Die Spiele mussten weitergehen

Heute vor 40 Jahren nahmen acht palästinensische Terroristen an den Olympischen Spielen in München elf israelische Teammitglieder als Geiseln. Urs von Wartburg, 1972 Fahnenträger der Schweizer Delegation, erinnert sich gut an jenen Tag.

Markus Zahnd
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Ein Bild, das sich eingeprägt hat. Ein palästinensischer Attentäter auf dem Balkon im olympischen Dorf in München. (Bild: ap/Kurt Strumpf)

Ein Bild, das sich eingeprägt hat. Ein palästinensischer Attentäter auf dem Balkon im olympischen Dorf in München. (Bild: ap/Kurt Strumpf)

«Wir wurden aufgefordert, in unsere Unterkunft zu gehen und dort zu bleiben. Auf dem Weg dorthin habe ich dann diesen Menschen mit dem Strumpf über dem Kopf gesehen», sagt Urs von Wartburg. Der 75jährige Berner spricht vom 5. September 1972 und dem Bild, das um die Welt ging. Am frühen Morgen drangen acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation «Schwarzer September» ins olympische Dorf ein. Ihr Ziel: die israelische Mannschaft. Weil die Organisatoren «heitere Spiele» propagierten, gab es kaum Sicherheitskräfte, das Eindringen wurde den Terroristen leichtgemacht. Sie nahmen elf Geiseln, zwei davon wurden gleich zu Beginn der Aktion tödlich verletzt.

Die Geiselnehmer forderten die Freilassung von 232 Palästinensern sowie der deutschen RAF-Mitglieder Ulrike Meinhof und Andreas Baader und des japanischen Terroristen Kozo Okamoto. Die Behörden lehnten ab. Die Schweizer Sportler kannten allerdings weder das Ausmass des Anschlags noch wussten sie von den Forderungen. «Das Ganze wurde uns gegenüber verharmlost», sagt von Wartburg. Als die Terroristen und ihre Geiseln am Abend auf den Militärflughafen Fürstenfeldbruck gebracht wurden, dachte von Wartburg, dass sich die Sache erledigt habe. Doch dem war nicht so, denn der Polizeieinsatz misslang. Statt die Attentäter wie geplant zu überwältigen, gab es eine Schiesserei. Dabei kamen nicht nur sämtliche Geiseln, sondern auch fünf der acht Attentäter sowie ein Polizist ums Leben.

Die Worte des Präsidenten

Von Wartburg erfuhr erst am nächsten Tag vom Ausmass des Anschlags. «Nachdem die Spiele unterbrochen wurden, fand am Tag danach im Olympia-Stadion eine Trauerfeier statt, daran nahm ich als Fahnenträger teil», erzählt der ehemalige Speerwerfer. So erfuhr er erst dann, dass der ihm gut bekannte israelische Leichtathletiktrainer Amitzur Schapira zu den Opfern gehörte.

An jener Feier sprach Avery Brundage, damals Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, die Worte: «The games must go on.» Die Spiele sollten nach einem halben Tag des Unterbruchs also weitergehen. Auch die Schweizer Sportler befürworteten die Fortsetzung. «Die meisten waren der Meinung, dass man dem Terror auf keinen Fall nachgeben darf – auch wenn bei allen Sportlern eine gedrückte Stimmung herrschte», sagt von Wartburg.

Zahlreiche offene Fragen

Dieser Entscheid war umstritten. Doch die Spiele gingen weiter, allerdings ohne israelische Athleten. Auf Befehl von Ministerpräsidentin Golda Meir traten die Überlebenden den Weg nach Hause an. Auch bei dieser Massnahme gab es Gegner. So wollte sich Shaul Ladany der Anordnung widersetzen. «Der Rückzug war eine Belohnung für die Terroristen», sagte der Geher kürzlich in einem Interview. Weil der 76-Jährige in einem anderen Gebäude wohnte, konnte er flüchten. Details über den Anschlag hat auch Ladany erst später erfahren. Er sei wütend über den gescheiterten Polizeieinsatz, sagte er. Doch nicht nur wegen des Polizeieinsatzes gibt es offene Fragen. So wurden die überlebenden Geiselnehmer schnell freigelassen, nie vor ein deutsches Gericht gestellt und dann von einer Sondereinheit des israelischen Geheimdiensts gejagt. Ebenfalls nicht geklärt ist die Frage, ob einige Geiseln von Polizisten oder von Geiselnehmern erschossen wurden. Und erst vor kurzem wurde offiziell, dass Neonazis bei den Vorbereitungen des Anschlags geholfen haben.

Sicher ist jedoch, dass der 5. September 1972 die Olympischen Spiele verändert hat. Bereits vier Jahre später seien die Sicherheitsvorkehrungen für die Athleten massiv erhöht worden, sagt von Wartburg. Und Deutschland verschärfte die Grenzkontrollen, wies vermehrt Araber aus und gründete die Antiterroreinheit GSG 9. Doch trotz allem: Das Bild des Terroristen, der sich mit einem Strumpf über dem Kopf über das Balkongeländer des Gebäudes im olympischen Dorf beugt, hat sich nicht nur in von Wartburgs Kopf festgesetzt.

Urs von Wartburg (Bild: pd)

Urs von Wartburg (Bild: pd)

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