm nach der Verschiebung der Olympischen Sommerspiele: «Ich hatte einen Frust, auch eine Wut»

Obwohl es absehbar war, hat die Verschiebung der Spiele von Tokio Heidi Diethelm Gerber schier aus dem Gleichgewicht gebracht.

Daniel Good
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Die 51-jährige Weltklasseathletin Heidi Diethelm Gerber im Schiessstand in Weinfelden.

Die 51-jährige Weltklasseathletin Heidi Diethelm Gerber im Schiessstand in Weinfelden.

Bild: Reto Martin
  • Sie ist mental aussergewöhnlich stark.
  • Das weiss man spätestens seit den Olympischen Spielen 2016, als Heidi Diethelm Gerber die Bronzemedaille gewonnen hat.
  • Als es um alles oder nichts ging, räumte die Thurgauerin die Nummer eins der Welt aus dem Weg.
  • Aber die Verschiebung der 32. Olympischen Sommerspiele um ein Jahr hat der Pistolenschützin arg zugesetzt.

«Obwohl man seit einiger Zeit davon ausgehen konnte, hat es mich ziemlich kalt erwischt», sagt Diethelm Gerber. Nach dem Entscheid des Internationalen Olympischen Komitees, die Spiele von Tokio wegen des Coronavirus erst 2021 durchzuführen, ist sie für drei Stunden draussen laufen gegangen. Sie sagt:

«Ich musste auf andere Gedanken kommen. Ich hatte einen Frust, auch eine Wut. Ich war selber überrascht von mir. Irgendwie hatte ich das Gefühl, mir werde ein Jahr gestohlen.»

Dazu muss man wissen, dass Heidi Diethelm Gerber seit dem 20. März 51-jährig ist. Eigentlich wollte sie in diesem April entscheiden, wie es nach den Olympischen Spielen 2020 mit ihrer Karriere weitergeht. «Für viel Junge ist diese Verschiebung kein Problem», sagt sie. «Aber ich dachte mir im ersten Moment: Was? Nochmals so ein extrem hartes Jahr?»

Heidi Diethelm Gerber mit der Olympiamedaille von Rio de Janeiro

Heidi Diethelm Gerber mit der Olympiamedaille von Rio de Janeiro

Bild: Laurent Gillieron / Keystone

Sie ist sich noch gar nicht zu 100 Prozent sicher, ob sie den grossen Aufwand einer olympischen Vorbereitung nochmals auf sich nehmen will oder kann. «Ich fragte mich: Ist es richtig, nochmals ein Jahr anzuhängen? Ich werde ja auch nicht jünger.»

Sie geht nur nach Tokio, wenn sie Chancen hat

Denn eins steht fest für die Weltklasseschützin: Sie reist nur nach Tokio, wenn sie um die Medaillen kämpfen kann. «Ich will spüren, dass etwas drin liegt. Ich starte nicht, um einfach den Quotenplatz auszunutzen.»

Sie sagt aber auch, dass es Lösungen geben werde. «Ich muss nun die Planungen anpassen. Das benötigt seine Zeit. Es geht auch um Verträge, die eigentlich auslaufen würden. Das alles braucht viel Energie. Und hoffentlich muss ich kein weiteres Mal unters Messer. Der Aufbau nachher ist eine sehr harte Zeit.» Sowohl im vergangenen Jahr, als auch 2018 musste Diethelm Gerber operiert werden. «Es waren schwierige Phasen für mich», sagt sie.

Zwei EM-Medaillen auf dem Weg nach Tokio

Ärgerlich für Diethelm Gerber ist die Verschiebung auch, weil ihr olympischer Fahrplan trotz der gesundheitlichen Probleme im Lot war. An der Druckluft-EM in Polen gewann sie Ende Februar mit Silber zum ersten Mal eine Medaille. Dabei ist die Luftpistole nicht ihr bevorzugtes Sportgerät. «Technisch war ich nicht sonderlich gut. Aber auf der mentalen Ebene war es ein hervorragendes Erlebnis», sagt Diethelm Gerber.

Die EM in Wroclaw gab ihr weiter Schub Richtung Tokio. In Polen gewann sie im Mixed-Doppel auch noch EM-Bronze. Diese Disziplin wird 2021 zum ersten Mal olympisch sein. «Man darf diese Medaillen nicht überbewerten. Aber in den Wochen vor der Verschiebung fühlte ich mich bereit für die finale Olympiavorbereitung. Es passte alles.»

Es sei nicht einfach gewesen, von hundert auf null herunterzufahren. «Jeder Sportler ist in dieser Phase sehr fokussiert.» Immerhin wisse man nun das Datum im nächsten Jahr. «Wenn die Spiele im Frühling angesetzt worden wären, was ja auch zur Diskussion stand, hätte ich Probleme bekommen. Nun kann ich quasi die diesjährige Planung übernehmen.»

Regelmässiger Kontakt mit dem Mentaltrainer

Diethelm Gerber ist allerdings überzeugt, dass die Neuansetzung richtig ist. «Immerhin wurde nicht ganz abgesagt, nur verschoben. Es wären in diesem Jahr ohnehin keine tollen Spiele geworden. Zudem wäre es möglich gewesen, dass die Schweiz gar nicht teilgenommen hätte.»

Heidi Diethelm Gerber gehört auch 2021 zu den Kandidatinnen auf eine Olympiamedaille. Sie hat schon oft bewiesen, dass sie über die notwendige Wettkampfhärte verfügt. Derzeit absolviert sie Trockentrainings zu Hause in Märstetten. «Wir sind gut eingerichtet. Ich trainiere auch sonst oft daheim», sagt sie. Mit dem Mentaltrainer hat sie regelmässig Kontakt. Er soll die letzten Zweifel ausräumen.