Die Streif in den Beinen

Auf seiner Abschiedstournée startet Didier Défago zum letzten Mal in seiner Karriere an den Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel. Zu den Favoriten gehört der 37-Jährige nicht. Die Aussenseiterrolle hat ihm bisher aber oft Glück gebracht.

Christof Krapf/Kitzbühel
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SKI ALPIN. Ein Seriensieger war Didier Défago nie. Auf zwölf Jahre hat er seine fünf Weltcupsiege verteilt. Während seiner Karriere war der Walliser einer, der einfach da war – und zuweilen aufs Podest fuhr. Obwohl sich die Schweiz über die Erfolge freute, wurde Défago nie zum Star. Im Rampenlicht standen andere: Kitzbühel-Rekordsieger Didier Cuche etwa oder Carlo Janka zu seinen besten Zeiten.

Um Kristallkugeln fuhr Défago nicht; vor Grossanlässen wurde er nie als Topfavorit gehandelt. Die grosse Qualität des Romands war aber, dass er manchmal diesen einen perfekten Tag erwischte. Und dann ein Rennen ablieferte, in dem alles aufging. Passiert ist dies 2010 an den Olympischen Spielen in Vancouver. Die Favoriten der Abfahrt waren Cuche, Janka, Aksel Lund Svindal, Michael Walchhofer oder Bode Miller – der Sieger aber hiess Défago.

«Die Sprünge gehen weit»

Einen solchen magischen Moment wie an Olympia erlebte der Walliser auch ein Jahr zuvor. 2009 gewann er innert einer Woche am Lauberhorn und auf der Streif in Kitzbühel – Favorit war er auch vor diesen Rennen nicht gewesen.

An Défagos Rolle hat sich in diesem Jahr nichts geändert. In Kitzbühel gehört er nicht zu den meistgenannten Anwärtern auf den Sieg. Der 37-Jährige befindet sich auf seiner Abschieds-Tournée im Weltcup. Heute im Super-G und morgen in der Abfahrt tritt er zum letzten Mal auf der Streif an: Wird sich die Mausefalle hinunterstürzen, über die Hausbergkante fliegen und in der Traverse Kopf und Kragen riskieren. Es ist eine Piste, die Défago mag. «Ich werde Kitzbühel nach meiner Karriere mehr vermissen als das Lauberhorn mit dem Heimpublikum. Denn die Streif ist die spektakulärste Strecke», sagt der Walliser. Dreimal fuhr er an den Hahnenkammrennen aufs Podest: 2003 als Dritter der Kombination, 2009 und 2014 bei seinen Siegen in der Abfahrt und im Super-G. Weil er die Strecke und Kitzbühel so mag, will er hier zum Abschluss seiner Karriere noch einmal aufs Podest – am liebsten ganz nach oben. «Es wäre der Hammer, hier zu gewinnen. Ich habe diese Piste in den Beinen. Die Sprünge gehen in diesem Jahr weit. Das macht die Streif noch besser», so Défago. Das Abschlusstraining beendete er als Dritter. Hinter dem Norweger Kjetil Jansrud und dem Italiener Christof Innerhofer.

Die Chancen, dass Défago heute oder morgen aufs Podest fährt, sind also intakt – auch wenn der Walliser eher Janka, Lauberhorn-Sieger Hannes Reichelt oder Jansrud in der Favoritenrolle sieht. Schlimm ist das nicht: Défago war sowieso immer besser, wenn niemand mit ihm rechnete.

WM-Gold fehlt ihm noch

Auch die Trainer trauen dem 37-Jährigen in seiner letzten Saison noch Spitzenplätze zu. Chefcoach Thomas Stauffer sagte vor der Saison: «Didier wird sicher nicht einfach mitfahren. Er will vorne rein.» Aufs Podest ist der Walliser in diesem Winter noch nicht gefahren. Dass er aber das Potenzial dazu hat, steht ausser Zweifel. Nach den Rennen in Kitzbühel wird sich Défago auf die letzte WM seiner Karriere vorbereiten. Denn Weltmeister war er noch nie. «Deshalb habe ich noch eine Saison angehängt», sagt er. Auch an den Titelkämpfen in Beaver Creek wird niemand Défago auf der Rechnung haben. Gut so.